Batteriefabrik bei Heide: Erst Archäologie, dann High-Tech

Stand: 13.09.2022 10:11 Uhr

Schweres Gerät, dutzende Gräben: Was aussieht wie erste Bodenarbeiten für die geplante Batteriefabrik bei Heide sind jedoch archäologische Voruntersuchungen. Die Grabungen sind für das Landesamt eine besondere Herausforderung.

von Carsten Rauterberg

Auf den Wiesen in Lohe-Rickelshof direkt an der B203 haben Mitarbeiter des Archäologischen Landesamtes zahlreiche Gräben ausgehoben. Die Grabungen sind im Rahmen des Genehmigungsverfahrens für die Batteriefabrik bei Heide vorgeschrieben, genauso wie Verkehrs- und Umwelt-Gutachten.

Nachdem feststand, dass das schwedische Unternehmen Northvolt auf einer rund 160 Hektar großen Fläche in Lohe-Rickelshof und Norderwöhrden im Kreis Dithmarschen eine Batteriezellen-Fabrik für E-Autos plant, kam auch das Archäologische Landesamt in Schleswig mit ins Spiel. "Wir mussten im Rahmen des Genehmigungsverfahrens eine Stellungnahme abgeben, ob das archäologisch interessante Flächen sind", erklärt Ingo Lütjens, stellvertretender Leiter der Behörde: "Wir haben das dann geprüft und gesagt: 'Ja, da sind archäologische Voruntersuchungen notwendig'. Dann haben wir uns mit den Vertretern von Northvolt verständigt und eine Vereinbarung geschlossen."

 Archäologisches Landesamt prüft und baggert

Sandberge auf einer Wiese © Jonas Salto Foto: Jonas Salto
Die Suchgräben sind zwei Meter breit, zehn Meter lang und gut einen Meter tief.

Seit August laufen die Arbeiten. "Wir haben eine gut 60 Hektar große Fläche auf dem Geestrücken des Gesamtgeländes voruntersucht. Das ist der archäologisch relevante Bereich, weil dort vor einigen Jahren schon einmal Sachen gefunden wurden", sagt Ingo Lütjens. Mit einem Bagger wurden dann sogenannte Suchgräben ausgehoben. Insgesamt sind es 70 Gräben. Sie liegen parallel zueinander auf den Wiesen, die zwischen der B 203 und einer von weitem sichtbaren Biogasanlage liegen.

Ein Baggerfahrer nahm mit der Baggerschaufel zunächst den dunklen Mutterboden bis auf den helleren Untergrund herunter. "Auf dem helleren Boden können wir dann archäologische Befunde erkennen", beschreibt Ingo Lütjens den Vorgang. Ein weiterer Mitarbeiter stand dann direkt im Graben und schaute, wo mögliche Fundstellen sind, um diese gleich zu markieren. Zwei Meter breit, zehn Meter lang und gut einen Meter tief sind die Suchgräben. Sie sind noch immer offen, und genauso wie die großen Erdhaufen immer noch von der B203 zu sehen.

Erste Funde: "Das macht uns neugierig auf mehr"

Schon nach einigen Tagen wurden die Archäologen fündig. Sie entdeckten in den Gräben einige Pfosten-Gruben. "In der Vorgeschichte haben die Menschen hier in Pfostenbauweise ihre Häuser gebaut. Dazu haben sie eben Löcher gegraben, um die Holzpfosten da reinzusetzen. Dann sind diese Pfosten gezogen worden und die dunkle Erde ist da rein gekommen - diese dunklen Flecken sehen wir heute noch." Diese Gebäude stammen vermutlich aus der Römischen Kaiserzeit, sind also gut 2.000 Jahre alt.  

Viele Sandhügel auf einer Wiese im Hintergrund Bäume © Jonas Salto Foto: Jonas Salto
Auf den Wiesen in Lohe-Rickelshof direkt an der B203 haben Mitarbeiter des Archäologischen Landesamtes zahlreiche Gräben ausgehoben.

