Stand: 25.01.2018 09:40 Uhr

Kein Täter mehr sein: Anti-Gewalttraining in Heide

von Jörn Schaar

In einem Gruppenraum in der Heider Innenstadt stehen vier Stühle im Kreis, in der Ecke ein Tischkicker. Die Tafel trägt noch Notizen aus einem Bewerbungstraining, ein Flipchart listet die verschiedenen Arten von Gewalt auf. Nach und nach trudeln die drei Teilnehmer des sogenannten Tätertrainings ein. In insgesamt 15 Einheiten je 90 Minuten sollen die Gewalttäter lernen, mit ihren Aggressionen besser umzugehen - und nachzuvollziehen, was ihre Opfer ertragen mussten. Dieses Training wird fortlaufend angeboten. "Der Bedarf ist ja dauernd da", sagt Trainer Marko Eichhorst. "Deshalb steigen immer mal neue Täter in die Gruppe ein und andere gehen, wenn sie ihre Stunden voll haben." Manchmal verlängerten Teilnehmer aber auch, weil ihnen die Arbeit in der Gruppe gut tue.

Lernen, die eigenen Aggressionen zu kontrollieren

Erst Strafe, dann Herausforderung

Der "dienstälteste" Teilnehmer ist Herr Franz*, 52 Jahre alt, runde Hornbrille. Er hat seine Frau mehrfach geschlagen und ihre Hand in der Tür des Geschirrspülers eingeklemmt. An diesem Tag ist seine zwölfte Sitzung. "Erst habe ich das hier als Strafe wahrgenommen, das war verletzend", sagt er. "Aber inzwischen sehe ich es als Herausforderung, an mir zu arbeiten." Zu Beginn der Sitzung erzählen die Teilnehmer reihum davon, wie ihre Woche war, was gut und was schlecht gelaufen ist. Es sind Alltagsgeschichten vom Grillen mit Freunden, vom Spielen mit den Kindern - aber auch dunkle Momente werden geteilt. "Meine Ex und ihr neuer Freund sind an mir vorbeigefahren und das können die nicht, ohne zu provozieren", sagt Neuling Herr Klaus leise. "Die haben mir den Mittelfinger gezeigt und sowas, und da hätte ich schon wieder platzen können", beschreibt der 32 Jahre alte Mann seine Emotionen in dem Moment. "Erst wollte ich hinterher, dann bin ich aber doch zu meinem Termin gefahren." Ein befreiendes, gutes Gefühl sei das gewesen, sagt er.

Sich mit der eigenen Gewalt auseinandersetzen

Laut Trainer Eichhorst ist es wichtig für die Täter, sich damit auseinanderzusetzen, was sie ihren Opfern angetan haben. "Dabei gucken wir auch darauf, wo sie selbst Opfer waren, denn nur so kommt dieses Verständnis", erklärt Eichhorst. "Und sie sollen eben auch sehen, wie oft Gewalt ihr Leben bestimmt hat und dass sie rechtzeitig gegensteuern müssen." Dafür gebe es etwas, das "Biografiearbeit" heißt: Die Kursteilnehmer schreiben auf einer Zeitlinie auf, wo sie in der Vergangenheit Gewalt erfahren haben. Das reicht von der Schulhofschlägerei über Handgreiflichkeiten in der Disko bis hin zu der häuslichen Gewalt, wegen der sie hier in Heide im Stuhlkreis sitzen.

Klare Aussagen sind wichtig

Herr Munin* breitet dabei buchstäblich sein ganzes Leben auf dem Boden vor den anderen aus: Auf einem DIN-A3-Papier zieht sich eine dünne Linie von frühester Kindheit bis heute, gespickt mit Markierungen, die für Gewalt stehen. Munin erzählt von einem Freund, den er in der Grundschule beschützt hat, von Mobbing in der weiterführenden Schule und wie gern er dazugehören wollte. Er erzählt von einer abgebrochenen Ausbildung, einer problematischen Beziehung und schließlich von Gewalt gegen die eigenen Kinder. Immer wieder hakt der Trainer nach: "Aber sie haben ja in der Situation vermutlich nicht gesagt: 'Gleich gibt's auf den Popo'? Das sagt man doch nicht, wenn man sauer ist. Was haben Sie wirklich gesagt?", will er wissen. Munin sieht zu Boden, für einen Moment ist nur noch das Brummen der Neonröhren zu hören. Dann atmet er einmal durch und sagt: "Ich hab gesagt: 'Gleich gibt's den Arsch voll.'" Es sei wichtig, sagt Eichhorst, sich klar zu machen, dass auch diese Bedrohung schon eine Form der Gewalt ist.

Dinge benennen fällt schwer

Herr Franz kommt mit weniger Zeit aus. Er beschränkt sich in seinen Erzählungen auf die letzten zehn Jahre, in denen es immer wieder zu Konflikten mit seiner Frau kam. Er erzählt, wie er sie einmal nach einem Diskobesuch am Nacken gepackt hatte und wie sich das alles über mehrere Jahre hochschaukelte - bis zur Körperverletzung. Eichhorst und die anderen Gruppenteilnehmer haken immer wieder nach, wollen alles ganz genau wissen. Ständig fällt die Frage danach, was das Gefühl in der Situation war oder der Zweck. Klare Antworten gibt es nicht immer. Trotzdem ist für Franz klar, dass ihm das Training was bringt. "Wir helfen uns hier gegenseitig, und ich habe schon viel über mich gelernt", sagt er. "Ruhiger zu bleiben, Dinge anders anzupacken, auch mal etwas sacken zu lassen oder über manche Sachen auch mal einfach zu lachen." Früher habe es ihn auf die Palme gebracht, wenn seine Kinder ihr Zimmer nicht aufräumten. "Heute strecke ich mal den Kopf durch die Tür und frage: 'Na, brauchst Du schon einen Radlader?', und so geht's ja auch", sagt Franz.

Auch Frauen sind Täter

Gewalt zieht sich laut Trainer Eichhorst durch alle gesellschaftlichen Schichten. Auch Frauen sind oft in den Trainings dabei. Gerade in Beziehungen beruhe Gewalt häufig auf Gegenseitigkeit, sagt Eichhorst: "Wir bieten vor dem eigentlichen Training auch Paargespräche an. Da haben wir häufig Frauen, die sagen, sie könnten genauso als Teilnehmerinnen bei uns sitzen. Sie seien halt nur früher zur Polizei gegangen." In vielen Beziehungen gebe es Spannungen und Machtkämpfe, die manchmal auch in Gewalt mündeten, so Eichhorst. "Das Problem ist oft, dass die Menschen schlecht kommunizieren und vieles unausgesprochen bleibt", sagt der Trainer, während er den Gruppenraum abschließt. "Damit fängt alles an."

* Name auf Wunsch des Teilnehmers geändert.

Weitere Informationen
NDR 1 Welle Nord

Hilfe für Opfer und Täter von Gewalt

25.01.2018 10:40 Uhr
NDR 1 Welle Nord

Sind Sie Opfer oder Täter von Gewalt geworden oder haben Sie Angst, es zu werden? Hier finden Sie die Kontaktdaten zu verschiedenen Einrichtungen, die Ihnen helfen können. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 25.01.2018 | 21:05 Uhr

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