Ein Mensch steht an einem riesengroßen Webrahmen. © NDR

Meldorf: Historische Stoffe bewahren Webtradition

Stand: 17.11.2020 05:00 Uhr

Es wird laut, wenn in der Museumsweberei Meldorf gewebt wird. Menschen, die im Rahmen eines sozialen Projektes betreut werden, schaffen hier historische Stoffe.

von Helge Albrecht

Mit Daumen und Zeigefinger greift Matthias Orgolic nach dem blauen Faden, der auf einer großen Rolle vor ihm liegt und zieht ihn durch mehrere Ösen und Haken: erst oben drüber, dann unten durch und zum Schluss einmal rechts vorbei. Es wirkt kompliziert, doch er ist zielsicher. Schon seit drei Jahren arbeitet er in der Weberei der Museumswerkstatt in Meldorf (Kreis Dithmarschen). "Das macht Spaß, da könnte ich mich den ganzen Tag mit beschäftigen", sagt er. Die Weberei im alten Pastorat ist Teil derStiftung Mensch, einer Einrichtung, in der Menschen mit Beeinträchtigung beschäftigt sind.

Weben auf historischen Webstühlen

Matthias Orgolic wickelt den blauen Faden dreimal um den Metallstab, der vor ihm aus der Maschine guckt. "Das muss man ganz fest randrücken", sagt er und schiebt eine kegelförmige Holzspule über Metallstab und Faden. Dann wirft er die Spulmaschine an und beobachtet, wie sich der Faden auf das Holz wickelt. Er sieht ganz genau hin, denn das Garn muss sich gleichmäßig aufspulen. Nur dann kann sein Kollege am Handwebstuhl ihn so nutzen wie gedacht.

VIDEO: Meldorf: Soziales Projekt in der Museumsweberei (3 Min)

Dort sitzt Sven Bartling mit Gehörschutz auf einer Holzplanke. Immer wieder knallt er mit seinem rechten Fuß ein gut zwei Meter langes Holzpedal auf den Boden. Mit jedem Krachen bewegt er die gut 3.000 Fäden an seinem Webstuhl nach unten und nach oben. Dazwischen lässt er ein Holzstück, das sogenannte Weberschiffchen, durch eine Art Schiene flitzen. In dem Weberschiffchen ist eine Spule mit Garn platziert. Sven Bartling zieht an einer Leine über ihm und schießt so das Schiffchen abwechselnd nach links und rechts durch die 3.000 Fäden. Er webt auf eine historische Art, passend zum Webstuhl, denn der ist gut 120 bis 150 Jahre alt.

Bundesweit einzigartig: Beiderwand

In ihrer Werkstatt stellen die Betreuten einen einzigartigen Stoff her, der deutschlandweit nur noch hier in Meldorf produziert wird: Beiderwandstoff. Die Wissenschaftlerin Lucia Schwalenberg von der Universität Osnabrück promoviert zu diesem Thema. "Beiderwand wird aus Leinen und Wolle gemacht, daher auch der Name. Beiderwand, das heißt praktisch: gewunden aus zweierlei Garn", erklärt sie. Diesen Stoff gab es in vielen Regionen Deutschlands als gestreiftes Trachtenmuster, in Schleswig-Holstein war jedoch eine ganz eigene Ausformung verbreitet. "Es ist eine bildhafte Weberei, ich kann in Motiven, in Bildern eine Geschichte erzählen im Stoff, das ist eine ganz ganz alte Kunst im Weben.“ Diese Bilder sind sowohl auf der Vorder- als auch auf der Rückseite sichtbar. Im 17. und 18. Jahrhundert hingen diese Art von Stoffen häufig vor den Alkoven in den norddeutschen Bauernstuben.

Historisches High-Tech - Lochkarten

Am Webstuhl bei Sven Bartling ist mittlerweile so ein Bild zu erkennen: Auf rotem Hintergrund steht nun ein weißes Einhorn umgeben von Blumenblüten und Ranken in verschiedenen Größen. Gleichmäßige Muster wie diese sind möglich, weil er Lochkarten benutzt. Die Karten aus stabiler Pappe sind an bestimmten Stellen eingestanzt. Die Anordnung der Löcher auf einer Karte bestimmt dabei das Muster. An dem Jacquard-Webstuhl drückt die Maschine die Pappkarten gegen Metallnadeln. Die Metallnadeln steuern die Fäden an Sven Bartlings Webstuhl. Da, wo die Nadel auf ein Loch in der Karte trifft, bleiben die Fäden oben; da, wo die Nadel von der Karte weggedrückt wird, gehen die Fäden nach unten. Die Lochkarten funktionieren nach dem binären System aus Null und Eins: das gleiche System, das heutige Computer zur Datenverarbeitung nutzen.

Unentdeckte Schätze

Die Lochkarten mit den Mustern haben sie aus dem Speicher der Museumsweberei ausgegraben - gut 50 verschiedene. Diese tragen klangvolle Namen wie Göteborg, Herzhorn, Jütland oder eben auch Einhorn. Der Werkstattleiter Wolfgang Sternberg sagt, von vielen wisse man noch gar nicht genau, wie sie eigentlich aussehen. "Da heißt es manchmal auch, einfach weben und gucken was rauskommt." Von den vielen Lochkarten seien allerdings auch einige beschädigt, sagt Sternberg. Um die alten Muster zu erhalten, müssen sie auf neue Lochkarten kopiert werden. Dafür hat die Museumsweberei eine alte Lochkartenmaschine wieder in Gang gebracht. "Davon gibt es vielleicht zwei bis drei in Deutschland, die noch laufen. Das heißt, es gibt auch nur noch wenig Menschen, die wissen, wie sie funktionieren", sagt Sternberg. Die Kopie eines Musters dauert gut eineinhalb Monate. Die Originale werden danach in ein anderes Gebäude ausgelagert, um sie zum Beispiel vor einem Brand zu schützen. Mit den Kopien können die Meldorfer Weber dann ihre Beiderwandstoffe herstellen.

Neues Beiderwanddesign aus Osnabrück

Durch ihre Arbeit bewahren die Betreuten die alte Webtechnik. Doch der Beiderwandstoff soll nicht nur fürs Museum produziert werden. Ihre Produkte verkaufen sie auch im Werkstattladen. "Außerdem designen wir mit dem Studiengang Textiles Gestalten an der Universität Osnabrück auch neue Muster im Beiderwandstil", erzählt Beiderwand-Expertin Lucia Schwalenberg. Denn nicht nur das Bewahren sei ihre Aufgabe, auch das Erweitern des Musterschatzes. So wollen sie in Meldorf ein Stück textiles Schleswig-Holstein in die Moderne führen.

 

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 14.11.2020 | 19:30 Uhr

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