Die Experten entdeckten außerdem Teile aus einem Gräberfeld. "Das sind Beigefäße aus Körpergräbern, diese stammen aus der Zeit der Völkerwanderung, sind also so 1.500 Jahre alt", erzählt Ingo Lütjens. "Das macht uns neugierig auf mehr, weil wir diese sonst nur aus Niedersachsen und aus Dänemark kannten. Die haben wir jetzt hier in Dithmarschen zum ersten Mal gefunden." 

Ofenreste aus der Kaiserzeit

Akribisch gehen die Mitarbeiter des Archäologischen Landesamtes bei ihrer Suche vor - so auch bei diesem Fund. Sie fanden in anderen Gräben auf dem Gelände einige größere und dickwandige Scherben, die zu einem sogenannten Lochplatten-Ofen gehören. "Diese speziellen Öfen sind typisch für eine kaiserzeitliche Küstenrandbesiedlung an der Nordsee", ordnet Experte Ingo Lütjens die Funde ein. "Das ist eine besondere Art, die wir bis jetzt nur so an der Westküste gefunden haben." 

Vielleicht finden die Archäologen später noch heraus, warum die Öfen nur in der Region an der Nordseeküste gebaut wurden und welchen Zweck sie hatten - zum Heizen oder zum Kochen. Ausgestellt werden die Ofenreste und alle anderen Funde aus Lohe-Rickelshof später übrigens im Archäologischen Landesmuseum in Schloss Gottorf.  

Bericht über Voruntersuchung

Die Experten des Archäologischen Landesamtes werten nun ihre Funde der Voruntersuchungen aus und erstellen einen schriftlichen Bericht. Fest steht, dass die Hauptuntersuchung auf einer Fläche von acht Hektar gemacht werden soll. "Dafür warten wir aber auf die endgültige Entscheidung des Investors", schränkt Ingo Lütjens ein.

Der Investor ist Northvolt. Das schwedische Unternehmen will eine Batteriezellen-Fabrik für E-Autos bauen. Auf einer 160 Hektar großen Fläche sollen von Ende 2025 an pro Jahr rund eine Million Batteriezellen hergestellt werden. 3.000 Mitarbeiter sollen dann dort arbeiten. Noch gibt es von Northvolt nur eine Absichtserklärung, die im Übrigen auch von Vertretrern der Landesregierung unterzeichnet wurde. Eine endgültige Investitionsentscheidung ist noch nicht getroffen worden.

"Wir sind nach wie vor an allen wichtigen Themen dran, die Planung läuft auf Hochtouren. Eine finale Investitionsentscheidung werden wir bis Ende des Jahres treffen", sagt Nortvolt-Projektleiter Nicolas Steinbacher.

"Wenn wir jetzt hier für die Hauptgrabungen acht Hektar untersuchen müssen, ist das schon außergewöhnlich." Ingo Lütjens, stellvertretender Leiter des Archäologischen Landesamtes

Größte Archäologische Grabung des Landesamtes

Bisher hat das Landesamt Flächen von sechs bis acht Hektar bei Voruntersuchungen überprüft. Nun waren es allein bei der Voruntersuchung in Lohe-Rickelshof 60 Hektar. Für Ingo Lütjens und seine Kolleginnen und Kollegen eine große und ungewöhnliche Aufgabe: "Das ist schon eine besondere Herausforderung. Bislang hatten wir für eine Hauptuntersuchung Flächen, die waren einen halben oder einen Hektar groß. Und wenn wir jetzt hier für die Hauptgrabungen acht Hektar untersuchen müssen, ist das schon außergewöhnlich." 

Mehrere Teams und bis zu 50 Mitarbeiter

Das Archäologische Landesamt bereitet sich jedoch schon auf die Hauptuntersuchung vor. Ingo Lütjens verweist auf dabei die besondere Anforderungen: "Wir haben ein bestimmtes Zeitfenster, ungefähr ein Jahr für die Hauptuntersuchung. Für eine solch große Fläche brauchen wir mehrere Grabungsteams mit bis zu 50 Mitarbeitern."

Wenn Investor Northvolt grünes Licht für die Batteriefabrik gibt, sollen noch im November in Lohe-Rickelshof die Arbeiten für die Hauptuntersuchung beginnen.

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Schleswig-Holstein Magazin | 13.09.2022 | 19:30 Uhr

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