Stand: 24.10.2019 05:00 Uhr

Kiel: Treff für obdachlose Frauen - mehr als nur ein Ort

Bild vergrößern
Das Kieler Team von stadt.mission.mensch hilft wohnungslosen Frauen. Bettina (l.) kommt regelmäßig her.

In dem gemütlichen und leicht versteckten Innenhof der Beratungsstelle für Frauen in Wohnungsnot der stadt.mission.mensch in Kiel riecht es schon nach Essen. In einer kleinen Sitzecke, die von Blumen umringt ist, sitzen zwei Frauen. Sie trinken Kaffee und rauchen. Drinnen stehen Tische, ein Computer und Schränke. Selbstgemalte Bilder hängen an den Wänden. Ein halbes Duzend Frauen unterhalten sich. Daneben ist die Küche, jener Ort, wo der Duft herkommt. Heute kochen Kathrin und Bettina - jeden Freitag ist hier Kochtag. Kathrin macht das gerne, sie hat Erfahrung in der Hauswirtschaft: "Früher habe ich in einem Haushalt gelebt, wo oft Gäste kamen", sagt sie und guckt prüfend in einen der beiden großen Töpfe.

Ohne Wohnung, kein soziales Umfeld

Kathrin hat schulterlange, braune lockige Haare und ein freundliches Lächeln. "Wir haben ein Spendenkonto und für freitags immer ein Budget von 20 Euro. Davon gehen wir einkaufen und kochen dann für alle. Man weiß nie, wie viele mitessen. Aber ich habe das mit der Menge meistens ganz gut drauf." Während der Öffnungszeiten der Beratungsstelle können Frauen in Wohnungsnot hierherkommen. Sie haben die Möglichkeit, den Computer oder die Küche zu benutzen - aber auch Wäsche zu waschen oder sich etwas zum Anziehen aus der Kleiderkammer zu nehmen. Dieser Tagestreff ist zu 100 Prozent durch Spenden finanziert. Er ist ein geschützter Ort mit Selbstverwaltungscharakter, der für die Frauen enorm wichtig ist. Hier können sie sich unterhalten, sie finden offene Ohren - und wichtige Bedürfnisse haben hier Platz.

Zwei Frauen rühren in einem Topf rum. © NDR Foto: Cassandra Arden

Beratungsstelle in Kiel für wohnungslose Frauen

NDR 1 Welle Nord - Von Binnenland und Waterkant -

Abends nach Hause kommen, in den eigenen vier Wände sein - für viele ist das nicht selbstverständlich. Die stadt.mission.mensch hat in der Frauenberatungsstelle einen Treff eingerichtet.

0 bei 0 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Das Gefühl, nicht die einzige mit dem Problem zu sein

"Das hätte ich früher nie gedacht, aber das kann so schnell gehen", sagt Kathrin traurig und spricht damit ihre eigene Situation an: "Für mich war das ganz wichtig damals, dass ich eine Anlaufstelle hatte, wo ich hin konnte. Dass man sich mal mit anderen austauschen kann und feststellt, dass man nicht alleine damit ist." Für Kathrin war die Erkenntnis wichtig, dass es auch andere gibt, "denen es auch so geht." Eine eigene Wohnung ist für die meisten Schleswig-Holsteiner selbstverständlich. Für rund 1.200 Menschen allein in Kiel ist es das aber ganz und gar nicht. "Dabei sind die Gründe, dass Menschen ihre Wohnung verlieren, so vielfältig wie die Menschen selbst", betont Regina Wriedt. Sie ist die Teamleiterin der Beratungsstelle, arbeitet seit fast 30 Jahren hier und verbreitet viel Optimismus.

Welche Probleme die Frauen haben, sieht man ihnen nicht an

"Jede Geschichte, die ich hier höre, ist anders. Viele Frauen haben lange in Gartenlauben übernachtet, andere eine Weile bei Freunden oder Bekannten. Das ist gerade für Frauen nicht ganz ungefährlich. Viele haben Erfahrungen mit Gewalt gemacht. Manche sind sehr jung. Manche sogar minderjährig. Unsere älteste Besucherin feiert bald ihren 80. Geburtstag", erzählt Regina Wriedt. Etwa 200 Frauen kommen im Moment regelmäßig in die Kieler Beratungsstelle. Manche gehen nur in den Treff, andere nehmen auch die Beratungsangebote war.

20 Prozent sind jünger als 25 Jahre

Bild vergrößern
Kathrin kocht häufig freitags im Treff für sich und die anderen Frauen.

