Stand: 18.11.2019 00:00 Uhr

Bahnfahren mit Handicap könnte einfacher sein

Unter dem Titel "Nicht meckern, machen!" berichtet NDR Info gemeinsam mit der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung", den "Kieler Nachrichten", der "Ostsee-Zeitung" und dem "Hamburger Abendblatt" über Menschen, die selbst etwas bewegen. Menschen, die trotz hoher Hürden etwas für sich und andere erreichen. Einer von ihnen ist Kay Macquarrie aus Schleswig-Holstein, der eine Petition für mehr Barrierefreiheit gestartet hat.

von Ulrike Drevenstedt, NDR Info

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Um Hilfe bei Bahnfahrten vom Mobilitätsservice der Bahn zu bekommen, muss Kay Macquarrie mühsam Formulare ausfüllen.

Mit ein paar Schritten einfach in den Zug einsteigen, ohne darüber nachzudenken: Was für die meisten Menschen ganz selbstverständlich ist, ist für Menschen mit Behinderung oft unmöglich. Kay Macquarrie aus Altenholz bei Kiel, der nach einem Unfall seit mehr als 20 Jahren im Rollstuhl sitzt, spricht von einem Albtraum. Warum? "Weil diese Stufenlosigkeit nicht vorherrscht", sagt Macquarrie.

Stufen versperren Rollstuhlfahrern den Weg

Nach Angaben des Statistischen Bundesamts gibt es in Deutschland etwa 1,6 Millionen Rollstuhlfahrer. Für sie, aber auch Menschen mit Rollatoren, Kinderwagen oder schwerem Gepäck sind die Stufen beim Ein- oder Aussteigen ohne Hilfe ein manchmal unüberwindbares Hindernis. "Die Problematik ist für mich, dann jemanden zu finden, der mich rausholt. Oder ich plane neu und muss dann eine andere Zugverbindung nehmen", erzählt der 44-jährige Familienvater, der für seinen Job als Projektentwickler und Freier Journalist zwischen Kiel und Berlin pendelt.

Kay Macquarrie sitzt in einem Rollstuhl und rollt von einem Bahnsteig in einen Zug. © Kieler Nachrichten

Rollstuhlfahrer Kay Macquarrie und die Bahn

NDR Info - Infoprogramm -

Kay Macquarrie aus Altenholz bei Kiel pendelt häufig mit der Bahn nach Berlin und zurück. Als Rollstuhlfahrer wünscht er sich, den Mobilitätsservice der DB einfacher nutzen zu können.

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79 Formularfelder müssen ausgefüllt werden

An den Bahnhöfen kommt die Mobilitätsservicezentrale der Deutschen Bahn ins Spiel. Wer Hilfe beim Ein- und Aussteigen benötigt, kann sie beantragen. Rollstuhlfahrer werden zum Beispiel mithilfe eines mobilen Hublifts in den Zug gebracht. "Wenn alles gut geht, ist in Berlin auch Personal da, das mich wieder aus der Bahn herausholt."

Macquarrie schätzt, dass gut ein Viertel der Anträge für den Mobilitätsservice abgelehnt werden. Hinzu kommt, dass die Anmeldung 48 Stunden vor Fahrtantritt gestellt werden muss - und dass sie nur in einem begrenzten Zeitraum und auch nicht an jedem Bahnhof angeboten wird. Für die Betroffenen ist das eine Mammutaufgabe: "Eine Standardanmeldung für eine Fahrt von Kiel nach Berlin hat 79 Formularfelder. Das ist einfach völlig unglaublich, was man da Menschen mit Mobilitätseinschränkung zumutet."

Mehr als 90.000 Unterstützer

Das hat der Kieler einige Jahre mitgemacht - und dann eine Petition bei change.org gestartet. Seine Forderung: die Anmeldung für den Hilfeservice zu vereinfachen. "Am Anfang war Frust, und dann war die Lust da, das irgendwie zu transformieren und in etwas Positives zu verwandeln. Und diese Lust ist auch da, weil man so viele Verbündete findet. Das hätte ich gar nicht erwartet." Mehr als 90.000 Menschen haben seine Petition bereits unterschrieben: "Das gibt’s auch nicht alle Tage".

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Appell an die Deutsche Bahn

Angestoßen durch die Petition gibt es auch schon eine digitale Lösung für das Problem: Das Projekt "Hilfeleistung als Service" ("HaSe") hat der Karlsruher IT-Spezialist Philipp Maier entwickelt. Mit dem neuen Tool werden aus den 79 Klicks nur noch einige wenige: "Das, was die Bahn in zehn Jahren nicht hinbekommen hat, hat er in zehn Tagen hinbekommen", sagt Macquarrie. "Die Bahn ist jetzt angehalten, das zu integrieren in ihr eigentliches System. Wir haben hier mehr als eine Machbarkeitsanalyse geliefert und einen Prototypen, der mittlerweile von mehr als 100 Personen genutzt wird. Insofern weiß ich nicht, wieso sich die Bahn dagegen so sperrt."

Von der Bahn heißt es dazu: Zurzeit werde eine neue IT-Landschaft entwickelt und in diesem Rahmen werde auch die Realisierbarkeit eines implementierten Mobilitätsservice geprüft. Bis es soweit ist, läuft die Petition für Barrierefreiheit beim Bahnfahren von Kay Macquarrie aus Altenholz weiter.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 18.11.2019 | 06:00 Uhr

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