Noch 14 Monate in Betrieb: Letzte Revision am AKW Brokdorf

Stand: 05.10.2020 15:57 Uhr

Im Atomkraftwerk (AKW) Brokdorf wird die letzte Revision durchgeführt. Ende 2021 ist dort Schluss mit der Stromproduktion. Dann wird auch das dritte AKW in Schleswig-Holstein für immer runtergefahren.

von Carsten Rauterberg

Seit dem 19. September läuft die Jahres-Revision im AKW Brokdorf (Kreis Steinburg). Das bedeutet, der letzte von einst drei Strom produzierenden Meilern in Schleswig-Holstein ist übergangsweise vom Netz genommen worden. Nun werden mehrere Wochen lang alle Geräte, Rohre, Leitungen - also die gesamte Kraftwerks-Technik - inspiziert und, wenn notwendig, repariert. Dazu sind neben den 300 festangestellten Mitarbeitern von Betreiber Preussen Elektra mehrere hundert Techniker und Experten von Fremdfirmen aus dem gesamten Bundesgebiet auf dem AKW-Gelände. Überwacht werden die Arbeiten von der Atomaufsicht in Kiel sowie von Sachverständigen des TÜV Nord.

Arbeiten bis Ende Oktober

Im Rahmen der Revision werden auch wieder Brennelemente getauscht. Weil vor drei Jahren Probleme mit oxidierten Brennstäben aufgetreten waren, musste das AKW seine Leistung reduzieren. Aktuell seien keine Probleme mehr aufgetreten, sagt Kraftwerksleiter Uwe Jorden. Um aber komplett sicher zu gehen, seien 72 neue Brennelemente von einem anderen Hersteller und aus einem anderen Werkstoff als die früher eingesetzten. Die Arbeiten sollen voraussichtlich Ende Oktober abgeschlossen werden. Erst wenn die Atomaufsicht in Kiel die Genehmigung erteilt, darf Preussen Elektra die Anlage wieder anfahren.

Revision im Corona-Modus

Wegen der Corona-Pandemie ist die letzte Revision eine besondere Herausforderung. So werden Besprechungen nicht persönlich, sondern telefonisch oder per Videokonferenz durchgeführt. Um zu vermeiden, dass sich riesige Menschenmassen gleichzeitig im Kraftwerk aufhalten, wird rund um die Uhr gearbeitet. Eine Schicht von 6 bis 17 Uhr, dann eine Stunde Pause zum Ein-und Ausschleusen der Mitarbeiter und dann von 18 Uhr bis zum frühen Morgen.

Wann kommt Teilgenehmigung?

2017 hatte Preussen Elektra den Antrag zum Rückbau des AKW Brokdorf gestellt. Mehrere hundert Aktenordner müssen seitdem von der Atomaufsicht im Kieler Umweltministerium geprüft werden. Wann mit einer ersten Teilgenehmigung zu rechnen ist, ist nicht bekannt. Betreiber Preussen Elektra will während des gesamten Verfahrens über die Vorbereitungen und den Rückbau selbst informieren.

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Blick auf das Atomkraftwerk in Brokdorf in Schleswig-Holstein. © Imago/Star Media

Wie gefährlich ist der Rückbau des AKW Brokdorf?

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Es soll regelmäßige Info-Veranstaltungen in Brokdorf geben. Darüber hinaus hat der Betreiber eine Dialog-Gruppe eingerichtet. Dort sollen interessierte Vertreter aus der Region - also auch AKW-Gegner- regelmäßig im kleinen Kreis von der Kraftwerksleitung über alle Schritte des Rückbaus informiert werden. Auch das Ministerium plant eine Beteiligung der Öffentlichkeit. Laut einem Sprecher gibt es einen ersten Vor-Ort-Termin, einen sogenannten Erörterungstermin, in Brokdorf im Februar 2021.

