Hunderte von verschuldeten Spielern stehen in Reiehen, um ein Kinderspiel zu spielen. © xNetflixx

"Squid Game": Kinderpsychiater warnt vor Schäden

Stand: 02.11.2021 06:56 Uhr

Wie können Gewaltdarstellungen, wie die in der Serie "Squid Game", Kinder beeinflussen? Ein Gespräch mit dem Kinder- und Jugendpsychiater Oliver Soyka, Chefarzt bei der Vorwerker Diakonie in Lübeck.

von Johannes Tran

In einer Kita in Pinneberg haben Kinder Szenen aus der blutigen Netflix-Serie "Squid Game" nachgespielt. Die Kita-Leitung verschickte daraufhin einen warnenden Elternbrief. Darin heißt es, die Serie sei "brutal, gewaltverherrlichend und insbesondere für Kinder verstörend". Auch in Schulen in Lübeck und Kiel spielten Kinder nach Informationen von NDR Schleswig-Holstein Szenen aus "Squid Game" nach.

In der südkoreanischen Serie treten Menschen in harmlos anmutenden Spielen gegeneinander an, um ein Preisgeld zu gewinnen. Wer es nicht in die nächste Runde schafft, wird getötet. Die Serie umfasst neun Folgen und ist die bislang erfolgreichste Netflix-Produktion. Der Streaming-Anbieter empfiehlt sie offiziell ab 16 Jahren.

In der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Vorwerker Diakonie in Lübeck behandelt Chefarzt Oliver Soyka immer wieder Kinder, die Probleme mit ihrem Medienkonsum haben. Er sagt: Bestimmte Inhalte, ob aus Computerspielen, Serien oder Filmen, seien "potentiell traumatisierend".

Herr Soyka, ist es ein Problem, wenn Kinder Erschießungsszenen nachspielen?

Oliver Soyka: Dass Kinder diese Szenen nachspielen, bedeutet aus jugendpsychiatrischer Sicht erstmal, dass es sie beschäftigt und dass sie das Erlebte auf diese Weise verarbeiten. Während wir Erwachsene allerdings die Fähigkeit haben, eine gewisse Distanz zwischen Realität und Fiktion herzustellen, können Kinder das weit weniger gut. Ich halte es daher für bedenklich, wenn Kinder Serien wie "Squid Game" schauen. Denn das Gesehene dringt in ihre innere Erlebniswelt ein. Das Kind nimmt die Gewalt im Film dann als reale Gewalt wahr.

Was sind mögliche Folgen davon?

Chefarzt bei Vorwerker Diakonie gGmbH blickt in die Kamera vor einem grauen Hintergrund. © Vorwerker Diakonie
Der Kinder- und Jugendpsychiater Oliver Soyka, Chefarzt bei der Vorwerker Diakonie in Lübeck, warnt vor gewaltverherrlichenden Darstellungen in Filmen und Serien.

Soyka: Die Kinder können zum Beispiel Alpträume bekommen oder Ängste entwickeln. Es besteht auch die Gefahr, dass sie abstumpfen. Gerade bei Kindern im Kita- oder Grundschulalter. Denn das ist die Zeit, in der sich die Fähigkeit zu Empathie, zu Einfühlungsvermögen entwickelt. Durch den Konsum von Gewaltdarstellungen kann diese Entwicklung schon früh gestört werden.

Was kann ich als Elternteil tun, wenn mein Kind zu Hause erzählt, dass es die Serie zum Beispiel bei einem Freund geschaut hat?

Soyka: Das Wichtigste ist, dass ich meinem Kind zuhöre, dass ich Anteil nehme. Ich würde es erzählen lassen, welche Szenen es gesehen hat. Dann kann ich fragen: Was hat dir besonders Angst gemacht? Welche Bilder hast du im Kopf? Was können wir tun, damit diese Bilder wieder weggehen? Und dann kann man versuchen, dem Kind zu erklären: Das ist Fiktion, das ist nur gespielt. Ich könnte auch versuchen, meinem Kind etwas vorzulesen und so wieder andere Gedanken, andere Bilder ins Spiel zu bringen.

Die Serie "Squid Game" ist zurzeit sehr populär. Ist es überhaupt realistisch, mein Kind komplett davon abzuschotten? Oder bekommt es ohnehin davon mit?

Soyka: Das ist eine Frage der Haltung, die ich als Eltern habe. Man kann sicher nicht ganz verhindern, dass Kinder mit so etwas in Berührung kommen. Aber man sollte sich schon dafür interessieren, welche Medien das Kind im Alltag konsumiert. Ich bin immer wieder erschüttert, dass Sorgeberechtigte ihre Kinder nicht vor ungeeigneten Inhalten schützen.

Bei uns in der Kinder- und Jugendpsychiatrie haben wir teils mit siebenjährigen Patienten zu tun, die Zombie-Ego-Shooter spielen. Das sind Computerspiele, die erst ab 18 Jahren freigegeben sind. Dabei haben die Eltern eine Sorgfaltspflicht, das heißt, sie müssen bestimmte Regeln etablieren. Aber zu oft halten sie sich da raus. Genauso wie wir unseren Kindern Alkohol oder das Rauchen verbieten, sollten wir auch bei ihrem Medienkonsum Grenzen setzen.

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Oft gibt es einen großen Hype um Serien, der schnell wieder abebbt. Erledigt sich das Problem also bald von selbst?

Soyka: Das glaube ich nicht. Das Bedenkliche ist ja, dass immer mehr gewaltvolle Inhalte nachkommen. Bei Computerspielen und bei Filmen werden immer mehr Extreme gezeigt, um neue Reize zu setzen. Es ist eben nicht so, dass diese Inhalte harmlos sind, wie die Spiel- und die Filmindustrie es oft suggerieren.

Die Pinneberger Kita hat schnell die Eltern informiert, als sie von den "Erschießungsspielen" erfahren hat.

Soyka: Das finde ich vorbildlich. Es ist ja auch eine Hilfestellung für die Eltern, wenn der Kindergarten so schnell Stellung bezieht. Die Eltern sind schließlich selbst oft verunsichert und wissen nicht, welche Medieninhalte gut für ihr Kind sind und welche nicht. Die Botschaft muss also sein: Schaut genau hin und interessiert euch für das, was eure Kinder da konsumieren. Ich glaube, dass da ganz viel Aufklärung notwendig ist.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 30.10.2021 | 19:30 Uhr

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