Lübecker Stadtwald: Naturnah, nachhaltig - und lukrativ

Stand: 27.11.2021 06:00 Uhr

Im Lübecker Stadtwald ist "Erntezeit". Bäume werden gefällt und verkauft. Allerdings ganz anders als in herkömmlichen Wäldern.

Der Lübecker Stadtwald ist für viele Menschen ein Platz, um sich zu erholen und die Natur zu genießen. Für die Förster soll er aber auch Geld abwerfen. Das ist in allen Wäldern so - in Lübeck ist die Waldwirtschaft aber besonders und erfordert Geduld. Revierleiter Kai Neumann und sein Team sind im Wald, um eine Eiche zu fällen. Sie ist 35 Meter hoch, 82 Zentimeter im Durchmesser - "reif", wie Neumann sagt. Der sogenannte Zielstärkendurchmesser für Eichen beginne bei 80 Zentimetern: "Das ist gute Qualität, also Furniereiche. Die sind jetzt 160, 165 Jahre alt." In anderen Wäldern werden Eichen schon etwa 25 Jahre früher gefällt.

Sterbende Bäume sind selten

Der Lübecker Stadtwald ist kein sortenreiner Nadelwald, wie es ihn zum Beispiel im Harz gibt. Sterbende Bäume sind hier eine Seltenheit, erklärt Förster Knut Sturm: "Wenn Sie keine naturnahen Bestände haben, sondern darauf setzen, in kurzer Zeit möglichst schnell viel Holz zu produzieren, wie es die Fichten im Harz getan haben, dann haben Sie ein Problem irgendwann - und das heißt Borkenkäfer, das heißt Trockenheit und das heißt Windwurf. Und genau diese Probleme produzieren naturnahe Wälder nicht."

"Totholz ist wichtig für die Lebewesen"

Die alten, massiven Bäume im naturnahen Lübecker Stadtwald sind resistenter gegen Hitze, Trockenheit und Schädlingsbefall. Gerade einmal 400 Festmeter Eiche sollen in dieser Saison entnommen werden. In herkömmlich bewirtschafteten Wäldern wären es auf gleicher Fläche etwa dreimal so viel. Das Totholz bleibt in Lübeck einfach liegen - es macht die Fällarbeiten zwar aufwendiger, den Wald aber auch gesünder, sagt Revierleiter Neumann: "Stehendes oder liegendes Totholz ist auch für die anderen Lebewesen wichtig, für die Vögel, für die vielen Spechtarten. Das sind gute Nahrungsquellen und Nistmöglichkeiten." Auch Käfer und Insekten brauchen demnach das Totholz - sie sind wichtig für das komplexe Ökosystem Wald.

Je länger ein Baum steht, desto besser wird das Holz. Fehler wie zum Beispiel Astnarben verwachsen sich, das Holz wird so fester und stabiler. Das Warten zahlt sich aus: Etwa 3.000 Euro bringt diese Premium-Eiche auf dem Holzmarkt - doppelt so viel wie Standard-Qualität. Der aufwendig bewirtschaftete Stadtwald bringt weniger Holz - ist aber genauso lukrativ wie ein konventioneller Wald.

"Den Wald Wald sein lassen"

Nachahmenswert, findet Revierleiter Kai Neumann: "Ich würde mir wünschen, dass viele andere Betriebe das Lübecker Modell mitnehmen, damit wir wirklich diese Artenvielfalt haben und den Wald einfach Wald sein lassen. Der Wald macht es alleine. Der wird viel stabiler, wenn er sich alleine entwickeln kann, als wenn wir immer reinpfuschen." Eben ein Wald - und keine Plantage - das macht viel Mühe. Für Kai Neumann ist das aber okay. Denn so kann er seinen Stadtwald gegen den Klimawandel wappnen und für künftige Generationen erhalten.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein Magazin | 27.11.2021 | 19:30 Uhr

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