Stand: 07.07.2019 05:00 Uhr

Henny Piezonka: Die Indiana Jones von der Förde

von Stefanie Döscher

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2001 ist Henny Piezonka das erste Mal nach Sibirien gereist. Russisch hat sie in der Schule gelernt.

Motorboot, Hubschrauber oder Schneemobil - wenn Archäologin Henny Piezonka auf Forschungsreise geht, dann reist sie nicht mit dem Zug an. Auf ihren Expeditionen besucht die Wissenschaftlerin Menschen in der Taiga Sibiriens, die heute noch ursprünglich leben. Daraus will sie Schlüsse ziehen, wie das Leben in der Steinzeit ausgesehen haben könnte. Ethnoarchäologie heißt dieser Teilbereich der Archäologie und die Juniorprofessur, die die 43-Jährige an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel hat, ist deutschlandweit einzigartig. "In Archäologen-Kreisen hört man den Indiana-Jones-Vergleich eigentlich nicht gerne, aber gerade bei unseren Expeditionen fühle ich mich auf jeden Fall sehr daran erinnert", sagt die rotblonde Frau und lacht.

Die Kieler Archäologin Henny Piezon. © NDR

Henny Piezonka: Die Indiana Jones aus Kiel

DAS! -

Die Kieler Archäologin Henny Piezonka unternimmt Expeditionen in abgelegene Taiga-Regionen, um das Leben dort in der Steinzeit zu erforschen. Ihre Arbeit erinnert an die Kultfigur Indiana Jones.

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Schwarzes Loch schließen

Mindestens einmal im Jahr reist Henny Piezonka nach Russland. "Wir schauen uns an, wie heutige Jäger-/Sammlergruppen oder Viehzüchter-Nomaden, die eine traditionelle Lebensweise haben, leben. Denn wir können von ihnen ganz viel lernen, etwa über den Wohnungsbau oder wie saisonale Wanderungen gemacht werden.", erklärt die Forscherin.

Wenn sie bei den Völkern vor Ort ist, lebt sie mit ihnen. Gemeinsam kümmern sie sich um die Rentiere, es gibt selbst gefangenen Fisch vom Lagerfeuer, dazu Pilze aus dem Wald. Die Archäologin ist dabei, wenn Einbäume gebaut werden. So erfahren die Forscher viel über Technologien und auch Ernährung, denn genau hier hat die Archäologie eine Art schwarzes Loch. "Wir finden als Archäologen ganz selten Gegenstände aus Holz, Leder oder anderen organischen Materialien, weil diese sich schlecht erhalten. Wir haben somit nur wenige Puzzleteile, um das Bild der Steinzeit-Gesellschaft, mit der wir uns beschäftigen, zusammenzusetzen. Die Ethnoarchäologie hilft, weitere Puzzleteile einzufügen - durch Analogien. Wir schauen also, wie bestimmte Sachen bei heutigen Gesellschaften funktionieren und schließen daraus, wie es in der Vergangenheit gewesen sein könnte", erklärt die Wissenschaftlerin.

Steinzeit-Schätze aus Sibirien

Auch Funde aus den 80er-Jahren werden ausgegraben

Eine Gruppe, die Henny Piezonka besonders häufig besucht, sind die Selkupen. Sie leben zwischen den Flüssen Ob und Jenissej. Piezonka und ihre Kollegen leben aber nicht nur mit den Menschen - sie kommen auch für Grabungen nach Russland. Hier interessieren die Wissenschaftler nicht nur Funde aus der Stein-, sondern auch aus der Neuzeit. 2017 haben sie daher bei der von der Gerda Henkel Stiftung geförderten Projekt ein selkupisches Winterhaus aus den 80er-Jahren ausgegraben. Das sibirische Volk baut zwei Mal im Jahr neu - im Sommer und im Winter. Mit dabei war auch Valeri Irikov - der ehemalige Bewohner der Hauses.

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Bei ihrer Arbeit geht die Archäologin Henny Piezonka vor wie eine Detektivin. Sie muss Indizien finden, kombinieren und daraus Schlüsse ziehen.

"Er saß während unserer Ausgrabungen die ganze Zeit dabei und hat uns genau erzählt, wie das Haus genutzt wurde, und welche Aktivitätszonen wichtig waren. Das sind ganz wertvolle Informationen, die uns Archäologen zeigen, was wir aus dem Ausgrabungs-Befund tatsächlich an Erkenntnissen gewinnen können und wo unsere Methoden an ihre Grenzen stoßen", sagt Henny Piezonka. Bei ihrer Arbeit geht die Archäologin vor wie eine Detektivin. Sie muss Indizien finden, kombinieren und daraus Schlüsse ziehen. So fanden die Wissenschaftler ein kleines Kalenderblatt und Kleidungsreste wie Handschuhe. "Dadurch wussten wir, dass dieses Haus in den Achtzigerjahren im Winter genutzt wurde. Wir konnten den Nutzungszeitraum genau festlegen: Winter 1982."

Berufswunsch seit Kindertagen

Henny Piezonka wollte schon als Kind Archäologin werden. Damals besuchte die geborene Cottbuserin mit ihren Eltern Burg Stolpen westlich von Dresden. "Das ist ein tolles, eindrucksvolles mittelalterliches Schloss. Ich fand das so spannend und habe die ganze Zeit geschwärmt. Mein Vater meinte dann: 'Wenn du Archäologin wirst, kannst du so etwas erforschen.' Ab diesem Moment war eigentlich klar, was ich werden möchte. Auch wenn ich mich jetzt gar nicht mehr mit mittelalterlichen Schlössern beschäftige", erzählt Henny Piezonka und lacht dabei.

In der DDR geboren, lernte sie schon ab der dritten Klasse begeistert russisch. Als Ethnoarchologin kann sie nun beide Leidenschaften verbinden und an ihre Studenten weitergeben. "Gerade in den letzten Jahrzehnten hat sich gezeigt, wie wichtig in der Archäologie von unserer Region aus gesehen der Blick nach Osten ist. Weil es eben in der gesamten Vor- und Frühgeschichte immer wieder großräumige eurasische Entwicklungen gegeben hat, ohne die man auch unsere eigene Kulturentwicklung nicht verstehen kann."

Anfang August reist Henny Piezonka wieder nach Russland - um in der Gegenwart etwas über die Vergangenheit zu lernen. Natürlich mit dem Motorboot.

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DAS! | 22.06.2019 | 19:30 Uhr

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