Medikamenten-Versuche: Diakonie in SH übernimmt Verantwortung

Stand: 21.04.2021 16:33 Uhr

Vor fast 60 Jahren hat sie hier als Küchenhilfe gearbeitet, sie war damals noch nicht ganz 15 Jahre alt. "Es ist ein komisches Gefühl", sagt Marita Richter, als sie sich auf dem Gelände der Psychiatrischen Klinik in Rickling (Kreis Segeberg) umschaut.

von Julia Schumacher und Carsten Janz

3 Frauen stehen in einer Küche. © Sebastian Wieschowski
Drei Frauen bei der Küchenarbeit in den 1960er Jahren in Rickling.

"Es ist wie ein Eintauchen in die Vergangenheit", erzählt Marita Richter. Sie erinnert sich sehr ungern an diese Zeit. Eineinhalb Jahre hat sie hier verbracht, wollte Krankenschwester werden und die Zeit bis zur Ausbildung überbrücken - als gläubiger Mensch in einer kirchlichen Einrichtung. Doch stattdessen wurde sie zur Zeugin. Eine Patientin, die in der Küche half, vertraute sich ihr an. "Ihr wurden Medikamente oral verabreicht. Gegen ihren Willen", so schildert Marita Richter ihre Erinnerungen. Die Patientin hätte berichtet, dass sie festgehalten wurden und sie dann über einen Trichter Medikamente in den Mund geschüttet bekommen hätten. "Teilweise wurden sie auch wohl durch die Kleidung gespritzt."

Patienten berichten von Druck und Drohungen

Tagelang wären diese Menschen dann nicht mehr zum Essen oder zum Helfen in der Küche aufgetaucht. Und wenn doch, waren sie laut Richter weggetreten oder gar nicht ansprechbar. Sie hatte das alles verdrängt oder gedanklich weggeschoben, wie sie sagt. Erst durch die Berichterstattung des NDR über Medikamentenversuche vor einigen Wochen kam die Erinnerung zurück. Manche Patienten hätten ihr gesagt, dass sie von Ärzten und auch von Schwestern unter Druck gesetzt und bedroht wurden. "Die haben gesagt, dass sie sowieso nicht ernst genommen werden. Sie seien ja verrückt und wem glaube man eher? Dem Arzt oder dem Verrückten?"

Landespastor Heiko Naß ist betroffen, als wir ihm das Interview mit Marita Richter vorspielen. "Es beschämt mich, dass so etwas in Einrichtungen der Diakonie in Schleswig-Holstein passiert ist", sagt er im Interview mit NDR Schleswig-Holstein. Die Ricklinger Anstalten waren damals wie heute in kirchlicher Trägerschaft. Seit 140 Jahren kommen Menschen hier her, nicht immer freiwillig. Zunächst vor allem Arbeitssuchende, später auch psychisch Kranke, die hier in den 50er bis 70er Jahren Opfer von Medikamentenversuchen geworden sind. "Es ist wichtig, dass Menschen wie Frau Richter, Zeitzeuginnen, an die Öffentlichkeit gehen. Nur so könne Licht ins Dunkel gebracht werden", meint der Landespastor.

VIDEO: Medikamentenversuche in Rickling: "Es beschämt mich" (1 Min)

Menschen als Versuchsobjekte

Vor drei Jahren hatte das Land eine Studie in Auftrag gegeben, um Einrichtungen im ganzen Land auf Medikamentenversuche zu untersuchen. Dafür hat auch Rickling seine Archive geöffnet und die Wissenschaftler in Stationsbücher und Patientenakten schauen lassen. Diese Studie belegt, dass auch in Rickling Menschen für Versuche missbraucht wurden. So heißt es in den Akten wörtlich: „Patientin erzählt sie bekommt ein Kind. Sie trägt ein läppisches albernes Wesen zur Schau. Der Patientin wurde zusätzlich R 1658 verordnet und Bettruhe.“, oder „Patientin versuchte die Schwestern mit Füssen zu treten. Bek. mittags Decentan. Wurde an Händen und Füßen festgemacht!“

Landespastor Heiko Naß kennt die Studie und auch die Zitate aus den Stationsbüchern. Seiner Meinung nach wird eine menschenunwürdige Sprache verwendet, die auch zeigt, dass damals ein falsches Menschenbild bestand. "Die Diakonie und die Kirche stehen zu ihrer Verantwortung", sagt er. So ein Umgang mit Menschen sei verwerflich und nicht in Ordnung. Zu den Wissenschaftlern, die die Studie erstellt haben, zählt auch Dr. Cornelius Borck. Er betont, dass die allgemeinen Zustände in Rickling damals nicht akzeptabel waren, vor allem habe Personalmangel geherrscht. Es fehlte an Ärzten und Schwestern. "Und wir können daraus schließen, dass das Medikament nicht zu einem therapeutischen, sondern zum sedierenden Ziel eingesetzt wird“, sagt er. Die Patienten sollten also ruhig gestellt werden.

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Landespastor Naß verspricht Entschuldigung

Offiziell bei den Opfern von damals um Entschuldigung gebeten hat bislang nur das Land. Bis zu dieser Studie ging es auch vor allem um Einrichtungen des Landes. Mit Rickling ist nun eindeutig auch eine Einrichtung der Kirche ein Tatort. Marita Richter sagt, sie erwarte, dass so etwas nie wieder passiere und Patienten gut behandelt werden. "Egal wie krank sie sind oder wie gesund sie sind, dass sie als Menschen gesehen werden, dass die Diakonie ihren kirchlichen Auftrag erfüllt. So wie der Christus, von dem sie ja immer reden, das gewollt hat." Landespastor Naß nickt, als er diesen Teil des Interviews mit Marita Richter sieht. Und auf Nachfrage, ob er die Opfer um Entschuldigung bitten wird, sagt er: "Natürlich werden wir das!" Die Diakonie möchte das in einem geeigneten Rahmen machen, um dem Ganzen die nötige Aufmerksamkeit zu schenken.

Marita Richter ist fest im Glauben, sagt sie. Doch aus der Kirche ist sie ausgetreten. Bislang war sie mit dem Handeln der Verantwortlichen oft nicht einverstanden. Das Personal, die Diakonen und auch die Hauseltern hätten das alles gewusst und mitgetragen. Irgendwer hätte es verhindern müssen, ist sie überzeugt. Und das lässt sie nicht zur Ruhe kommen. Vielleicht ja jetzt, weil die Kirche Verantwortung für ihre damaliges Handeln übernimmt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 21.04.2021 | 17:00 Uhr

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