Stand: 24.01.2020 10:18 Uhr

Ein Handwerk stirbt aus: SH verliert seine Schlachter

von Julian Marxen

In der Fleischerei Lohff in Travemünde riecht es nach geräuchertem Schinken. Rechts in der Auslage liegen unzählige Sorten Aufschnitt, Lammfilets, Rindersteaks. Weiter hinten dampft der Mittagstisch. Links sitzen Gäste vor Rinderrouladen und Schweinebraten. Und der kleine Junge vorm Verkaufstresen bekommt das obligatorische Würstchen auf die Hand. Eine Szenerie, so bekannt, so heimelig. Gleichzeitig scheint all das doch irgendwie aus der Zeit gefallen. Denn echte Fleischereien haben mittlerweile Seltenheitswert. Egal ob in Münsterdorf, Kappeln oder Borby - viele Orte in Schleswig-Holstein haben vor Kurzem ihren letzten Schlachter verloren. Gab es in Schleswig-Holstein vor zehn Jahren noch knapp 300 Betriebe, sind es jetzt laut Statistikamt nur noch etwa 180. Landschlachter sterben förmlich aus.

Teamwork und Catering als Erfolgsgaranten

Die letzten Überlebenden, wie die Fleischerei Lohff, stemmen sich dagegen. Mit Erfolg. Der Laden im Travemünder Gewerbegebiet ist voll. Doch wie lautet das Geheimrezept? "Bei uns ist es die Dreiteilung", erklärt Geschäftsführer Christian Lohff. "Meine Frau macht den Catering-Bereich, mein Bruder kümmert sich um den Fleischeinkauf und ich bin für den Ladenverkauf zuständig." Den meisten Umsatz, verrät Lohff, bringt mittlerweile das Geschäft mit dem Partyservice. Mit ihren Platten für Hochzeiten und Firmenevents haben sich die Lohffs bereits in ganz Lübeck einen Namen gemacht. Und auch die Kunden im Laden schätzen das, was sie geboten bekommen: "Meine Eltern und Großeltern haben hier schon gekauft und ich tue das auch. Ich gebe lieber ein bisschen mehr aus, bekomme dafür aber die Qualität, die ich beim Discounter um die Ecke niemals bekommen werde", meint einer von Lohffs Stammkunden.

Hohe Investitionen und günstige Konkurrenz

Die Schlachter haben jedoch mit vielen Problemen zu kämpfen, weiß Landesinnungsmeister Roland Lausen aus Silberstedt bei Schleswig. Die Betriebe seien oft nicht mehr rentabel. Jahr für Jahr müssten er und seine Kollegen Tausende Euro in die Hand nehmen, um Auflagen einzuhalten: neue Betäubungsscheren und Bolzenschussgeräte, Fettabscheider, Reparaturen, manipulationssichere Kassen oder kostenpflichtige Kontrollen. "Ausgaben", so Lausen, "die erst einmal wieder erwirtschaftet werden müssen". Und das ist schwer. Denn viele Verbraucher erledigen ihre kompletten Einkäufe im Discounter oder Supermarkt. Da geht der Griff auch schnell zu Schnäppchen-Schnitzel und Aufschnitt in der Rabatt-Packung. Dafür verurteilen will Landesinnungsmeister Lausen niemanden. Trotzdem appelliert er an alle, häufiger beim Metzger vor Ort vorbeizuschauen. "Vielleicht ein bisschen weniger Fleisch kaufen, dafür aber hochwertiger." Das sei auch viel ökologischer, betont Lausen. Denn der Schlachter um die Ecke verarbeite meist Fleisch aus der Region.

Außenaufnahme einer Metzgerei in Travemünde. © NDR Foto: Julian Marxen

AUDIO: Fleischerei Lohff stemmt sich gegen das Metzger-Sterben (2 Min)

Nachwuchs-Schlachter gesucht

Doch die Metzgereien plagt noch eine andere große Sorge - und die betrifft die Zukunft. Es fehlt schlichtweg der Nachwuchs. Fleischer oder Fleischereifachangestellte zählen nicht gerade zu den Traumjobs junger Menschen. Tote Tiere verarbeiten und verkaufen - cool finden das die wenigsten. Obendrein gilt die Arbeit in der Fleisch-Branche als anstrengend. Um Azubis zu gewinnen, wirbt der Fleischerverband mit der Kampagne "Anders als Du denkst" für eine Ausbildung beim Metzger. Doch ein Schlachter braucht nicht nur Angestellte, sondern beizeiten auch einen Nachfolger. Bei der Fleischerei Lohff hat das bisher immer funktioniert. Seit 1873 verkauft die Familie Wurst- und Fleischwaren in Travemünde. Mit den Geschäftsführern Christian und Martin Lohff wetzt bereits die fünfte Generation das Fleischermesser. Doch wie geht es weiter? "Das müssen Sie dann irgendwann unsere Kinder fragen", lacht Christian Lohff. "Aber das hat noch ein paar Jahre Zeit."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 24.01.2020 | 08:00 Uhr

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