Stand: 29.06.2020 20:55 Uhr

Helgoland: Basstölpel bauen Nester mit Plastik - und verenden

Jeden Tag, wenn Elmar Ballstaedt durch sein Fernglas den Lummenfelsen erkundet, hat er ein besonderes Augenmerk für bestimmte Vögel: Basstölpel und Trottellummen. Doch das, was er täglich im Naturschutzgebiet Helgolands sieht, sorgt ihn. "Da drüben, die eine Trottellumme, die ist auf jeden Fall tot", sagt der Ornithologe, als sein Blick an einem Tier hängen bleibt. "Die hat gestern noch gelebt." Die Todesursache ist menschengemacht: Plastik. Für viele Vögel ist das die Todesfalle, sie verheddern sich darin und verenden. Manchmal dauert die Qual der Tiere wochenlang. Dagegen will Ballstaedt etwas machen - und eine langfristige Perspektive entwickeln, um die Tiere und die Natur zu schützen.

Experte: Tiere hängen manchmal wochenlang in Plastikschlinge

Jährlich kommen Tausende Basstölpel auf den Lummenfelsen, um dort zu brüten - aktuell sind es knapp 1.289 Paare. Das Material für ihre Nester holen die weißen Seevögel draußen aus der Nordsee, in der Regel Algen. Doch seit einiger Zeit häufe sich der Plastikanteil im Nest, sagt Ballstaedt. "Es ist total reißfest und deswegen wird es im Nest eingebaut, wird zur Schlinge oder verknotet sich", berichtet der Experte. "Wenn die sich an den Füßen aufhängen, dann hängen die manchmal bis zu zwei Wochen im Felsen. Wenn die sich am Kopf aufhängen, dann geht das meistens innerhalb von ein paar Stunden."

Verhedderte Tiere werden kartografiert

Alle Tiere, die sich verheddern, kartografiert der Ornithologe. Es sei etwas, das sich eigentlich niemand anschauen will, sagt Ballstaedt. Er schöpfe daraus aber auch Motivation für seine Arbeit: Im Rahmen seiner Promotion hat der studierte Umweltwissenschaftler mit Schwerpunkt in der Vogelkunde ein Projekt gestartet. "Basstölpel und Meeresmüll" heißt die Pilotstudie - mit ihr will Ballstaedt nach eigenen Angaben das Ausmaß der Verschmutzung dokumentieren - herausbekommen, von wem der Plasikmüll stammt und daraus langfristige Handlungsempfehlungen formulieren.

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Plastik aus der Fischerei

Ballstaedt versucht unter anderem herauszufinden, woher die Vögel das Plastik holen - und auch, wann das passiert. "Ich habe so 90 Probenester, die ich auch täglich fotografiere, um sie am Computer dann zu vergleichen." Manche Vögel hat der Wissenschaftler darüber hinaus mit Peilsendern bestückt. Viel von dem Plastik, das Ballstaedt findet, sei orangener oder blauer Kunststoff, oft zu feinen Fäden verarbeitet, die mittlerweile fest und großflächig im Felsen hängen. "Orange ist dominant im Felsen, es ist farblich sehr ansprechend. Zum einen gibt es da eventuell eine Farbpräferenz, dass die Tiere das bevorzugen", vermutet der Wissenschaftler, "das andere ist, dass die Struktur eher so faserartig ist - und das hat Tang eben auch." Ballstaedt meint, die Seevögel könnten es mit Seegras verwechseln.

Einiges an Plastik stammt auch aus dem Alltag

Die feinen Kunststoffschnüre könnten aus der Fischerei stammen, doch genau könne man das nicht sagen, meint der Ornithologe. Was aber auffällt: In und um die Nester gebe es durchaus auch Plastik, das aus dem Alltag stammt - wie Zitrusfrucht-Netze aus dem Supermarkt, Einweg-Spanngurte für Pakete oder die Reste von einem Heliumballon mit Schnur, der vielleicht auf einem Volksfest steigen gelassen wurde.

Ziel: Hersteller in Verantwortung stellen

Um genau rauszubekommen, woher die Plastikpartikel stammen, gehen die gesammelten Plastikfragmente ins Labor. Doch je kleiner die Teile sind, desto schwieriger sei es momentan noch, die Funktion und Herkunft zu bestimmen, sagt Ballstaedt. Bis Herbst will der Wissenschaftler noch weitere Daten über die Basstölpel und ihre Nester sammeln und dann auswerten. Im Idealfall könnte er dann erfahren, von welchen Herstellern der Plastikmüll stammt - um die Unternehmen aufzufordern, ungefährlichere Alternativen zu nutzen.

Das Projekt "Basstölpel und Plastikmüll" läuft in Kooperation mit dem Forschungs- und Technologiezentrum Westküste der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (FTZ), dem Verein Jordsand zum Schutz der Seevögel und der Natur e.V., dem Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI), dem Institut für Vogelforschung "Vogelwarte Helgoland" (IfV) und der Gemeinde Helgoland.

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Schleswig-Holstein Magazin | 29.06.2020 | 19:30 Uhr

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