Ein Arzt sitzt an einem Tisch. © Picture Alliance / Zoonar | Khakimullin Aleksandr Foto: Khakimullin Aleksandr

Der klassische Landarzt in Schleswig-Holstein stirbt aus

Stand: 19.03.2021 05:00 Uhr

Der klassische Landarzt ist in Schleswig Holstein ein Auslaufmodell. Grund: Immer mehr Mediziner scheuen den Schritt in die Selbstständigkeit.

von Hauke von Hallern

Seit 30 Jahren führt Torsten Diederich seine Landarztpraxis in Wentorf (Kreis Herzogtum Lauenburg). Im Herbst will der 66-Jährige in Rente gehen und seine Praxis an einen Nachfolger abgeben. Für den Hausarzt eine emotionale Sache: "Ich betreue heute erwachsene Leute, die ich als Kinder kennengelernt habe und betreue Greise, die ich als Erwachsene, voll im Leben stehend, kennengelernt habe. Ich bin mit denen, wie man so schön sagt, durch dick und dünn gegangen." Ob Diederich seine Praxis in gute Hände, an einen selbstständigen Nachfolger, übergeben kann, da ist er sich noch nicht so sicher. Denn: Von den landesweit 2.009 Hausärzten arbeitet laut Kassenärztlicher Vereinigung jeder fünfte inzwischen als Angestellter - vor zehn Jahren war es gerade einmal jeder zwanzigste, vor 15 Jahren arbeiteten landesweit nur drei Hausärzte als Angestellte. Insgesamt sei die Zahl der hausärztlich arbeitenden Mediziner allerdings stabil, so die Kassenärztliche Vereinigung Schleswig-Holstein.

Medizinern ist Work-Life-Balance wichtig

Dazu kommt: Knapp 60 Prozent der angestellten Ärzte arbeiten in Teilzeit. Als Grund für die Entwicklung nennt der Hausärzteverband die Work-Life-Balance. Constantin von Cossel arbeitet in einer Klinik in Lübeck. Der junge Familienvater will sich beruflich verändern und eine Praxis übernehmen, allerdings nicht alleine, sondern zusammen mit einem Kollegen. "Ich habe selber Familie und plane die Familie auch noch auszuweiten. Deshalb ist das ein wichtiges Thema, dass man auch Zeit mit den Kindern verbringt und dass der Papa nicht immer bei der Arbeit ist. Ich will auch Zeit für meine Hobbys haben." Jungen Medizinern seien feste Arbeitszeiten zunehmend wichtig, bestätigt auch der Hausärzteverband. Außerdem bringe die eigene Praxis viel Bürokratie und Verwaltungsarbeit mit sich. Zusätzlich müssten die Ärzte das Risiko einer Selbstständigkeit auf sich nehmen, so der Hausärzteverband. Der klassische Landarzt müsse im Vergleich zu Klinikärzten mehr arbeiten und verdiene gleichzeitig weniger Geld, heißt es hinter vorgehaltener Hand von mehreren Hausärzten gegenüber dem NDR Schleswig-Holstein.

Klassische Landärzte finden kaum noch Nachfolger

Landärzte, die für ihre Praxis einen Nachfolger suchen, haben es deswegen laut Kassenärztlicher Vereinigung schwer. Dieses Problem könnte sich in den kommenden Jahren noch verschärfen. Denn etwa ein Drittel der Hausärzte in Schleswig-Holstein ist nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung 60 Jahre oder älter. In Dithmarschen sind es sogar 40 Prozent der Hausärzte.

Lösung: Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ)

Viele junge Ärzte ziehen es vor, als Angestellte in Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) zu arbeiten. Der Vorteil: Sie können sich dort fest anstellen lassen und haben feste Arbeitszeiten. In Schleswig-Holstein gibt es immer mehr Gemeinden mit schwacher Ärzte-Versorgung, die selbst kommunale Versorgungszentren installieren. Es gibt sie mittlerweile in Büsum und Lunden (Kreis Dithmarschen), sowie in Silberstedt und Erfde (Kreis Schleswig-Flensburg). Als weiteren Lösungsansatz nennt Nikolaus Schmidt von der Kassenärztlichen Vereinigung Teamarztpraxen. Sie würden den Vorteil bieten, dass sich Mediziner zum Beispiel die Verwaltungsarbeit teilen könnten. Auch das Risiko einer Selbstständigkeit würde dann auf mehreren Schultern verteilt. Laut Hausärzteverband haben die Medizinischen Versorgungszentren aber auch einen Haken: Der Arzt im eigenen Dorf, der immer erreichbar ist und seine Patienten durchs Leben begleitet, den gebe es dann nicht mehr, so Michael Sturm, der Vorsitzende des Hausärzteverbandes.

Landarzt Torsten Diederich hofft deswegen weiterhin darauf, eine Nachfolge für seine Praxis in Wentorf zu finden. Gleichzeitig hat er für die Lebensvorstellungen der jungen Generation Verständnis: "Ich beneide eigentlich die jungen Kollegen und Kolleginnen, dass sie Freizeit stärker in die Lebensplanung einbinden und sich nicht ausschließlich dem Beruf verschreiben wollen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 16.03.2021 | 19:05 Uhr

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