Kritik am Umgang mit Abfall

Während die Atomaufsicht den Rückbauantrag prüft, haben der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) und die Bürgerinitiative Brokdorf Akut bereits Kritik an den Rückbau-Plänen geäußert. Ihnen geht das gesamte Verfahren zu schnell. Sie kritisieren vor allem den Umgang mit dem beim Rückbau anfallenden radioaktiven Abfall. Im August reichten sie 800 Unterschriften und weitere Einzelanwendungen beim Energiewendeministerium in Kiel ein.

Nach Ansicht der Kritiker ist die Frage der Lagerung des Abfalls aus dem Rückbau nicht ausreichend geklärt. Vor allem geht es den AKW-Gegnern um die Frage der Sicherheit des immer noch schwach- und mittel-radioaktiven Materials aus dem Rückbau. Sogar eine Lagerung des Materials unter freiem Himmel sei möglich, kritisieren sie.

Betreiber Preussen Elektra weist die Kritik zurück. Man werde sich bei allen Fragen zum Thema Lagerung und Strahlenschutz an die Vorgaben des Ministeriums halten, sagte eine Sprecherin. Das Ministerium will sich erst in einigen Wochen ausführlich zu der Kritik äußern.

Hoch-radioaktives Material in Zwischenlager

Beim Rückbau fallen rund 1.000 Tonnen Bauschutt und zum Teil radioaktiv belastetes Material an. Dafür gibt es unterschiedliche Entsorgungskonzepte. Das hoch-radioaktive Material aus dem AKW wird in Castoren verpackt, die im Standort-Zwischenlager Brokdorf (SBZ) eingelagert werden. Derzeit lagern dort 35 Castoren, nach dem Rückbau werden es laut Betreiber 80 sein.

Dazu kommen noch sieben Castoren mit Atommüll aus der Wiederaufbereitungsanlage im britischen Sellafield. Preussen Elektra hat dazu einen Antrag auf Einlagerung gestellt. Langfristig sollen die Castoren in ein bundesweites Atommüll-Endlager gebracht werden. Das Auswahlverfahren läuft.

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Schacht Konrad für mittel-radioaktives Material

Der beim Rückbau anfallende mittel- und schwach-radioaktive Abfall soll in das bundesweite Endlager Schacht Konrad bei Salzgitter gebracht werden. Wann dieses in Betrieb genommen werden kann, steht derzeit noch nicht fest. Daher soll in Brokdorf - ähnlich wie in Brunsbüttel - eine sogenannte Transportbereitstellungshalle gebaut werden. Betreiber wird die entsprechende Entsorgungsgesellschaft des Bundes sein. Wann der Bau beginnt, ist noch unklar.

Welche Deponie lagert gering radioaktives Material?

Der Bauschutt aus dem AKW-Rückbau, der nur sehr gering radioaktiv ist, soll künftig auf einer Deponie in Schleswig-Holstein gelagert werden. Das zuständige Umweltministerium hat noch keine Entscheidung getroffen, welche Deponie das sein wird. Mehrere Gemeinden haben die Lagerung des Bauschutts bereits abgelehnt. Das Ministerium kann die Standorte aber anweisen, den Bauschutt aufzunehmen.  

Rückbau frühestens 2038 abgeschlossen

AKW-Betreiber Preussen Elektra strebt eine Rückbau-Genehmigung spätestens ein Jahr nach der Abschaltung an. Wenn der Meiler Ende 2021 vom Netz genommen wird, wäre das also Ende 2022, Anfang 2023. Die Atomaufsicht im Kieler Umweltministerium wollte sich dazu nicht äußern. Derzeit prüfen die Experten hunderte Aktenordner des Rückbau-Antrages.

Einen konkreten Zeitplan zum Rückbau gibt es noch nicht. Sowohl Preussen Elektra als auch die Atomaufsicht halten sich da öffentlich sehr bedeckt. Aber für alle Atomkraftwerke, wie zum Beispiel Brunsbüttel und Krümmel, nennen Experten immer ein Zeitfenster von 15 bis 20 Jahren. Demnach ist frühestens für 2038 damit zu rechnen, dass auf dem AKW-Gelände am Elbdeich in Brokdorf wieder eine grüne Wiese zu sehen ist.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 05.10.2020 | 19:30 Uhr

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