Stand: 10.09.2020 17:54 Uhr

Schlachthof-Betreiber verteidigen sich

Eigentlich wäre Martin Bocklage schon in zwanzig Minuten dran - doch die Abgeordneten hängen mit ihrem Zeitplan hinterher und sind schon eine Stunde in Verzug. So bekommt Bocklage, der Personalleiter des Tönnies-Konzerns - und damit auch verantwortlich für den Thomsen-Schlachthof in Kellinghusen - noch in voller Länge mit, was die Gewerkschaften zur Anhörung im Sozialausschuss am Donnerstag beisteuern.

VIDEO: Personalleiter Tönnies: Schlachthof war nie Paradies der Werktätigen (8 Min)

Susanne Uhl vom DGB sieht durchaus Verbesserungen in der Politik - etwa kontrolliere das Land nun stärker. Dadurch sei es "nicht mehr so dramatisch wie vor anderthalb Jahren." Damals hatte vor allem die Unterbringung von Werkvertragsarbeitern in Kellinghusen für Wirbel gesorgt. Die Bilder von überfüllten, unhygienischen Wohnungen sorgten für Empörung. Den Subunternehmen der Schlachthöfe - die heute nicht mit vertreten sind - wirft Susanne Uhl vor, Arbeitszeiten zu manipulieren und so das Arbeitsschutzgesetz zu umgehen. Die freiwillige Selbstverpflichtung der Betriebe - also "der Herren links von uns", wie sie mit Blick auf die Sitzordnung sagt - halten Uhl und ihre Kolleginnen und Kollegen nicht für ausreichend.

Schlachthof-Betreiber fühlen sich zu Unrecht kritisiert

Tönnies-Personalleiter Bocklage sitzt lässig auf seinem Platz, macht sich Notizen und lächelt ab und zu in Richtung der Gewerkschafter. Dann ist er mit seinem Vortrag dran. "Wir wollen ein eigenes Bild der Lage zeichnen", stellt Bocklage zuerst klar. Und betont: "Ich kann das vertreten, was ich tue." Die Abgeordneten ruft Bocklage dazu auf, sich ein eigenes Bild zu machen.

Der Sitzungssaal des schleswig-holsteinischen Landtags ist während einer Sitzung nur knapp besetzt. © NDR Foto: Constantin Gill
Mit Gewerkschaften und Schlachtunternehmen trafen im Plenarsaal des Landtags am Donnerstag zwei Welten aufeinander.

Auch Bernd Stange, Geschäftsführer von Vion in Bad Bramstedt, wehrt sich dagegen, dass die Fleisch-Unternehmen "über einen Kamm geschoren" werden: "Ich möchte damit nicht sagen, dass wir wunderbare Verhältnisse haben und alles ganz fantastisch ist, es gibt sicherlich weiterhin, wie man so schön auf neudeutsch sagt, 'room for improvement', aber es ist eine Menge erreicht worden und wir werden einfach immer nur hingestellt, als wenn wir nur böse sind."

Vormittags hatten die Vertreter des Landesbauernverbands zunächst einen historischen Abriss geliefert: Etliche kleinere Schlachthöfe seien nach der BSE-Krise aufgrund hoher Hygiene-Anforderungen vom Markt verschwunden - geblieben seien wenige große Unternehmen. "Die Politik hat es toleriert", sagt Dietrich Pritschau, stellvertretender Vorsitzender des Bauernverbands. Die Schlachtkapazitäten, so der Appell, dürften nicht weiter schwinden. Man müsse natürlich "Fehlentwicklungen glatt bügeln", das aber mit Augenmaß, so Pritschau.

Landrat bescheinigt Unternehmen "merkwürdigen Umgang"

Auch Steinburgs Landrat Torsten Wendt findet es richtig, die Schlachtkapazitäten zu erhalten. Aber zu fairen Bedingungen, fordert er. Wendt ist mit seiner Kreisverwaltung auch für den Vion-Schlachthof zuständig - und hat sich mit dem Unternehmen juristisch auseinandersetzen müssen, weil es gegen die vom Kreis verordnete Quarantäne von Mitarbeitern im Zuge der Corona-Krise klagte. Er attestiert dem Unternehmen einen "merkwürdigen Umgang mit Behörden."

Man habe nur keinen Ansprechpartner beim Kreis gehabt und mittels der Klage einen Zugang finden wollen, erklärt Bernd Stange von Vion Bad Bramstedt später an diesem Tag. Alle anwesenden Unternehmen - Tönnies, Vion und Danish Crown - kündigen an, ihre Mitarbeiter bis zum Jahreswechsel fest anzustellen. Dann will der Bund das Instrument der Werkverträge ohnehin abschaffen. Die Schlachthof-Betreiber kritisieren, dass das Verbot nur für ihre Branche gelten soll - das sei Wettbewerbsverzerrung, so der Tenor.

Vieles andere, was der Bund noch vor hat, haben die Schlachthöfe schon selbst auf den Weg gebracht, erzählen die Geschäftsführer im Landtag. Eine manipulationssichere, elektronische Erfassung der Arbeitszeit etwa habe man schon länger, berichtet Dirk Hartmann, Geschäftsführer bei Danish Crown Husum. Er versichert außerdem: "Wir haben erkannt, dass es um die soziale Komponente geht." Man nehme die Mitarbeiter jetzt stärker an die Hand, so Hartmann.

250 Euro für einen Corona-Test?

Beschwerden laufen bei Gewerkschaften und Anwohnern trotzdem noch immer regelmäßig auf: Anja Halbritter, die für den Stützkreis Kellinghusen an der Anhörung teilnimmt, berichtet von vielen Anrufen von Schlachthof-Beschäftigten: "Es klingelt in einer Tour", erzählt sie. Sie würden ihr neuerdings berichten, dass sie 250 Euro für ihren Corona-Test zahlen müssten. Empörung bei den Abgeordneten.

Später reagieren auch die anwesenden Schlachthof-Vertreter überrascht - und sprechen von einem "No-Go". Martin Bocklage von Tönnies sagt dazu: "Soll das bei uns gewesen sein?" Anja Halbritter vom Stützkreis habe ihm das "noch gar nicht per Whatsapp geschrieben", betont er seinen engen Draht zu der Kellinghusener Anwohnerin. "Name, Datum, Truppenteil!" sagt er und verspricht: "Und dann wird das aufgeklärt."

Die Auseinandersetzungen werden wohl auch nach dem Jahreswechsel - und den gesetzlichen Änderungen - nicht aufhören. Zumal es noch viele offene Fragen gibt. Etwa, wie die Unternehmen juristisch mit den Veränderungen umgehen. Bocklage schmunzelt: "Vielleicht kläre ich das mit Frau Uhl dann im Einzelfall." Die Angesprochene stutzt kurz - und schüttelt dann den Kopf.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 10.09.2020 | 19:30 Uhr

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