Stand: 29.03.2019 15:00 Uhr

Der dichtende Pastor: 95 bewegte Jahre

von Erika Harzer

Pastor Hartwig Lohmann aus Kellinghusen in Schleswig-Holstein kann auf ein sehr bewegtes Leben zurückschauen: Der 95-Jährige, der in seiner Freizeit leidenschaftlich gern dichtet, war in britischer Kriegsgefangenschaft und bekam Probleme innerhalb der Nordkirche, als er nach dem Krieg die NS-Vergangenheit aufarbeiten wollte. NDR Info hat den dichtenden Pastor getroffen.

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Pastor Hartwig Lohmann feierte im Oktober 2018 seinen 95. Geburtstag.

Am 11. Oktober 2018 trifft sich vor der barocken Stadtkirche St. Laurentii im Zentrum Itzehoes eine Gruppe sehr unterschiedlicher Menschen. In ihrer Mitte steht Pastor Hartwig Lohmann aus Kellinghusen. Es ist ein besonderer Tag in seinem Leben, sein 95. Geburtstag. Für diesen Tag hat Pastor Lohmann wie bereits zu allen möglichen Anlässen in seinem Leben ein Gedicht geschrieben:

Ich blick zurück: wie sich die Zeit doch dehnte!
Und staune bloß: Schon neuneinhalb Jahrzehnte!
An der Geschichte Wirren ständig festgekettet,
und immer doch behütet und hindurch gerettet.
Noch klar im Denken und dann auch im Handeln,
darf ich gemeinschaftlich die Wege wandeln,
mit der Familie und mit Freunden, voller Glück. Lohmann-Gedicht anlässlich des 95. Geburtstages

Schon als Neunjähriger verfasst Hartwig Lohmann sein erstes Gedicht an die Mutter, inspiriert von Wilhelm Busch.

Pastor Hartwig Lohmann bei einer Lesung © NDR Foto: Erika Harzer

Pastor Hartwig Lohmann liebt Gedichte

NDR Info - Forum am Sonntag -

Seit seiner Kindheit schreibt der heute 95-Jährige Gedichte: Pastor Lohmann aus Kellinghusen.

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Kriegserlebnisse und Gefangenschaft

Geboren in Eutin während der Weimarer Republik ist dem jungen Lohmann schon früh klar, dass er am liebsten Theologe werden möchte. Doch der Krieg lässt ihn diesen Weg zunächst nicht gehen. Der Abiturient wird zum Funker ausgebildet. Bis heute kann er noch das Morsealphabet. "Ich trainiere jeden Tag mein Gehirn, indem ich alles, was ich lese, sofort in Morsezeichen umsetze", erzählt der 95-Jährige.

Er gerät 1944 in amerikanische Kriegsgefangenschaft und kommt Ende 1945 nach England, um in der Landwirtschaft eingesetzt zu werden. Dort gründet ein schwedischer Pastor zusammen mit der Young Men's Christian Association (YMCA) ein theologisches Studienlager für deutsche Kriegsgefangene. "Das hieß Norton Camp. Und dort habe ich das Hebräische gelernt", erinnert sich Hartwig Lohmann, der außerdem Altgriechisch, Englisch, Plattdeutsch und Hochdeutsch beherrscht.

Handgeschriebene Gedichte aus der Gefangenschaft

Im Norton Camp wird der 23-jährige Lohmann damals zu einer Art Kulturmanager und erspart sich dadurch so manche körperliche Schwerstarbeit in der Landwirtschaft. In seinen freien Minuten schreibt Lohmann Gedichte, die das Denken und Fühlen der Gefangenen wiederspiegeln. Dafür erschafft er die Figur Nieselpriem, den ewig unzufriedenen Prisoner of War (POW), den Kriegsgefangenen. An manchen Abenden trägt er die Gedichte im Camp vor.

Weit bekannt im Lande ist
Nieselpriem, der PO-Wist.
Sein Gehirn ist nur von Pappe,
doch er hat ne große Klappe.
Alles, was ringsum geschieht,
er durch seine Brille sieht,
die mal rosa und mal schwarz,
jedenfalls nicht klar wie Quarz Gedicht des Kriegsgefangenen Hartwig Lohmann

Seine mit Bleistift handgeschriebenen Gedichte kann Hartwig Lohmann mit nach Hause nehmen - ein Schatz, den er bewahrt. Angeregt von seinen Kindern und Enkelkindern lässt er davon 2007 einen Gedichtband drucken.

Die Konstante: Die Familie

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Jutta und Hartwig Lohmann haben sich 1953 kennengelernt.

Seit 1954 ist Jutta Lohmann an der Seite ihres Mannes. Fünf Kinder haben die Lohmanns, zwei Töchter, drei Söhne. Doch 1969 stirbt eine Tochter bei einem Badeunfall. "Es war natürlich bitter, aber die anderen waren ja auch noch da. Und ich möchte sagen: Ihr zu Ehren und zu ihrem Andenken wollten wir das nicht so in den Vordergrund stellen", erinnert sich Hartwig Lohmann an die damaligen Ereignisse.

Am ersten Weihnachtstag 2018 ist Sohn David angereist. Er ist erstaunt, dass seine Eltern für seine beiden Töchter, die in Neuseeland unterwegs sind, einen digitalen Adventskalender produziert haben. Sein Vater habe vor einigen Jahren angefangen, mit dem Computer zu arbeiten und darüber kommuniziere er mit seinen Enkeln.

Nachkriegszeit: Ein unbequemer Pastor

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Seit 2016 ist die Wanderausstellung "Neue Anfänge nach 1945" im Norden zu sehen.

