Eine Familie, ein Landgasthof und kein Nachfolger

Stand: 06.04.2021 05:00 Uhr

In den vergangenen zehn Jahren haben in Schleswig-Holstein 40 Prozent der Landgasthöfe keinen Nachfolger gefunden. So geht es auch Birgit und Harry Gülck aus Gammellund. Wenn sich niemand mehr findet, wird ein Stück dörfliche Identität verloren gehen.

von Vera Vester

Wer Birgit Gülck ein paar Stunden beobachtet, kann sich eigentlich kaum vorstellen, dass diese Frau mal die Füße hochlegt. Pause? Fehlanzeige, denkt man sich da, während sie schon wieder mit dem Essen in der Hand vorbeiflitzt, hier winkt, da grüßt. Aber damit ist nach der Außer-Haus-Verkaufsaktion, die an diesem Tag stattfindet, Schluss: Die Rente ruft! Nach mehr als 30 Jahren in der Küche und am Tresen ihres Landgasthofs Gammellund (Kreis Schleswig-Flensburg) hören sie und ihr Mann Harry auf. "Das tut schon weh. Wir haben es zwar so gewollt, aber es fühlt sich trotzdem schlecht an im Herzen", sagt sie und lacht dabei. Man muss sie nicht kennen, um zu merken, dass sie nur aus Verlegenheit lacht, und weil sie sonst wohl weinen würde. Nicht nur, weil dieser Lebensabschnitt zu Ende geht, weil sie ein Stück Zuhause verliert, sondern auch, weil weder das vergangene Jahr noch - so sieht es derzeit aus - dieses Jahr so laufen werden, wie sie es sich vorgestellt hatten.

Partys bis tief in die Nacht

Wenn jemand behaupten kann, in diesen Betrieb reingeboren zu sein, dann ist es wohl Birgit Gülck: Ihre Eltern kauften den Landgasthof 1959, also noch vor ihrer Geburt. Sie legten damit den Grundstein für das, was bis heute besteht: ein Ort, an dem Menschen gerne zusammenkommen, lachen, essen, kegeln, trinken, spielen, feiern. Weil Birgit Gülck schon als Kind immer mitbekommen hatte, wie viel Arbeit es ist, genau solch einen Ort zu schaffen und aufrecht zu erhalten, wollte sie den Gasthof eigentlich nie übernehmen. Doch dann lernte sie ihren Mann kennen und zusammen wagten sie es doch. Der Mut und die harte Arbeit haben sich gelohnt: 800 Menschen tanzten dann schonmal bei ihnen bis tief in die Nacht, wenn sie Bands wie Tin Lizzy eingeladen hatten.

Mehr als nur ein Arbeitsplatz

Die Auftragsbücher waren immer voll: Egal ob zu Hochzeiten, Taufen, Trauerfeiern oder Geburtstagen, bei den Gülcks konnte jeder feiern, ob man nun direkt aus dem Dorf kam oder aus der Umgebung. Und Heinke Möllgaard hat alle Partys mitgenommen. 35 Jahre lang war sie im Landgasthof im Service angestellt. "Das ist für mich mehr als ein Arbeitsplatz, das ist Familie. Da geht sehr viel verloren. Ich könnte den ganzen Tag heulen, aber das bringt ja auch nichts." Wie es für sie jetzt weitergeht, weiß sie noch nicht. Umschulen wollte sie, aber das sei in der Pandemie nicht wirklich möglich gewesen. In einer anderen Gaststätte zu arbeiten, kann sie sich nicht vorstellen, "weil ich sowas wie hier nie wieder bekommen werde."

Wohnungen statt Gastronomie?

Neben ihr müssen sich auch die fünf anderen Angestellten in Küche und Service einen neuen Arbeitgeber suchen, denn einen Nachfolger für den Landgasthof konnten die Gülcks noch nicht finden. "Wir hatten ein paar Besichtigungstermine", erzählt Harry Gülck, "aber da ging es dann eher darum, hieraus Wohnungen zu machen." Manchmal habe es auch Interessenten gegeben, bei denen aber der Partner oder die Partnerin nicht richtig mitgezogen hätten, "sowas muss man schon zu zweit wollen und machen, damit es läuft", das weiß er aus eigener Erfahrung. Gerade jetzt sei es schwer jemanden zu finden, weil die Banken in diesen unsicheren Zeiten keinem Gastronomen mal eben einen Kredit geben.

40 Prozent der Landgasthöfe machen dicht

Dass Landgasthöfe immer seltener nachbesetzt werden, beobachtet auch der Hotel- und Gaststättenverband. "In den vergangenen zehn Jahren haben in Schleswig-Holstein 40 Prozent der Landgasthöfe dicht gemacht und finden keinen Nachfolger", schätzt Geschäftsführer Stefan Scholtis. Die Gründe dafür seien unterschiedlich: "In manchen Orten werden riesige Gemeindehäuser gebaut, die auch noch finanziell gefördert werden. Die sind dann anstelle der Gaststätte der neue Treffpunkt. Oder aber der Nachwuchs schreckt vor den Auflagen zurück, sei es Denkmalschutz oder Brandschutz." Außerdem habe sich das Verhalten der Gäste geändert. Landgasthöfe scheinen ein verstaubtes Image zu haben, oft fehlen Gäste - vor allem junge.

Dörfliche Identität geht verloren

In Gammellund war das immer anders, hier kamen junge Menschen genauso her, wie ältere. Die Gemeinde hat die Räumlichkeiten ebenso genutzt, wie Feuerwehr und andere Vereine. Bei der Aussicht auf ein Dorf ohne Landgasthof, wird die Miene von Bürgermeister Marc Prätorius düster: "Jetzt feiern wir wegen Corona gerade sowieso keine Feste, aber wenn wir irgendwann in den normalen Alltag zurück kommen, dann stehen wir vor der praktischen Frage: Wo machen wir das denn jetzt?" Viele könnten jetzt noch gar nicht begreifen, was ohne den Gasthof an dörflicher Identität fehlen wird.

Die Hoffnung bleibt

Und genau deshalb ist die Hoffnung bei allen so groß, dass die Gülcks doch noch einen Nachfolger finden. Um etwa 6.500 Quadratmeter Gesamtfläche geht es, ein riesiges Grundstück, mehrere Räume mit diversen Bars, einer Kegelbahn und einer Wohnung im ersten Stock. Die Gäste würden, sobald die Corona-Lage es wieder zulässt, Schlange stehen - so viel wäre, angesichts der Beliebtheit des Gasthofs, sicher. Mit Argumenten wie diesen versucht jetzt eine Maklerin im Auftrag der Gülcks die Immobilie zu verkaufen, damit das Paar diesen Lebensabschnitt beenden und seine Rente genießen kann. Solange das nicht gelingt, bleiben die Gülcks dort wohnen und pflegen das Gebäude weiter, mit dem sie so viel mehr verbinden, als nur ein normales Berufsleben.   

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Ein Man steht hinter einem Tresen mit einem Mund-Nasen-Schutz.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 05.04.2021 | 19:30 Uhr

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