Ein Erntehelfer aus Rumänien sticht Spargel auf einem Feld in Bramstedt. © picture-alliance/dpa Foto: Hauke-Christian Dittrich

Kurzfristige Beschäftigung: Erntehelfer zum Sparpreis

Stand: 25.08.2021 17:00 Uhr

Sie kommen nach Schleswig-Holstein, um ihr Leben finanziell abzusichern. Erntehelfer aus Osteuropa. Eine Verabredung der Sozialversicherungsträger macht es den Arbeitgebern einfach, den größten Teil der Lohnnebenkosten zu sparen.

Eine Recherche von Sven Brosda und Philipp Eggers

Fließendes Wasser aus der Leitung, eine Toilette mit Spülung und eine Dusche im Haus oder in der Wohnung. Völlig normal in Schleswig-Holstein. Im Osten von Rumänien ist das nicht so. Dort können die Menschen von ihrem Einkommen kaum leben, erzählen sie. Eine Wasserleitung bis ins Haus grenze schon an Luxus. Deshalb reisen sie zum Beispiel nach Schleswig-Holstein, um auf landwirtschaftlichen Betrieben als Erntehelfer Geld zu verdienen. Sie kommen auch in den Kreis Segeberg, um dort in der Saison Spargel zum Mindestlohn zu stechen. Spargelbauer Schäfer aus Wiemersdorf beispielsweise arbeitet nach NDR Recherchen mit einer rumänischen Vermittlungsagentur zusammen, um die Arbeiter direkt aus Osteuropa in seinen Betrieb zu holen.

Keine Sozialversicherung

Die Erntehelfer werden in der Regel kurzfristig angestellt. Uns liegen Arbeitsverträge, Abrechnungen und An- bzw. Abmeldungen bei der Rentenversicherung vor. Daraus geht hervor, dass weder Arbeitnehmer noch Arbeitgeber bei diesem Beschäftigungsmodell in die Rentenversicherung, Pflegeversicherung, Arbeitslosenversicherung und in die gesetzliche Krankenversicherung einzahlen. Die Lohnnebenkosten für den Arbeitgeber sinken dadurch erheblich und die Arbeiter haben mehr Netto vom Brutto.

Eine nicht erkennbare Frau sitzt hinter einigen Weinreben vor einer Unterkunft für Erntehelfer. © NDR
Die Recherche führt die Autoren auch zu einer der ehemaligen Erntehelferinnen von Spargelbauer Schäfer nach Rumänien.

Konkret: Stellt ein Arbeitgeber seine Erntehelfer als kurzfristig Beschäftigte an, dann liegen seine Abgaben an die Minijob-Zentrale bei rund 1,5 Prozent. Wären Sie voll sozialversicherungspflichtig angestellt, dann würden die Lohnnebenkosten pro Erntehelfer auf mehr als 20 Prozent des Brutto-Gehalts steigen. Dann wären die Arbeiter aber auch durch die Sozialversicherung vollumfänglich abgesichert.

Arbeiter dürfen vom Job nicht wirtschaftlich abhängig sein

Damit die Erntehelfer kurzfristig beschäftigt werden können, müssen Voraussetzungen erfüllt sein. So muss der Arbeitseinsatz in diesem Jahr auf maximal 115 Tage begrenzt sein und die Arbeiter dürfen diesen Job auf dem Hof nicht berufsmäßig machen. Ein Urteil des Bundessozialgerichts aus dem Jahr 1960 gibt klare Regeln vor. Darin heißt es, berufsmäßig wird eine Beschäftigung dann ausgeübt, wenn sie für die Person von nicht untergeordneter wirtschaftlicher Bedeutung ist. Die Arbeit darf also zum Beispiel ein Nebenjob sein, bei dem man sich einfach nur etwas dazuverdient. Arbeiter dürfen von einer kurzfristigen Beschäftigung also nicht wirtschaftlich abhängig sein.

