Serpil Midyatli lacht in die Kamera.  Foto: Axel Heimken

Midyatli: "Kopp in den Sand ist nicht mein Stil"

Stand: 15.08.2021 14:17 Uhr

Sie weiß genau, was sie möchte und hat die politische Karriereleiter in den vergangenen drei Jahren mit großer Leichtigkeit und vor allem Schnelligkeit erklommen: Serpil Midyatli.

von Anna Grusnick

Ende März 2019 wurde sie zunächst zur ersten Frau an der Spitze der Nord-SPD gewählt, nur wenige Monate später dann in den Bundesvorstand der Partei. Seit wenigen Wochen ist sie nun auch Fraktionsvorsitzende der SPD im schleswig-holsteinischen Landtag und damit Oppositionsführerin - diese Funktion genießt in der Landesverfassung eine besondere Stellung.

Es gibt nicht viele, die Serpil Midyatli diese Karriere zugetraut hätten. Aber: Sie hat es sich zugetraut, selbst- und vor allem machtbewusst. Inzwischen hat sie, so berichten es zahlreiche Parteifreunde, viel in der Partei verändert und einen Erneuerungsprozess in der schleswig-holsteinischen SPD angestoßen.

 Viele Veränderungen seit Amtsantritt angeschoben

So wurde der Vorschlag für die Landesliste für die Bundestagswahl eine Woche vor der offiziellen Listenaufstellung im Vorstand abgestimmt und nicht im Alleingang festgelegt. Erfahrene und jüngere Politikerinnen und Politiker fanden sich auf den vorderen Plätzen wieder und nach ihrer ersten Sitzung als Fraktionsvorsitzende der SPD im Kieler Landtag gab Midyatli erstmal einen aus in einer Bar an der Förde.  

Vor ihrer ersten Wahl zur Landeschefin im Jahr 2019 hatte die 46-Jährige gesagt: "Ich stelle mir einen Landesvorstand vor, wo wir die Verantwortlichkeiten besser untereinander aufteilen. [...] Was ich definitiv anders machen möchte, ist, wenn jemand mit einer neuen Idee oder mit einem Vorschlag kommt, dass man gleich im Kopf die Checkliste zieht, geht nicht, geht nicht, geht nicht, haben wir noch nie so gemacht."

 "Kopp in den Sand ist nicht mein Stil"

Aus der SPD heißt es, sie führe die Partei inzwischen wie ein Unternehmen. Das sorgt für Anerkennung in den eigenen Reihen. Auch, dass sie das Team in den Mittelpunkt rückt und sich selbst nicht so wichtig zu nehmen scheint - und dennoch genau weiß, wann sie wie wirken, sich äußern und auftreten will.

Die Mutter zweier Söhne hat ihren eigenen Stil - sprüht vor Energie. Bereits mit 18 wurde die Tochter türkischer Migranten Restaurant-Leiterin in Kiel, organisierte Großveranstaltungen und hatte bereits da viel Verantwortung.

"Kopp in den Sand", das sei nicht ihr Stil, sagte Midyatli einmal angesichts schlechter Umfragewerte ihrer Partei. Ständig ist sie im Land unterwegs, um auch außerhalb von Wahlkämpfen mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, ihnen zuzuhören, Stimmung aufzunehmen - oder sogar einem kleinen Mädchen wöchentlich Sprachförderunterricht zu geben, damit diese den Sprung auf die weiterführende Schule schafft.

 Langsamkeit kennt sie nicht

Und dennoch: Bei der Wahlkreis-Nominierung zur Landtagswahl-Direktkandidatin im Wahlkreis Kiel-Ost bekam sie weniger Stimmen als erwartet und erhofft. Am Ende war sie erleichtert über die knappe Nominierung mit 48 zu 42 Stimmen. Im Falle einer Niederlage hätte sie nicht für den Landtag kandidieren wollen.

Seit 2009 gehört Serpil Midyatli dem schleswig-holsteinischen Parlament an - hat dort vor allem die Themen Flüchtlinge, Familien- und Kita-Politik oder die Lage auf dem Arbeitsmarkt beackert und leidenschaftlich und laut debattiert. Langsamkeit kennt sie nicht: Schnellen Schrittes geht Serpil Midyatli durch das Foyer des Landeshauses an der Kieler Förde, meistens im Gespräch, selten allein, immer dynamisch.

 In den Räumen von Amtsvorgänger Stegner

In den vergangenen zwei Jahren ließ die Parteichefin Amtsvorgänger Ralf Stegner im Plenum die Bühne, kümmerte sich, so sagte sie, eher um die Partei. Sie kennt ihre Rolle und die jeweils damit verbundenen Aufgaben. Nun hat sie gleich drei Top-Jobs der SPD inne, die vorher ihr einstiger Ziehvater Ralf Stegner bekleidete - und sie ist sich der Verantwortung bewusst.

Das geräumige, helle Eck-Büro von Amtsvorgänger Stegner im Landeshaus hat Serpil Midyatli bezogen - neue Möbel sind bestellt, unter anderem ein größerer Besprechungstisch fürs Team und ein großer Bildschirm für Videokonferenzen.

 Gründerin der Denkfabrik der Nord-SPD

Innerhalb der SPD hat sich Serpil Midyatli ein Netzwerk aufgebaut, eine sogenannte Denkfabrik wieder ins Leben gerufen, in der Ideen, Konzepte und Vorstellungen der Parteipolitik erarbeitet und erdacht werden. Die Parteivorsitzenden Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken loben ihr Engagement und vor allem ihre Arbeit am Wahlprogramm in der Familienpolitik. Dafür hat Midyatli nach eigener Aussage immer wieder bundesweit mit zahlreichen Vertretern von Verbänden, Trägern und Organisationen gesprochen, um viele Ideen zu bündeln.

Auch, wenn die 46-Jährige innerhalb der SPD ein politischer Durchmarsch gelungen ist, so mangelt es ihr zurzeit noch an einer wichtigen Sache: an Bekanntheit. Laut einer infratest dimap Umfrage im Auftrag von NDR Schleswig-Holstein, können oder wollen nur etwa ein Drittel der Befragten sie bewerten. Davon 21 Prozent positiv. Es könnte aber auch ihr Vorteil sein - unterschätzt wurde sie oft und belehrte Kritiker eines Besseren.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 15.08.2021 | 15:00 Uhr

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