Stand: 14.02.2018 21:54 Uhr

Der letzte Azubi im Atomkraftwerk Brokdorf

von Carsten Rauterberg

Reimar Baltschun macht etwas, was er schon immer machen wollte. Der 22-Jährige aus Itzehoe macht eine Ausbildung zum Elektroniker für Automatisierungstechnik. Allerdings nicht irgendwo - sondern im Atomkraftwerk Brokdorf (Kreis Steinburg), dessen Ende feststeht. 2021 soll es laut Atomkonsens vom Netz gehen. Die Energiewende war auch zu Baltschuns Schulzeiten ein großes Thema. Viel wusste er vor seiner Bewerbung in Brokdorf jedoch nicht über Atomkraft und Kernkraftwerke, auch wenn er sich für Technik schon immer interessiert hatte. Erst die Explosion des Atomkraftwerks in Fukushima 2011 sorgte dafür, dass Baltschun sich intensiv über die Kernkraft informierte. Da muss es irgendwann klick gemacht haben. "Je mehr ich über Kernenergie wusste, desto größer wurde der Wunsch, selbst einmal im AKW zu arbeiten", sagt Baltschun.

Aus dem Alltag eines Azubis im Atomkraftwerk

Familie inzwischen gelassen

Nachdem er sich informiert hatte, wo im Norden Ausbildungen in Kernkraftwerken möglich sind, war schnell klar: Brokdorf soll es sein. Baltschun bewarb sich bei Betreiber Preussen Elektra, wurde zum Eignungstest eingeladen und bekam die Lehrstelle. Eltern und Freunde waren zunächst eher skeptisch. Eine familiäre Geschichte in dieser Branche gibt es bei Baltschun nicht. Vater und Großvater arbeiten für die Öl-Raffinerie in Hemmingstedt bei Heide. Natürlich sei es ungewöhnlich, in einem Atomkraftwerk zu arbeiten, sagt der 22-Jährige. Er ist inzwischen im dritten Lehrjahr. Sein Umfeld ist gelassener geworden. Fragen nach der Gefahr am Arbeitsplatz kämen trotzdem, sagt Baltschun. Er antwortet dann: "Nein, es ist nicht gefährlich, wenn man sich an die Regeln hält."

Keine Angst vor der Technik

Auch während der Ausbildung gingen ihm noch viele Gedanken zum Thema Kernkraft durch den Kopf, erzählt der Auszubildende. "Man sollte keine Angst vor der Technik haben - aber Respekt", sagt Baltschun. Den habe er. "Und ich wollte unbedingt hier arbeiten, um die Technik kennenzulernen und besser zu verstehen." Seine Sichtweise auf die Kernkraft habe sich komplett verändert, so der Azubi: "Ich weiß jetzt, dass dieses Kraftwerk sicher ist." Für Demonstranten, die vor dem Kraftwerkstor immer wieder die sofortige Abschaltung des AKW Brokdorf fordern, hat er nur wenig Verständnis. Baltschun versucht sogar gegenzusteuern. Hin und wieder helfe er im Bereich Öffentlichkeitsarbeit aus und führe Besuchergruppen über das Gelände. "Zum Beispiel erkläre ich ihnen an Tafeln und Modellen die Technik und den Betrieb des Kernkraftwerks."

Ausbildung in Werkstatt und Kraftwerk

Die meiste Zeit seiner Ausbildung verbringt Baltschun mit zwölf Mitlehrlingen jedoch in der Lehrwerkstatt des Kraftwerks, einem modernen, weißen Gebäude abseits des eigentlichen Meilers. Was für Besucher aussieht wie "Fischer-Technik" für Fortgeschrittene, sind Modelle von elektronisch gesteuerten Kränen oder Pressen. Baltschun programmiert und überprüft sie, baut Schaltschränke. Und hin und wieder geht es dann doch hinein, ins Kernkraftwerk selbst. "Die Azubis werden aber nicht selbstständig auf der Anlage eingesetzt, sondern nur in bestimmten Bereichen mit einem Meister und nach vorheriger Sicherheits-Einweisung", sagt Ausbilder Lars Wamser, der Baltschun "sehr aufgeschlossen" und einen "richtig guten Lehrling" nennt.

Rückkehr nach dem Studium möglich

Im Frühjahr 2019 ist Baltschun mit seiner Ausbildung fertig. Er will Elektrotechnik studieren. Und dann? Derzeit sind 300 Mitarbeiter im AKW Brokdorf beschäftigt. Die werden auch über das Jahr 2021 hinaus dort arbeiten, wenn der Meiler schon vom Netz genommen ist. Für den Rückbau brauche man neben externen Fachleuten auch viele Kollegen auf der Anlage, sagt Wamser. Azubi Baltschun horcht auf - obwohl er mit seiner Ausbildung natürlich auch in anderen Betrieben außerhalb der Atomenergie-Branche unterkommen würde. Aber: "Eine feste Stelle hier in Brokdorf anzunehmen, das kann ich mir sehr gut vorstellen", sagt er.

Vielleicht kehrt der Lehrling dann ja in ein paar Jahren als Diplom-Ingenieur zurück an seine Ausbildungsstätte - als einer der führenden Köpfe für den Rückbau des Atomkraftwerks Brokdorf.

Weitere Informationen

AKW Brokdorf: Rückbau Stein für Stein

2039 soll dort, wo aktuell das AKW Brokdorf steht, eine grüne Wiese sein. So sehen es die Pläne des Kraftwerkbetreibers Preußen Elektra vor. Doch vor dem Rückbau stehen viele Genehmigungen. (02.11.2017) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 14.02.2018 | 20:05 Uhr

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