Ein Elektroauto wird an einer Ladestation aufgeladen. © dpa Foto: Julian Stratenschulte

E-Auto-Boom - und die lästige Suche nach der freien Ladesäule

Stand: 30.05.2022 05:00 Uhr

Die Zahl der Elektroautos in Schleswig-Holstein nimmt stetig zu. Der Ausbau der Ladeinfrastruktur für E-Autos und Plug-in-Hybride jedoch kommt nur langsam voran - das nervt viele E-Auto-Besitzer.

von Andreas Rackow

Stefan Köhler aus Lübeck fährt seit einem Jahr einen Pkw mit Elektromotor, den er regelmäßig mit Strom laden muss. Für ihn ist das aber nicht ganz einfach, denn es sind fast immer alle Ladesäulen besetzt, wie er erzählt. Der 40-Jährige lebt zusammen mit seiner Familie in einer Mietwohnung in der Altstadt. Eine eigene Wallbox ist für ihn deshalb keine Option. Die Ladepunkte seien zwar über verschiedene Apps gut auffindbar, aber eben häufig besetzt oder sie werden von "Verbrennern" blockiert. Der Hinweis "Parken nur für E-Autos während des Ladevorgangs" werde oft als reine Empfehlung missverstanden, meint Köhler. Er bekommt, wenn er Parksünder auf ihr Fehlverhalten anspricht, unterschiedliche Reaktionen. "Manche sehen es ein und sagen: 'Tut mir leid, ich habe nicht darüber nachgedacht'", sagt der Lübecker. Oft sei aber auch von "Schikane" die Rede.

Schleswig-Holstein bundesweit Spitzenreiter bei Neuzulassung von E-Autos

Ein Mann lädt sein E-Auto an einer Ladesäule auf in Glücksburg.  Foto: Andreas Rackow
Stefan Köhler aus Lübeck fährt seit einem Jahr einen Pkw mit Elektromotor.

Etwa 40.000 Elektrofahrzeuge sind derzeit in Schleswig-Holstein zugelassen, damit hat sich der Bestand innerhalb eines Jahres fast verdoppelt. Dabei muss zwischen den rund 24.000 vollelektrischen Fahrzeugen und den rund 16.000 Plug-in-Hybrid-Autos unterschieden werden. Letztere haben einen E-Motor und eine Ladebuchse, aber eben auch einen zusätzlichen Verbrennungsmotor. Die Zahl der öffentlichen Ladepunkte konnte mit dieser schnellen Entwicklung nicht mithalten. Derzeit sind es 2.370, im vergangenen Jahr waren es rund 1.700. Laut ADAC gibt es in Schleswig-Holstein 351 sogenannte Schnellladepunkte. Für ADAC-Sprecher Rainer Pregla dürfte der Ausbau der Ladeinfrastruktur gerne schneller vorangehen, denn immerhin sei Schleswig-Holstein bei der Neuzulassung von E-Autos bundesweit Spitzenreiter.

Viele Apps, nicht alle Ladepunkte

Aktuell gibt es unterschiedliche Anbieter, die Strom für die Elektro- und Hybridfahrzeuge liefern. An den Autobahnen sind es vor allem die Tankstellenbetreiber, die zum Beispiel Schnellladesäulen bereitstellen. Ansonsten ist das System für viele Kunden schwer durchschaubar, denn fast jede Stadt und Gemeinde geht einen eigenen Weg. Oft werden die Ladepunkte von den jeweiligen Stadtwerken oder anderen regionalen Stromanbietern betrieben. In den verschiedenen Apps oder digitalen Landkarten werden dabei meistens nicht alle Ladepunkte angezeigt. "Die Suche nach einer passenden Ladesäule gleicht oft einer Schnitzeljagd", sagt Köhler. Der IT-Unternehmer macht sich häufig am späten Abend noch auf die Suche nach einer freien Ladesäule.

Lübeck will dieses Jahr noch 153 weitere öffentliche Ladepunkte schaffen

Köhler kennt das Problem nicht nur aus der Stadt: Als Dauercamper ist er mit seiner Familie fast jedes Wochenende in Glücksburg-Holnis (Kreis Schleswig-Flensburg) auf dem Campingplatz. Dort gibt es direkt am Strand zwei Ladesäulen, aber auch die werden nach seinen Angaben ständig von Autos mit Verbrennungsmotor blockiert. In Glücksburg ist das Problem bekannt, aber es gibt nicht genügend Mitarbeiter im Ordnungsdienst. Bürgermeisterin Kristina Franke verteilt deshalb oft persönlich "Knöllchen". Das unberechtigte Parken an einem Elektroladepunkt kostet 55 Euro. In Einzelfällen werden Falschparker sogar abgeschleppt.

Die Stadt Lübeck hat im November 2021 die öffentlichen Ladepunkte erfasst. Vor einem halben Jahr gab es demnach 94 in der Hansestadt. Auch hier wird der Mangel erkannt. Schon im Jahr 2020 hatte der Bauausschuss der Verwaltung einen Ausbau auf mindestens 300 Ladepunkte im Stadtgebiet empfohlen. Nach Angaben der Stadt sollen möglichst noch im laufenden Jahr 153 zusätzliche öffentliche Ladepunkte bereitgestellt werden.

Laden soll in Zukunft genauso schnell gehen wie Tanken

Jens Sandmeier von der Landeskoordinierungsstelle Elektromobilität ist optimistisch, dass der Ausbau der Ladeinfrastruktur zügig vorangeht. Er geht davon aus, dass bis 2030 Zehntausende öffentliche Ladepunkte in Schleswig-Holstein aufgestellt werden. Im Rahmen der bundesweiten Initiative "Deutschlandnetz" werden nach seinen Angaben noch in diesem Jahr die ersten Schnellladeparks auch im nördlichsten Bundesland entstehen. Das erklärte Ziel: Laden soll in Zukunft genauso schnell gehen wie das Tanken. Aber Sandmeier, dessen Koordinierungsstelle im Auftrag des Kieler Energiewendeministeriums handelt, räumt auch große Herausforderungen ein, denn bei der Hardware für die Ladepunkte gibt es weiter Lieferengpässe. Ein Beispiel sind da die Transformatoren. Vorerst bleibt es also für Köhler und andere E-Auto-Besitzer und -Besitzerinnen bei der elektrischen Schnitzeljagd.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 30.05.2022 | 17:00 Uhr

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