Stand: 11.06.2020 08:00 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Psychologe: "Eltern dürfen Corona-Ängste nicht übertragen"

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Ist Professor für Entwicklungspsychologie an der Uni Kiel: Thorsten Kolling.

Die Großmutter besuchen? Vielleicht besser nicht - oder mit viel Abstand. Mit Freunden eine Runde Fußball spielen? Eher nicht. Seit Wochen leben wir wegen der Corona-Pandemie mit Einschränkungen - und das betrifft natürlich auch Kinder. Viele haben Schwierigkeiten, damit klarzukommen. Im Interview mit dem NDR Schleswig-Holstein spricht Thorsten Kolling darüber, wie Kinder mit Abstands- und Hygieneregeln umgehen und was das möglicherweise mit ihrer Psyche und ihrer sozialen Entwicklung macht. Kolling ist zurzeit Vertretungsprofessor an der Christian-Albrechts-Universität Kiel für Entwicklungspsychologie und klinische Psychologie des Kindes- und Jugendalters.

Es gab und gibt weiterhin einige Corona-Einschränkungen: Kann das was mit Kindern machen?

Thorsten Kolling: Ja, auf jeden Fall - das macht etwas mit Kindern. Das ist natürlich altersabhängig. Es macht was mit Kindern, aber auch mit Eltern, also dem Familiensystem. Was es genau mit den Kindern macht - im guten oder im schlechten - hängt auch ganz stark davon ab, wie die Eltern sich positionieren, wie sie mit den Kindern umgehen und wie ihr Erziehungsverhalten ist.

Umarmungen sind nicht mehr so angesagt, stattdessen gibt es Kontaktbeschränkungen. Kann das der kindlichen Entwicklung schaden?

Kolling: Für Kinder ist das eine ungewöhnliche Situation, wenn sie die Großeltern nicht umarmen dürfen, die Eltern in Situationen auf Abstand gehen. Der weitaus wichtigere Punkt ist aber, dass Kinder auch Ängste oder Sorgen aufbauen. Warum muss ich überhaupt Abstand halten? Was ist so ein Virus? Krieg ich das auch? Was passiert, wenn Oma und Opa das kriegen oder meine Eltern? Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Man muss in dem Kontext auch Ängste und Sorgen immer sehr stark bedenken. Das Wegfallen von körperlicher Berührung außerhalb des engeren familiären Kontextes ist sicherlich nicht schön, aber das würde ich jetzt noch nicht als Problem sehen. Kinder halten das temporär aus.

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Was sehen Sie denn problematischer?

Viel problematischer sind die Ängste und Sorgen, die mit dieser physischen Distanz und diesen neuen Regeln - Abstand halten, Maske tragen - auftreten. Da muss man auch ganz stark gucken, dass das die Kinder nicht zu stark belastet. Auch perspektivisch betrachtet über Corona hinaus.

Was müssen wir Kindern mitgeben, damit sie auch nachvollziehen können, was da gerade passiert?

Kolling: Sicherlich hilft erklären: Was macht das Virus, ist das gefährlich? Das Infektions- und Virusgeschehen kindgerecht erklären. Dass die Kinder wissen, was passiert da eigentlich - warum muss ich auf Abstand gehen. Und noch wichtiger - wir als Eltern müssen unsere Ängste und Sorgen unter Kontrolle haben. Wir wissen aus der entwicklungspsychologischen Forschung ganz stark: Umso jünger die Kinder sind, umso stärker bestimmen die Eltern natürlich auch die Emotionen der Kinder mit. Wenn ein Kind Angst hat vor einem Hund und wir gucken erschrocken, dann wird die Angst nur noch verstärkt. Wenn wir Eltern eine übertriebene Angst vor diesem Virus haben, dann übertragen wir das natürlich auch auf Kinder. Das merken wir ja auch in der gesellschaftlichen Debatte. Manche sind durch diese Angst auch gelähmt - die Kinder werden in den eigenen vier Wänden gehalten, man geht gar nicht mehr raus, obwohl man es darf, obwohl es auch sinnvoll wäre.

Wie können wir ihnen also Ängste und Sorgen nehmen?