Zehn Prozent derer, die keine eigene Wohnung haben, arbeiten laut Wriedt in einem Vollzeitjob. 20 Prozent sind jünger als 25 Jahre. Es kommen Akademikerinnen, Frauen, die eine schlimme Trennung hinter sich haben oder auch psychisch Kranke. "Viele Frauen schämen sich so sehr, dass sie lange versuchen, ihre Wohnungslosigkeit geheim zu halten", erzählt Regina Wriedt und fügt hinzu: "Sie sehen ja selbst, wenn die Frauen hier rausgehen und hinter der nächsten Ecke verschwinden, dann würde niemand erkennen, welche Nöte sie haben." Das Vorurteil von der dreckigen Frau in Lumpen und einem Einkaufswagen voller Plastiktüten sei unausrottbar, aber es treffe einfach nicht zu, meint sie.

Jeder kann in solch eine Situation rutschen

"Der Wohnungsmarkt ist total angespannt in Kiel. Wer einen Schufa-Eintrag hat, hat im Grunde kaum Chancen. Auch wenn er oder sie einen festen Job hat." Dennoch geben Regina Wriedt und ihre Kolleginnen alles und bringen so immer wieder Frauen zurück in ihre eigenen vier Wände. "Die Sache ist, dass das jedem passieren kann", sagt die Teamleiterin der Beratungsstelle." Bettina zum Beispiel. Sie steht neben Kathrin in der Küche und lacht. "Ich schnippel immer. Ich bin die Schnibbel-Fraktion. Ich kümmere mich auch um den Innenhof, dass die Pflanzen gegossen werden und die Herbstblätter weggefegt sind." Die fröhliche Bettina war anderthalb Jahre ohne eigene Wohnung. "Das lief ganz doof. Mein Vermieter hatte Eigenbedarf angemeldet, und dann war ich im Krankenhaus. Als ich wieder kam, waren die Schlösser ausgetauscht." Die Frauenberatungsstelle brachte sie zunächst vorübergehend unter und half ihr dann, eine Wohnung zu finden. "Die haben mich auch nicht allein gelassen. Ich war völlig überfordert, hier wurde mir geholfen", freut sie sich.

Zusammen essen ist mehr als Nahrungsaufnahme

Bild vergrößern
Gemeinsam am Tisch sitzen, plaudern und lachen, das ist weit mehr als nur Nahrungsaufnahme in der Beratungsstelle.

Inzwischen sind Rübenmus und Mettenden fertig. Zwei große Töpfe werden auf den Tisch gehievt. Alle, die mitessen möchten, nehmen Platz. Es wird viel erzählt und gelacht. Die Stimmung ist freudig und ausgesprochen gut. Regina Wriedt beobachtet das Treiben, lacht mit und macht klar: "Das hier ist viel mehr als Nahrungsaufnahme. Das Gemeinsame - am Tisch sitzen und essen und vorher kochen - das ist Freude, auch das Gefühl von: hier werde ich gebraucht. Wie kostbar das ist, weiß man erst, wenn man es nicht mehr hat."

Alles im Treff ist durch Spenden finanziert, wie Regina Wriedt betont. "Egal ob es die Einrichtung ist, die Sachen in der Kleiderkammer oder das Essen. Wir sind so froh, dass es Menschen gibt, die uns da unterstützen - sonst würde es diesen sozialen Austausch und auch die gemeinsamen Freitagsessen nicht geben", ist sie sich sicher.

Weitere Informationen

Wohnungslosigkeit weiterhin großes Problem in SH

17.04.2019 17:00 Uhr

Im vergangenen Jahr haben sich rund 7.500 Menschen an die Diakonie gewandt, weil sie ohne Wohnung leben oder Angst haben, ihre Wohnung zu verlieren. Laut dem Hilfswerk sind immer häufiger Frauen betroffen. mehr

Norderstedts Kampf gegen die Obdachlosigkeit

23.04.2018 19:30 Uhr

Als erste Stadt in Schleswig-Holstein hat Norderstedt eine Wohnungsvermittlerin für Obdachlose. Katrin Fasel sucht nach günstigen Immobilien - in einer Stadt mit den höchsten Mieten im Land. mehr

Michelles langer Kampf um die eigene Wohnung

02.12.2018 19:30 Uhr

Knapp drei Jahre lang hatte Michelle Neptun keine eigene Wohnung - weil ihr Azubi-Gehalt nicht ausreichte. Sie zog von Couch zu Couch, bis sie Hilfe bei einem Projekt für Wohnungslose fand. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 24.10.2019 | 20:40 Uhr

Mehr Nachrichten aus Schleswig-Holstein

04:19
Schleswig-Holstein Magazin

Wie gelingt inklusiver Unterricht?

Schleswig-Holstein Magazin
03:05
Schleswig-Holstein Magazin
04:54
Schleswig-Holstein Magazin