Demonstrierende Personen demontieren Zäune am Flensburger Bahnhofswald. © NDR Foto: Lukas Knauer

Baumfällungen in Flensburg: Brisante Lage am Bahnhofswald

Stand: 19.02.2021 20:35 Uhr

Die Investoren des geplanten Hotels am Bahnhofswald in Flensburg dürfen das Gebiet nicht weiter räumen. Auch dürfen vorerst keine weiteren Bäume gefällt werden. Trotzdem mussten am Freitag einige der Bäume abgeholzt werden.

Im Flensburger Bahnhofswald haben Arbeiter die ersten Bäume gefällt. Seit Oktober besetzen Naturschützer den Bereich. So wollen sie verhindern, dass der Wald gerodet und auf dem Gelände ein Hotel mit Parkhaus gebaut wird. Die Flensburger Polizei und Beamte der Landespolizei waren vor Ort. Freitagmorgen hatten die Investoren Sicherheitsleute geschickt, um das Gebiet zu räumen. Dabei wurden auch Bäume angesägt. Inzwischen sind sich Stadt, Polizei und Protestler einig: diese Bäume stellen eine Gefahr dar. Deshalb wurden sie gefällt. Dabei war die Stimmung vergleichsweise ruhig. Anders als wenige Stunden zuvor.

Fällarbeiten am frühen Morgen

Die Forstarbeiter hatten am Freitagmorgen begonnen, die Bäume zu fällen, unterstützt von privaten Sicherheitsleuten. Dabei kam es zu Auseinandersetzungen mit Umweltschützern und Aktivisten. Der Bauzaun, den Investoren um den Wald aufgestellt hatten, wurde fast komplett eingerissen. Die Polizei musste einschreiten. Etwa 150 Demonstranten und Sympathisanten waren vor Ort - und standen mehreren Dutzend Sicherheitsleuten gegenüber. Die Stadt Flensburg hat daraufhin in ihrer Eigenschaft als Versammlungsbehörde eine Verfügung erlassen, um eine Eskalation zu vermeiden.

Rangeleien zwischen Polizei und Demonstranten

Wie kam es zu dieser Eskalation? Flensburgs Oberbürgermeisterin Simone Lange (SPD) hatte am Donnerstagabend gesagt, dass eine Räumung des Waldstückes wegen der Pandemie-Lage nicht stattfinden werde. Daraufhin schickten die Investoren des Hotels am Freitagmorgen eigene Sicherheitsleute. Die fingen an, die Waldbesetzer von den Bäumen zu holen. Als die Polizei einschritt, kam es zu Rangeleien zwischen Polizisten und Demonstranten. Dabei ist nach Angaben der Polizei ein Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes verletzt worden. In Gewahrsam wurde aber niemand genommen. Zwischenzeitlich hatten sich etwa 100 Schaulustige dazu gestellt, vielen von ihnen sympathisierten mit den Baumbesetzern.

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Weiter Einsatzkräfte vor Ort

Inzwischen ist der Bereich, in dem die angesägten Bäume gefällt werden mussten, geräumt. Die Demonstranten, die dort seit Monaten in Baumhäusern leben, haben laut Polizei kooperiert. Trotzdem werden die Einsatzkräfte auch in der Nacht vor Ort bleiben, sagte Polizeisprecherin Sandra Otte: "Es sind immer noch Bäume besetzt. In den Baumhäusern sind immer noch Personen. Die lassen wir da bleiben und beobachten die Situation." Ab Mitternacht tritt in Flensburg die nächtliche Ausgangssperre wegen der hohen Corona-Inzidenz in Kraft tritt. Wie die Polizei dann mit den Baumbesetzern umgehen wird, ist noch unklar.

Kritik von Polizei und Politik

Inzwischen gibt es Reaktionen von Polizeigewerkschaft und Politikern. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) reagierte fassungslos auf den eigenständigen Start der Räumungen durch den Investor und rief beide Seiten zu Friedfertigkeit auf. Im Corona-Hotspot Flensburg müsse alles dafür getan werden, dass es keine weiteren Infektionen gibt, teilte die Gewerkschaft dazu mit. Auch die Grünen kritisierten die Aktion der Investoren. "Der Einsatz eines privaten Sicherheitsdienstes zur Räumung des Flensburger Bahnhofswaldes durch den Investor ist in dieser Situation völlig unverhältnismäßig und eine bewusste Eskalation der Lage", sagte der Landesvorsitzende Steffen Regis in einer Mitteilung. "Der Investor setzt sich damit zudem über die Entscheidung von Oberbürgermeisterin Simone Lange hinweg, den Wald wegen der Pandemielage nicht räumen zu lassen. So geht es in einer Demokratie nicht." Das Wichtigste sei nun, die Lage zu beruhigen und gemeinsam in Ruhe nach vernünftigen Lösungen zu suchen.

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SSW stellt Berichtsantrag

Die FDP hält es dagegen für unwürdig, dass eine Gruppen von Menschen in Flensburg die Umsetzung demokratischer Beschlüsse verhindern kann. Kay Richert von der FDP-Landtagsfraktion monierte: "Während es die Oberbürgermeisterin monatelang nicht schafft, den Bauherren zu helfen, dauert eine Verfügung zum Stopp der genehmigten Fällungen offenbar keinen Vormittag."

Unterdessen hat der SSW im Landtag einen Berichtsantrag für die kommende Sitzung des Innen- und Rechtsausschusses eingereicht. Der SSW-Abgeordnete Christian Dirschauer fordert: "Ministerin Sütterlin-Waack soll uns berichten, wie es dazu kommen konnte, dass die Hotelinvestoren offensichtlich ohne Absprache mit Stadt oder Polizei mit der Räumung des Bahnhofswaldes begonnen und die Lage vor Ort derart eskalieren lassen haben." Dirschauer lobte gleichzeitig die Polizeikräfte vor Ort, die erheblich zum Schutz aller Beteiligten und zur Deeskalation der Lage beigetragen hätten.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 19.02.2021 | 19:30 Uhr

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