Kolling: Wenn ich mich als Elternteil gut mit dem Virus auseinandersetze, dann werden die Ängste auch nicht so stark auf die Kinder übertragen, weil die Kinder - selbst wenn sie Abstand halten müssen und eine Maske tragen - per se erst einmal keine Angst vor dem Virus haben. Wenn man ihnen erklärt, dass es eine vernünftige Vorsorgemaßnahme gegen das Virus ist und wenn wir diese Maßnahmen umsetzen, dann können wir das Virus - auch wenn es gefährlich ist - eindämmen und kontrollieren. Dann müssen wir uns auch nur bedingt Sorgen machen um unsere Liebsten.

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Vor dem Klassenraum Schlange stehen, Tische müssen desinfiziert werden - wie nimmt ein Schulkind all diese Regeln wahr?

Kolling: Das müssen Lehrer erklären, auch im Vorfeld, das ist ganz wichtig. Diese Aufgabe haben alle: Eltern, Lehrer, Erzieher. Das geht natürlich bei einem Sekundarschulkind besser als bei einem Grundschulkind - und dann noch mal besser als bei einem Kitakind. Der Bundespräsident hat gesagt: "Lass' uns heute Abstand halten, damit wir uns morgen wieder umarmen können." Diesen Satz finde ich unheimlich wichtig, den kann man auch Kindern beibringen. Also immer auch temporär sagen - das ist jetzt wichtig bis zu den Sommerferien und dann gucken wir mal weiter.

Wie sehen Sie es bei Kitakindern?

Für die Kitas ist das im Moment natürlich extrem belastend. Sie können Kindern mit zwei bis fünf Jahren nicht vermitteln: 'Wir hatten früher ein offenes Konzept. Jetzt können deine Eltern aber nicht mehr mit in die Kita, ihr seid in Gruppen getrennt und wir müssen alles desinfizieren.' Das ist der absolute Wahnsinn. Ich hoffe, dass die Politik einfach irgendwann sagt: Kitas auf - und zwar ohne Hygienekonzept, weil es für die Kinder verdammt schwierig ist, das zu verstehen. Das ist im Schulbereich etwas anderes, aber in Kitas verdammt schwer. Einem dreijährigen Kind Abstand zu erklären, das funktioniert nicht. 

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Wenn die Corona-Pandemie irgendwann weitestgehend überstanden ist - bleibt bei den Kindern von all den Maßnahmen und Regeln etwas hängen?

Kolling: Das ist ein Blick in die Glaskugel. Ich glaube, es hängt ganz davon ab, wie die Familie, aber auch das ganze gesellschaftliche System das löst. Dass wir gelernt haben, Hände waschen zu müssen, etwa auch in Grippezeiten, dass wir bei Husten sagen, wir bleiben mal lieber zu Hause im Homeoffice - das sind auch positive Dinge. Die klassischen Hygieneregeln können wir übertragen. Ich hoffe aber nicht, dass die Regularien zu sehr hängen bleiben. Ich glaube aber, dass sich mehr in die Zukunft übertragen wird - nicht nur das Gute, sondern auch die Ängste oder Sorgen. Diese Psychologie wird sich weitertragen, auch im öffentlichen Raum.

Wie könnte sich das bemerkbar machen?

Man wird zum Beispiel schief angeguckt, wenn man mit zwei Kindern einkaufen geht. Oder Fragen wie: Wer darf in die Kita, wer darf in die Notbetreuung - da habe ich wirklich Sorge, dass das für unser System gefährlich wird. Stellen Sie sich vor, da kommt im Herbst eine zweite Welle. Da geht's mir nicht so stark um die Gesundheit, sondern um die Ängste und Sorgen. Selbst wenn wir Covid-19 unter Kontrolle haben, werden wir die Ängste und Sorgen bei Kindern, aber auch gesamtgesellschaftlich noch länger bearbeiten müssen.

Braucht es mehr Psychologen?

Kolling: Ja. Wenn man sich Studien anguckt, wird deutlich, dass Ängste und Sorgen auch zu psychischen Problemen, bis hin zu posttraumatischen Belastungsstörungen, führen können. Das ist auch sehr stark abhängig vom sozioökonomischen Status. Wobei die Folgen sowohl die Einkommensschwachen als auch die Einkommensstarken treffen können. Wir brauchen mehr psychologische Expertise. Und es braucht auch Coaching für Arbeitgeber und Arbeitnehmer mit Homeoffice im Zusammenhang mit möglicher Vereinsamung.

Das Interview führte Christine Pilger.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 11.06.2020 | 08:00 Uhr

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