Im Internet findet Hartwig Lohmann auch ein kurzes Filmchen, in dem er selbst vorkommt - gepostet von der Nordkirche, entstanden im Sommer 2017. Es geht um eine Wanderausstellung mit dem Titel "Neue Anfänge nach 1945? Wie die Landeskirchen Nordelbiens mit ihrer NS-Vergangenheit umgingen". Als betroffener Zeitzeuge nimmt Pastor Lohmann damals an einer Podiumsdebatte teil.

Neue Anfänge nach 1945

Die Wanderausstellung ist 2019 an folgenden Orten zu sehen:

  • 6. April - 6. Mai: Schwerin, Dom
  • 9. Mai - 10. Juni: Hamburg Volksdorf, Kirche am Rockenhof
  • 13. Juni - 10. Juli: Wismar, St. Nikolai
  • 13. Juli - 14. August: Stralsund, St. Marien
  • 17. August - 18. September: Anklam, St. Marien
  • 21. September - 23. Oktober: Güstrow, Dom

Denn vor mehr als 50 Jahren habe er in der Jugendarbeit die Fragen der Jugendlichen offen beantwortet, auf die sie in ihren Elternhäusern keine Antwort bekamen. "Er sprach offen über die Konzentrationslager und andere Gräuel der Nazi-Zeit, von denen so viele nicht gewusst haben wollen", schreibt der heutige Eutiner Pastor Michael Hanfstängl in der "Einleitung und Hinführung zur Synodenerklärung des Evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Ostholstein". Lohmann erinnert sich, dass er damals deswegen Probleme bekam: "Die haben Anstoß daran genommen, dass ich als Jugendpastor mit den Jugendlichen das Thema unbewältigte Vergangenheit behandelt habe. Da hielten sie mich für einen Kommunisten. Quatsch natürlich. Und da haben sie mich schikaniert." Vor allem traf das auf den ehemaligen Bischof der thüringischen Landeskirche, Pastor Hugo Rönck zu, ein Ex-NSDAP-Mitglied. Der Geistliche wurde nach dem Krieg in der Eutiner Landeskirche aufgenommen. Er wollte Lohmann stoppen.

Späte Anerkennung

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Die Wanderausstellung wurde in der St. Michaelis Kirche in Eutin gezeigt.

Da Lohmann damals seitens der Kirchenleitung keine Rückendeckung erhält, trifft er für sich die Entscheidung, in die Militärseelsorge zu gehen. Erst im Jahr 2017 nehmen die Synodalen der Kirchenkreissynode-Ostholstein öffentlich Stellung zu dem Verhalten ihrer Kirchen während des Nationalsozialismus. Auch die Nachkriegsjahre, die Lohmann zum Weggang aus Eutin bewegten, werden dabei kritisch hinterfragt.

Link

Dokumente zur "Verdrängten Vergangenheit"

NDR Info

Zeitdokumente zeigen den Streit um die von Jugendlichen gewünschte und mit Pastor Hartwig Lohmann geplante Aufklärungsarbeit zur NS-Vergangenheit der Kirche. extern

In der veröffentlichten Synodenerklärung vom 5. Mai heißt es: "Die Synode des Ev.-Luth. Kirchenkreises Ostholstein bittet all jene um Entschuldigung, die in ihrem Bemühen um die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in unserer Region durch Amtsträger unserer Kirche nicht nur zu wenig unterstützt, sondern sogar behindert wurden und teils erhebliche persönliche Nachteile in Kauf nehmen mussten. Wir danken ihnen für ihren Mut und ihre Aufrichtigkeit, Unrecht beim Namen zu nennen und mitzuhelfen, dass in Zukunft menschenverachtende Ideologien von Anfang an entschieden entgegengetreten wird." Pastor Hartwig Lohmann hat sich darüber gefreut: "Es ist gut, wenn das mal ausgesprochen wird."

Dichten - Schritt für Schritt

Wenn es nicht regnet, drehen Hartwig und Jutta Lohmann jeden Morgen ihre Runde um den Rensinger See. Dort treffen sie Nachbarn und immer fallen Hartwig Lohmann Verse für die Menschen ein: "Schritte sind es große, kleine. Aber immer sind es meine ... " Er fühle sich gar nicht wie 95, erklärt der Pastor: "Aber ich bin sehr, sehr dankbar dafür, noch so rüstig und so fit zu sein."

Anfang Januar 2019 begrüßt Lohmann seine Mitbewohner im nachbarschaftlichen Wohnprojekt mit einem Gedicht, das fast schon so etwas wie die Bilanz eines langen Lebens ist:

Still one hour:
dann aber mit power
raus aus dem Kasten.
Nicht ruhen, nicht rasten:
Die Stunden verrinnen!
Was Gutes beginnen!
Nicht bammeln, nicht bummeln,
nicht täuschen, nicht schummeln,
denn, - entgegen den Ängsten
währt EHRLICH am längsten.
So baut sie sich auf, -
eine Welt, deren Lauf
von Frieden bestimmt
ihren Gipfel erklimmt:
Eine Wonne des Lebens!
Das sei Ziel unsres Strebens.
Streit ist "von gestern".
Wir sind Brüder und Schwestern
in der Schönheit der Lilie:
EINE GROSSE FAMILIE. Hartwig Lohmanns Lebensbilanz als Gedicht

 

Sendung
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Forum am Sonntag / Feiertags-Forum

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Die Featuresendungen "Forum am Sonntag" und "Feiertags-Forum" widmen sich Themen aus dem großen gesellschaftlichen Spektrum, drehen sich aber auch um Glaube oder Spiritualität. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Forum am Sonntag | 31.03.2019 | 06:05 Uhr

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