Erdgaszuleitungen sind vor dem Heizkraftwerk 3 Stuttgart-Gaisburg zu sehen. © picture alliance/dpa | Marijan Murat Foto: Marijan Murat

Stadtwerke in SH befürchten weiter steigende Gaspreise

Stand: 04.07.2022 18:38 Uhr

Kalt duschen und auf Sparflamme kochen. Viele Menschen versuchen ihren Gasverbrauch deutlich zu reduzieren. Doch viele Energieversorger befürchten weitere Preissteigerungen - und das könnte auch zum Problem für die Unternehmen selbst werden.

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat die steigenden Energiekosten als "sozialen Sprengstoff" bezeichnet. Das weiß man auch bei den Stadtwerken SH. Dort bereitet man sich auf eine Gasmangel-Lage vor, also auf den Totalausfall russischer Gaslieferungen. Möglicherweise schon nach der Wartung der Gas-Pipeline Nordstream 1 Mitte Juli.

"Für uns ist das eine sehr ernste Situation. Wenn ich auf 2021 zurückblicke und auf 2023 schaue, sind das noch nie da gewesene Preiserhöhungen, die wir heute schon verzeichnen müssen", sagt Wolfgang Schoofs, Geschäftsführer der Stadtwerke SH. Die Preissteigerungen für Gas würden schon jetzt bei 245 Prozent liegen.

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Ein Gaszähler zeigt den Verbrauch eines Mehrfamilienhauses an. © picture alliance/dpa | Marijan Murat Foto: Marijan Murat

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Allein die Stadtwerke SH liefern jedes Jahr 600 Millionen Kilowattstunden Erdgas an ihre Kunden. Steigen die Gaspreise weiter, könnte das dazu führen, dass viele Menschen ihre Gasrechnung nicht mehr bezahlen können. Die Stadtwerke SH könnten sich deshalb eine Art "Gas-Soli" vorstellen. "Das gab es in früheren Zeiten ja auch schon, wie beispielsweise den Wasser-Pfennig oder den Kohle-Pfennig", sagt Schoofs. Die Idee sei nun wieder aufgekommen, um die Kostenlast auf alle zu verteilen.

Doch auch für die Unternehmen selbst können Preisexplosionen ernsthafte Folgen haben. Von den Stadtwerken in Kiel heißt es, dass man bei einer erhebliche Reduktion der Gasimporte zu aktuell sehr hohen Großhandelspreisen Ersatz beschaffen müsse. "Es besteht dann das Risiko, dass einzelne Stadtwerke diese extrem teuren Zukäufe nicht mehr stemmen können", sagt ein Unternehmenssprecher. Die Energieversorgung wäre bedroht.

Viele Stadtwerke erhöhen ihre Preise

Bei den Gaskunden in Schleswig-Holstein kommen die gestiegenen Weltmarktpreise mit einigen Ausnahmen schon heute an. Zahlreiche Unternehmen haben die Preise bereits erhöht oder haben eine Preissteigerung angekündigt. Beispielsweise die Stadtwerke Elmshorn. Ab August wird für die Kilowattstunde Gas 9,67 Cent fällig, 1,55 Cent mehr als noch im Juli. Für einen Vier-Personen-Haushalt bedeutet das Mehrkosten von etwa 20 Euro im Monat.

Auch die Stadtwerke in Kiel, Norderstedt und Lübeck sowie die Vereinigten Stadtwerke mit Sitz in Ratzeburg haben Preiserhöhungen bestätigt und teilweise schon vorgenommen. "Die Haushalte sollten sich ihre monatlichen Abschlagszahlungen nochmal sehr gründlich anschauen und überprüfen, ob es zum Verbrauch, insbesondere auf das Jahr betrachtet, passt", sagt Oliver Weiß von den Stadtwerken Norderstedt. Jetzt, wo sich der Preis teilweise verdoppelt oder verdreifacht hat, müssten die Haushalte aktiv werden und den Abschlag von sich aus anpassen.

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Versorgungslücken könnten teuer werden

Es gibt auch Unternehmen, die ihre Preise nur zum Jahresanfang angepasst haben und jetzt darauf verzichten können. Das liegt daran, dass sie ihren Gasbedarf schon Jahre im Voraus eingekauft haben, teilt ein Sprecher der Versorgungsbetriebe Bordesholm (VBB) mit. "Deshalb sind die bereits jetzt schon sehr hohen Energiepreise an der Börse bei der VBB im Einkauf und somit auch im Weiterverkauf für 2022 noch nicht angekommen."

Genauso sieht es auch bei den Stadtwerken Heide aus. Der komplette Gasbedarf wurde nach Unternehmensangaben schon im vergangenen Jahr komplett beschafft. Solange sich an der Versorgungssituation nichts ändert, bleiben die Preise auch stabil, sagt Geschäftsführer Stefan Vergo. "Sollte die Lieferkette unterbrochen werden und wir gezwungen sein die bereits für dieses Jahr eingekauften Mengen erneut beschaffen zu müssen, würde dies zu einem deutlichen Mehraufwand führen, den wir dann auch an die Kunden weitergeben müssen."

Umlageverfahren um Preisexplosion abzufangen

Auch die Unternehmen suchen nach Lösungen für die Energiepreis-Krise. Bei den Stadtwerken in Kiel wünscht man sich ein Umlageverfahren, an dem das Bundeswirtschaftsministerium gerade arbeitet. "Jeder Energieversorger, der durch die Ersatzbeschaffung für nicht mehr geliefertes russisches Gas Mehrkosten hat, könnte diese weitergeben", teilt ein Sprecher mit. Die Kosten würden dann gebündelt und in regelmäßigen Abständen auf alle Kunden in der gesamten Lieferkette verteilt. Ein solches Verfahren ähnelt der gerade abgeschafften EEG-Umlage.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 05.07.2022 | 19:30 Uhr

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