Im Winter ist Hochsaison für die Bootsbauer von Grödersby

Stand: 02.01.2022 06:00 Uhr

Auf dem Holzweg sind sie auf Werft Königstein nicht. Holz ist ihr Element, wenn es um den Bau von Booten geht. Jan Brügge und sein Team sind gerade dabei, einen Prototypen zu entwickeln, der den Holzbootbau revolutionieren soll.

von Frank Goldenstein

7 Uhr - Schichtbeginn in Grödersby an der Schlei. Ein Dutzend Mitarbeiter betritt die Werkstatt. Keine 100 Meter von der Schlei - einem der beliebtesten Segel-Reviere Schleswig-Holsteins - entfernt liegt die Werft. Vor fünfeinhalb Jahren haben sich Jan Brügge und ein paar andere Bootsbauer aus Arnis und Umgebung zusammengeschlossen und hier auf einem alten Hof ihre Werkstatt aufgebaut.

Viel Arbeit über die Wintermonate

Jetzt ist Hochsaison für die Bootsbauer. Ihre Winterlager sind alle voll. Die Besitzer stellen ihre Boote nicht nur unter, sie lassen sie auch reparieren. In einer der Hallen kniet Elena Schwarz auf dem Deck und schwingt den Hobel. Sie hat neue Leisten für die Decksluken angefertigt und diese vor ein paar Tagen verleimt. Jetzt ist der Feinschliff dran. "Im Sommer stehen meist nur kleinere Reparaturen an. Jetzt gibt es viel zu tun. Auf diesem Boot haben wir bereits große Teile abgeschliffen, das muss alles neu lackiert werden", erklärt die Gesellin: "Bis Ostern müssen alle Boote fertig sein, dann wollen die Eigner wieder raus aufs Wasser. Wir müssen zusehen, dass das klappt."

Glänzende Augen für einen exklusiven Neubau

Vier große Hallen haben sie nahe der Schlei. Beschläge und Ventile kontrollieren, Holz austauschen, Silikonfugen erneuern - überall warten Reparaturarbeiten auf die 21 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. In der Werkstatt in Grödersby kümmern sich gleich mehrere von ihnen um einen exklusiven Neubau, der im kommenden Sommer fertig sein soll. Natürlich weitestgehend aus Holz. "Holz ist ein faszinierender Werkstoff, er hat eine schöne Haptik und lässt sich gut verarbeiten. Wenn wir eine dicke Bohle bearbeiten und irgendwann die feine Maserung zum Vorschein kommt, ist das immer wieder ein tolles Gefühl. Außerdem ist Holz nachhaltig, wir produzieren weniger Müll", sagt Jan Brügge mit einem Glänzen in den Augen.

Holz versus Kunststoff

Damit spielt der 34-Jährige auf die Konkurrenz an. Kunststoffboote hätten laut seiner Aussage in den 70er-Jahren den Holzbootbau verdrängt. Der Bootsbau mit Kunststoff sei günstiger und schneller, auch wenn die ausgedienten Boote später größtenteils auf dem Sondermüll landen. Brügge und sein Team wollen den Holzbootbau deshalb nun zu neuem Aufschwung verhelfen. Sie wollen ein modernes, schnelles, serienfähiges und gleichzeitig nachhaltiges Boot bauen. Das Ganze mit neueren effizienteren Technologien.

Neue Wege beim Prototypen

Ein Boot liegt mit der Unterseite zur Decke gedreht in einer Werkstatt. © Jan Brügge Foto: Jan Brügge
So sieht es aus, wenn ein Bootsrumpf mit dem Vakuum-Infusionsverfahren gebaut wird.

In einer Ecke der Werkstatt liegt ihr erster Prototyp - zumindest der Rumpf des acht Meter langen Bootes. Die Außenhaut aus Kiefernholz, beim Innenausbau setzt das Team in den kommenden Wochen auf Fichte. Um künftig heimische Hölzer aus der Region verarbeiten zu können, steht Jan Brügge bereits in Kontakt mit den Landesforsten.

Für den Bau des Rumpfes haben die Bootsbauer das sogenannte Vakuum-Infusionsverfahren angewandt. Dabei werden die 3 Schichten Furnierholz im Trockenzustand aufeinandergelegt, komplett mit Plastikfolie umhüllt und dann das Harz per Unterdruck in die Zwischenschichten gesogen und die Schichten so miteinander verklebt. Das Verfahren kommt so auch beim Kunststoffbootsbau zum Einsatz. Der Vorteil: es ist schneller und der Arbeitsschutz ist besser. Denn die Mitarbeiter kommen weniger mit Harz in Berührung. Viele professionelle Bootsbauer haben beim alten Verfahren eine Hautallergie bekommen.

Herausforderung am Rumpf

Im Frühjahr haben sie die neue Klebetechnik zunächst mit kleinen Versuchsplatten getestet. Dabei wurde beobachtet, wie sich die Fließfähigkeit des Harzes im Vakuumraum verhält. Nach und nach trauten sie sich dann an größere Holzflächen. Beim Rumpf des Prototypen gab es dennoch immer wieder kleine Probleme, die das Team lösen musste. "Durch die Rundung des Rumpfes war es schwierig, die drei Lagen Furnierholz an Bug und Heck so zu fixieren, dass sie auch für das Umhüllen mit Folie halten. Wir haben dann die Enden der Furnierhölzer ausgedünnt und ein paar zusätzliche Tackerklammern verwendet, damit hielt es dann", berichtet Johannes Lau, der hier seine Ausbildung gemacht hat und seit zwei Jahren als Bootsbaugeselle arbeitet.

Kooperation beim Forschungsprojekt

Bei der Entwicklung neuer Verbundmaterialien und Fertigungstechniken arbeitet Jan Brügge mit der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde zusammen. Für das Projekt ist Brügge im Mai dieses Jahres sogar mit dem Nachhaltigkeitspreis Schleswig-Holstein ausgezeichnet worden.

Erste Testfahrt im Sommer 2022

Im Sommer soll der Prototyp fertig sein und draußen auf der Schlei getestet werden. "Für uns Bootsbauer ist das immer der größte Moment. Erst auf dem Wasser sehen wir, wie sich das Boot unter Segel verhält."

Die Stammkunden der Werft verfolgen die Entwicklung des neuen Boots mit Interesse. Laut eigenen Angaben könnten Jan Brügge und sein Team etwa fünf solcher Holzboote pro Jahr bauen. In Grödersby hoffen sie, dass künftig auch andere Kollegen das effizientere Verfahren anwenden und der Holzbootsbau einen neuen Aufschwung erlebt.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 03.01.2022 | 19:30 Uhr

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