Erntehelfer kommen aus wirtschaftlich schlechten Verhältnissen

Ein Teil der Spargelstecher lebt rund viereinhalb Autostunden von der rumänischen Hauptstadt Bukarest entfernt in Bergdörfern. Leider gebe es hier fast keine Arbeitsplätze, sagen die Menschen dort. Wenn es mal Arbeit gebe, dann verdiene man so wenig, dass man gerade so überleben könne. Ein Grund, warum die Menschen in der Region ihre Lebensmittel zum Großteil selbst anbauen und produzieren. Zum Beispiel Tomaten, Gurken, Zwiebeln, selbstgebackenes Kartoffelbrot. Hausschweine werden geschlachtet, die Tiere liefern Fleisch und später wird daraus Wurst. Bienenstöcke werden an den Berghängen aufgestellt, um Honig zu gewinnen.

Eine dunkelhaarige Frau blickt in die Kamera im Hintergrund sieht man eine Häuserblock. © NDR
Die Erntehelfer bräuchten die Arbeit im Ausland, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können, sagt die rumänische Soziologin Alexandra Voivozeanu.

Diese Lebensumstände seien kein Einzelfall, sondern typisch für rumänische Erntehelfer, sagt die rumänische Soziologin Alexandra Voivozeanu, die für ihre Forschungsarbeit über ein Jahr rumänische Saisonarbeitskräfte begleitet hat. Die meisten von ihnen hätten keinen Job in Rumänien. Sie bräuchten das Geld, das sie durch die Saisonarbeit in Deutschland oder in anderen Ländern verdienen, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können.

Ernteeinsatz sichert Geld für viele Monate

Auf dem Spargelhof in Wiemersdorf arbeiten die Rumänen während der Hochsaison teilweise bis zu 255 Stunden im Monat, im Schnitt mehr als 60 Stunden die Woche. Nach etwas mehr als zwei Monaten Erntehelfereinsatz kommen knapp 4.500 Euro Lohn zusammen. Das geht aus ihren Abrechnungen hervor. Der Job in Wiemersdorf sei für sie finanziell wichtig gewesen, sagen sie.

Erholen konnten sie sich nach dem Einsatz auf den Feldern nicht. Weil es in ihrer Heimat schwer sei Geld zu verdienen, sind sie nach wenigen Tagen wieder losgefahren, um in Österreich auf dem Bau zu helfen. Dort zahlen ihnen Arbeitgeber 10 Euro pro Stunde. In Rumänien liegt der Mindestlohn dagegen für einfache Arbeit bei umgerechnet knapp 500 Euro im Monat.

Fragebogen soll Sozialversicherungspflicht klären

Wenn die Rumänen in Deutschland arbeiten wollen, dann soll ihr Arbeitgeber mit ihnen zusammen einen Fragebogen ausfüllen, teilt die Rentenversicherung mit. Dieser Bogen sei 1998 entwickelt worden, um Rechtssicherheit zu schaffen. Darin wird zum Beispiel gefragt, ob die Arbeiter in ihrer Heimat einen Arbeitsplatz haben, Hausfrauen bzw. Hausmänner oder Studenten sind. Die Rentenversicherung antwortet, dass bei Hausfrauen und Hausmännern keine berufsmäßige Beschäftigung vorliegt, sie also kurzfristig beschäftigt werden können. Das gelte unabhängig von den wirtschaftlichen Verhältnissen im jeweiligen Heimatland der Arbeiter.

Die osteuropäischen Erntehelfer aus Wiemersdorf sind kurzfristig beschäftigt worden, so steht es unter anderem in ihren Abrechnungen. Sie hätten Hausmann bzw. Hausfrau angegeben, weil sie weder einen Arbeitsplatz in ihrer Heimat hätten, nicht zur Schule oder auf eine Uni gehen, noch arbeitslos gemeldet seien. Doch mit der Lebenssituation einer deutschen Hausfrau oder eines deutschen Hausmannes sei ihre Lage nicht zu vergleichen, sagen sie.

