Kühe auf einer Weide © NDR Foto: Fabian Weißhaupt

Reform der EU-Agrarpolitik: Welche Rolle spielt Umweltschutz?

Stand: 17.03.2021 20:38 Uhr

Die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der EU soll reformiert werden, Umweltschutz eine größere Rolle für Subventionen spielen. In SH machen Landwirte und Naturschützer zum Teil schon gemeinsame Sache.

Eine Woche vor der nächsten EU-Agrarministerkonferenz kamen die beteiligten Minister der Europäischen Union am Mittwoch zu einer Sondersitzung zusammen. Es ging um die anstehende Reform der sogenannten Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP). Im Rahmen einer Videokonferenz berieten die Minister über die nationale Umsetzung der künftigen Fördergelder aus Brüssel. Die Reform sieht vor, dass Prämien und Subventionen in Zukunft anders verteilt werden. Der größte Streitpunkt ist, wie stark die EU-Mittel künftig mit Umweltschutz-Maßnahmen verknüpft werden sollen. Der Landesnaturschutzverband in Schleswig-Holstein fordert, dass in Zukunft möglichst viele Mittel für eine nachhaltigere Landwirtschaft eingesetzt werden. Das Budget müsse jährlich erhöht werden.

Bauernverband spricht im Oktober vom "großen Wurf"

Im vergangenen Herbst hatten sich die EU-Agrarminister auf erste Einzelheiten der geplanten Reform geeinigt. Es war ein Kompromiss, der vorsieht, dass 20 Prozent der Direktzahlungen nur dann ausgezahlt werden, wenn sich die Landwirte an bestimmte Öko-Regelungen halten. Der Entwurf der 28 EU-Mitglieder sei ein großer Wurf, erklärte damals der Generalsekretär des Bauernverbandes Schleswig-Holstein, Stephan Gersteuer.

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) sei es gelungen, auch die anderen europäischen Länder dazu zu bringen, zukünftig einen Teil der Direktzahlungen in Umwelt- und Klimaschutz zu investieren, so Gersteuer. Der NABU äußerte die Hoffnung, dass Brüssel den Kompromiss noch um weitere Umweltauflagen ergänzt.

Wasbek: Naturschützer und Bauern-Vertreter gemeinsam

Grundsätzlich sind es neue Wege für die Landwirtschaft. Ein Teil der Bauern in Schleswig-Holstein ist schon jetzt bereit, weniger Gülle auf die Äcker zu bringen oder für mehr Tierwohl in den Ställen zu sorgen. Manche Landwirte machen sogar gemeinsame Sache mit Naturschützern - zu sehen am Dienstag in Wasbek (Kreis Rendsburg-Eckernförde) bei Neumünster.

Dorthin hatte der Landesnaturschutzverband Schleswig-Holstein (LNV) geladen - zusammen mit den schleswig-holsteinischen Landesverbänden der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), dem Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) und Land schafft Verbindung (LsV).

Forderung: Mehraufwand muss finanziell unterstützt werden

Die Landwirtschafts- und Naturschutzverbände sind der Ansicht, dass sich Natur- und Tierschutz auch finanziell lohnen muss. Der Landesnaturschutzverband hat sich für einen Systemwechsel in der Agrarpolitik ausgesprochen. Die Landwirtschaft sei bereit für mehr Klimaschutz und Tierwohl. Doch die Agrarpolitik müsse entsprechenden Mehraufwand auch finanziell unterstützen.

Weitere Informationen
Ein Landwirt erntet auf einem staubigen Feld Kartoffeln. © picture alliance Foto: Julian Stratenschulte

Agrarreform: Bauernverband lobt, NABU kritisiert (21.10.20)

Seit vergangener Nacht gibt es einen Kompromiss zur geplanten Agrarreform. In SH wird er unterschiedlich bewertet. mehr

Bündnis will 30 Prozent der EU-Mittel an Umwelt- und Tierschutz koppeln

Im Moment ist es so: Je mehr Hektar ein Betrieb hat, desto mehr finanzielle Unterstützung bekommt dieser Betrieb von der EU. Das soll sich in Zukunft ändern. Die Verbände, die nach Wasbek geladen hatten, und auch das EU-Parlament wollen, dass 30 Prozent der Fördersummen, die bislang für die Flächen bezahlt werden, an umwelt- und tierfreundliche Maßnahmen gekoppelt werden - und nicht nur 20 Prozent, wie es die Agrarminister vorsehen.

Bei 30 Prozent würden vor allem kleinere Betriebe für ihren Einsatz für Tier und Natur angemessen berücksichtigt, meint unter anderem die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL). Nach und nach müsste der Anteil dann deutlich erhöht werden, so die AbL.

Beispiel Weidetierhaltung: Noch nicht von der EU gefördert

Ein Beispiel ist die Weidetierhaltung, die bislang noch nicht von der EU gefördert wird. Das müsse sich ändern, sagt Heiko Strüven, Milchviehhalter aus Wilstermarsch (Kreis Steinburg). Er besitzt 130 Kühe, die die meiste Zeit auf der Weide stehen. Dadurch geben sie weniger Milch, erklärt er. "Eine Prämie muss auch die Weidehaltung belohnen, sonst lohnt sich aufgrund der Milchpreise diese Haltung nicht. Die Bauern würden auf Stallhaltung umstellen und das kann nicht Sinn der Sache sein", sagt Strüven. Aktuell bekommt er von den Molkereien nach eigenen Angaben 31 Cent pro Liter Milch.

Agrarforscher Taube: Auch neues System wäre leicht auszuhöhlen

Der Agrar- und Umweltforscher Friedhelm Taube von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) hatte den EU-Kompromiss im Herbst 2020 als enttäuschend bezeichnet. "Die Freiheitsgrade, die nach wie vor bestehen, um dieses System im Sinne von Umweltleistung auszuhöhlen, sind uneingeschränkt da", sagte er. Seiner Meinung nach müsste das gesamte Fördersystem der EU überarbeitet werden. Landwirte dürften nur Geld erhalten, wenn sie ausschließlich ökologisch arbeiten, so Taube.

Weitere Informationen
Ein Trecker fährt auf einem großen Feld. © picture alliance Foto: Jens Büttner

EU-Agrarmilliarden: Diese Regionen im Norden profitieren

Mehr als 1,8 Milliarden Euro Agrarsubventionen sind 2019 in den Norden geflossen - besonders viel davon in den Deichschutz. Neue Daten zeigen, welche Regionen am meisten profitieren. mehr

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 16.03.2021 | 19:30 Uhr

Nachrichten aus Schleswig-Holstein

Freizeitsportler spielen auf einem Beachvolleyball Platz. In der Mitte hängt ein weißes Netz mit gleber Umrandung. © picture alliance/dpaau Foto: Christophe Gateau

Corona-Maßnahmen werden gelockert: Das gilt ab Montag

Mehr Sport, Kultur und Gastronomie - für Schleswig-Holsteiner ist ab kommender Woche wieder mehr möglich. mehr

Videos