Stand: 30.03.2019 14:01 Uhr

Midyatli: "Kopp in den Sand ist nicht mein Stil"

von Anna Grusnick

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Serpil Midyatli sagt über sich selbst, dass sie eine gute Organisatorin ist.

Langsamkeit kennt sie nicht: Schnellen Schrittes geht Serpil Midyatli durch das Foyer des Landeshauses an der Kieler Förde. Meistens im Gespräch, selten alleine, immer dynamisch. Sie ist überzeugt davon, dass es Zeit ist für einen Wechsel an der Spitze der Nord-SPD. Genau da will sie hin, daran lässt sie keinen Zweifel, seit sie im vergangenen Sommer ihre Kandidatur ankündigte und selbst Amtsinhaber Ralf Stegner vom Wie und dem Zeitpunkt der Ankündigung überrascht wurde. Midyatli gibt sich selbstbewusst: "Die Herausforderungen sind selbstverständlich groß. Bammel davor habe ich keinen. Ich freue mich eher auf die Aufgabe." Auf dem Landesparteitag in Norderstedt ist Serpil Midyatli nun zur ersten Frau an der Spitze der SPD in Schleswig-Holstein gewählt worden.

Vom sozialen Brennpunkt in den Landtag

Einige bezeichnen sie als politische Ziehtochter von Ralf Stegner. In der Tat wurde sie von dem 58-Jährigen jahrelang gefördert und unterstützt, vieles aber hat sie sich selbst erarbeitet. Serpil Midyatli weiß, was es heißt, die Ärmel hochzukrempeln und hart zu arbeiten. Bereits mit 18 wurde die Tochter türkischer Migranten Restaurant-Leiterin in Kiel, organisierte Großveranstaltungen und hatte bereits da viel Verantwortung.

Über ihre Kindheit sagt Midyatli, sie sei von einem Brennpunkt in den nächsten gezogen. Aufgewachsen in den Kieler Stadtteilen Mettenhof und Gaarden, lief es anfangs in der Grundschule nicht ganz rund. Sie musste die erste Klasse wiederholen, vielleicht weil sie von der Lehrerin falsch eingeschätzt wurde. Dann aber sei es besser gegangen sie sei gefördert worden, wurde später sogar Schulsprecherin.

Muslimische Wurzeln sind Midyatli wichtig

Ihre muslimischen Wurzeln sind ihr wichtig, sagt die 43-Jährige. Aber streng erzogen worden sei sie nicht und habe auch nie ein Kopftuch tragen müssen. Als erstes Mitglied islamischen Glaubens wurde die Mutter zweier Söhne 2009 in den Schleswig-Holsteinischen Landtag gewählt. Sie ist zurzeit stellvertretende Fraktionsvorsitzende und sitzt außerdem im Bundesvorstand der SPD.

"Glaubwürdigkeit muss auch sichtbar sein"

Die Umfragewerte der SPD seien alarmierend, sagt sie. Jeder müsse sich die Frage stellen, wie er mit seinem Beitrag die Situation verbessern könne. Genau das hat Midyatli für sich getan. "Kopp in den Sand ist nicht so mein Stil", sagt sie. Ihrer Meinung nach braucht die Partei einen personellen Wechsel an der Spitze. "Die Glaubwürdigkeit, wenn man Dinge verändern will, muss ja auch sichtbar sein."

Stegner sagt über Midyatli: Sie ist ein Vulkan

Serpil Midyatli bezeichnet sich selbst als Teamplayerin. Sie wolle Dinge anders machen als ihr Amtsvorgänger Ralf Stegner und "nicht gleich im Kopf die Checkliste ziehen, wenn jemand mit einer neuen Idee oder einem Vorschlag kommt". Für Midyatli sind "geht nicht, gibt's nicht" und "haben wir noch nie so gemacht" keine Argumente. Sie stellt sich einen SPD-Landesvorstand vor, in dem die Verantwortlichkeiten besser untereinander aufgeteilt werden.

Lederjacke zum Kleid, Kurzhaarschnitt, Zigarette in der Hand. Midyatli hat ihren eigenen Stil, sprüht vor Energie. Als Vulkan bezeichnete Ralf Stegner seine potenzielle Nachfolgerin. Impulsiv, das ist die 43-Jährige zweifelsohne. Zum Beispiel, wenn sie für ihre Themen im Landtag streitet: Familienpolitik, Gleichstellung und Integration. Dann kann sie auch schon mal aus der Haut fahren, laut in Debatten dazwischen rufen und ihre politischen Kontrahenten verbal attackieren.

"Organisation ist meine Stärke"

Ihr Mann unterstützt sie bei ihren Plänen und bei der Umsetzung ihrer Ziele. Aber, sie, Serpil Midyatli, gehört nicht zu den Frauen, die so tun, als ließen sich Beruf und Familie immer einfach vereinbaren. Sie kennt den Spagat, wenn die Kinder krank sind, aber eigentlich wichtige Termine anstehen. Sie weiß, wie es ist, müde und mit Augenringen in den Landtag zu kommen, weil die Nacht kurz war.

"Das alles miteinander gut zu organisieren, das ist auch eine meiner Stärken. Das habe ich als Selbstständige sehr viele Jahre gemacht", sagt Serpil Midyatli. Und bislang gebe es da noch keine Klagen, "weder von der Familie noch von meinen Jungs oder von meinen Freundinnen und Freunden".

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 30.03.2019 | 18:00 Uhr

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