Spargelbauer: Es werden keine Ehepaare sozialversicherungsfrei beschäftigt

Die Anwältin des Spargelbauern aus Wiemersdorf teilt schriftlich mit, ob für den jeweiligen Erntehelfer eine Sozialversicherungspflicht einschlägig sei, sei im Einzelfall mithilfe der jeweiligen Angaben des Erntehelfers zu bestimmen. Hierbei würden die geltenden Vorschriften zugrunde gelegt und beachtet. Nach NDR Recherchen wurde auch ein rumänisches Ehepaar auf dem Hof kurzfristig beschäftigt. Das ergibt sich unter anderem aus den Abrechnungen. Das Paar habe angegeben, Hausfrau bzw. Hausmann zu sein.

Die Rentenversicherung antwortet, wenn zu beiden (Ehe-) Partnern angegeben werde, sei seien Hausmann und Hausfrau, sei dies grundsätzlich unplausibel, weil sich die Frage aufdränge, wovon der Lebensunterhalt der Haushaltsmitglieder bestritten werde. Der Spargelbauer lässt über seine Rechtsanwältin mitteilen, es würden keine Ehepaare sozialversicherungsfrei beschäftigt. Selbst wenn beide Ehegatten angegeben hätten, sie seien Hausfrau und Hausmann, dann hätte sie ihr Mandant nicht sozialversicherungsfrei beschäftigt, so die Juristin.

Verwaltungspraxis verstößt gegen Rechtsprechung

Ein Mann mit Anzug und Brille sitzt vor einer weißen wand und führt ein Videointerview am Laptop. © NDR
Der Arbeitsrechtler Clemens Latzel hält die Vorgehensweise der Sozialversicherungsträger für nicht vereinbar mit der Rechtsprechung des Bundessozialgerichts.

Der Arbeitsrechtler Clemens Latzel unterrichtet am Münchner Zentrum für Arbeitsbeziehungen und Arbeitsrecht. Er reagiert überrascht auf die Einschätzung der Rentenversicherung. Wenn die Sozialversicherungsträger pauschal davon ausgingen, dass bei der Beschäftigung von Schülern, Studenten oder Hausfrauen und Hausmännern keine Berufsmäßigkeit gegeben sei, und zwar "unabhängig von den wirtschaftlichen Verhältnissen der Arbeiter vor Ort", dann sei das seines Erachtens mit der Rechtsprechung des Bundessozialgerichts nicht vereinbar.

Diese Verwaltungspraxis sei in seinen Augen rechtswidrig, so Latzel. Außerdem hätte der Landwirt im Fall der Erntehelfer aus Ostrumänien die Hintergründe aufklären müssen. Er wäre dann höchstwahrscheinlich zu dem Ergebnis gekommen, dass sie das berufsmäßig machen, weil sie ihren Lebensunterhalt im Wesentlichen mit der konkreten Tätigkeit bestreiten. Dann wäre es ihm nicht mehr möglich gewesen, sie als Zeitgeringfügige zu beschäftigen, sondern er hätte für ihre Tätigkeiten den vollen Sozialversicherungsbeitrag abführen müssen.

System sollte auf neue Grundlagen gestellt werden

Wenn man hier wieder zu einer gesetzestreuen Verwaltungspraxis zurückkehren wolle, dann sollte dieses Beschäftigungsmodell dringend reformiert werden, meint Arbeitsrechtler Latzel. Die Träger der Sozialversicherung sollten eigentlich als Hüter der Sozialkassen fungieren, dass nicht nach Hausfrau/Hausmann einerseits und der Berufsmäßigkeit andererseits differenziert werde, es sollte genauer hingeschaut werden, so Latzel. Der Gesetzgeber sollte das Kriterium der Berufsmäßigkeit klarstellen und Farbe bekennen. Es sei eine Frage des politischen Willens.

Weitere Informationen
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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 25.08.2021 | 19:30 Uhr

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