Stand: 08.02.2019 13:20 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Asbest: Fragen und Antworten

von Cassandra Arden

Was ist Asbest und wann wurde es verwendet?

Asbest ist ein natürlich vorkommender, faseriger, kristallisierter Rohstoff. Er wird vor allem in Kanada, Russland und China abgebaut. Asbest wurde schon im 19. Jahrhundert verwendet und erfreute sich großer Beliebtheit, weil er hitze- und säurebeständig ist, sich gut zum Dämmen eignet und außerdem auch verwebt werden kann. Die "Allround-Faser" wurde daher auch in vielen verschiedenen Bereichen eingesetzt, etwa in der Wärmedämmung, in der Bauindustrie und für Textilien. Schon seit der Wende zum 20. Jahrhundert berichteten Mediziner allerdings von der Gefahr, die von den Fasern ausgeht. Noch während des Zweiten Weltkrieges gelangte Asbest auf die Liste der Krebserregenden Stoffe. In der Nachkriegszeit aber gerieten die Risiken in den Hintergrund. Ende der 50er Jahre wurden allein im Bremer Hafen 40.000 Tonnen Asbest umgeschlagen. Ende der 70er waren es rund 170.000 Tonnen in West-Deutschland. Zwischen 1950 und 1990 importierte Deutschland (West-Deutschland und DDR zusammen) rund 4,35 Millionen Tonnen Asbest. In quasi allen Gebäuden, die in dieser Zeit gebaut wurden, versteckt sich Asbest. In Dächern, Fußböden, Wänden und Decken. Asbest wurde erst 1993 in Deutschland verboten. Seit 2005 gilt ein generelles EU-weites Verbot. Anders ist das unter anderem in China.

Wie unterscheidet sich fest und schwach gebundener Asbest?                                                                                                           

Der Unterschied besteht hauptsächlich darin, wie und unter welchen Bedingungen die gefährlichen Asbestfasern freigesetzt werden. Bei schwach gebundenen Asbestprodukten werden Fasern ganz ohne Berührung freigesetzt, quasi von sich aus. Das ist bei fest gebundenen Produkten anders. Diese werden, nach jetzigem Kenntnisstand, erst dann gefährlich, wenn sie bewegt werden. Also wenn sie bearbeitet oder auch durch Witterungseinflüsse beschädigt werden. Fest gebundene Asbestprodukte sind zum Beispiel Asbestzementwellplatten, Asbestzementfassadenplatten oder Asbestzementblumenkästen. Unterschieden wird anhand der sogenannten Rohdichte - je höher der Gewichtsanteil an Asbest in einem Produkt, desto schwächer sind die einzelnen Fasern im Produkt gebunden. Das heißt, umso leichter gelangen sie in die Luft.

Ab wann gilt eine Asbest Belastung als zu hoch?

Überall auf der Welt konnten inzwischen Asbestfasern nachgewiesen werden, selbst in der Antarktis. In unserer Umwelt befinden sich pro Kubikmeter Luft rund 100 bis 150 Fasern. Die Weltgesundheitsorganisation setzt eine Asbestmaximalbelastung auf 200 Fasern pro Kubikmeter fest. In Deutschland gilt ein Grenzwert von 500 Fasern pro Kubikmeter in einem Innenraum. Besteht der Verdacht auf eine höhere Belastung, dann werden Raumluft-Proben genommen und in einem Labor untersucht. Der EU-Grenzwert am Arbeitsplatz liegt bei 100.000 Fasern pro Kubikmeter. Zum Vergleich: Dieser Grenzwert lag 1973 noch bei drei Millionen Fasern pro Kubikmeter. Bei dem aktuellen Fall in der Schule in Reinbek wurden zum Teil 3.000 Fasern pro Kubikmeter Luft gemessen.

Wann und wo muss auf Asbest kontrolliert werden?

Es gibt kein Gesetz im Baurecht, das vorschreibt, ein Gebäude ohne Anlass auf Asbest zu untersuchen. Das kritisieren viele Gutachter, denn es liegt allein in der Verantwortung der Eigentümer, überprüfen zu lassen, ob und in welchem Ausmaß Asbest zum Beispiel in Wänden, Böden und Heizungsanlagen verwendet wurde. Kontrolliert werden muss immer dann, wenn ein Gebäude saniert oder größere Arbeiten durchgeführt werden. Soll saniert, abgerissen oder instand gehalten werden, dann müssen Proben genommen und Messungen durchgeführt werden, auch um Handwerker zu schützen.

Für welche Gebäude gilt das?

Das gilt für alle Gebäude, bei denen feststeht oder davon auszugehen ist, dass Asbest verbaut worden ist. Und das trifft auf fast alle Gebäude zu, die bis Mitte der 90er Jahre gebaut wurden, denn erst 1993 wurde Asbest in Deutschland verboten. Wenn danach Asbest verbaut wurde, war es widerrechtlich. Aber auch sehr alte Häuser, noch aus Zeiten vor dem Zweiten Weltkrieg können betroffen sein. Immerhin wurden in der Zwischenzeit nahezu alle diese Gebäude mindestens ein Mal saniert. Und sei es nur, dass ein neuer Boden verlegt oder der Putz überholt wurde. Und wenn das nach dem Krieg geschehen ist, dann sehr wahrscheinlich mit asbesthaltigen Produkten.

Was ist, wenn mein Haus betroffen ist?

Sofern ein Haus zum Beispiel aus den 1970er Jahren stammt, ist dringend davon abzuraten, selbst Wände abzureißen oder an der Decke eigenhändig tätig zu werden. Es ist ratsam, vor einer Renovierung prüfen zu lassen, ob und in welchem Ausmaß Asbest verbaut wurde. Häuser, Wohnungen und andere Gebäude, die mit schwach gebundenem Asbest belastet sind, müssen zwingend von Spezialfirmen umgebaut und renoviert werden. Diese Firmen müssen zugelassene Fachfirmen sein.

Was genau steht in der Asbestrichtlinie?

Die Asbestrichtlinie von 1989 wurde zuletzt 1996 aktualisiert. Sie regelt, wie mit schwach gebundenen Asbestprodukten in Gebäuden umzugehen ist. Wird ein Gebäude auf Asbest kontrolliert, weil der Eigentümer Gewissheit haben will, dann ordnen Gutachter das Gebäude in drei Kategorien ein. Die erste bedeutet, es besteht sofortiger Handlungsbedarf. Die zweite, dass alle zwei Jahre kontrolliert werden muss. Die dritte verlangt, dass alle fünf Jahre kontrolliert werden muss. Es gibt keinen Automatismus. Der Eigentümer muss selbst dafür sorgen, dass nach zwei oder fünf Jahren erneut ein Gutachter kommt. Das gilt für privates Eigentum wie auch für öffentliche Gebäude.

Welche Kritik gibt es an dieser Richtlinie?

Die Richtlinie behandelt nur schwach gebundene Asbestprodukte. Experten fordern schon lange, dass auch fest gebundene Asbestprodukte aufgenommen werden. Denn sonst fallen viele Produkte durchs Raster. Relativ neu ist zum Beispiel das Wissen, dass auch Putz, Kleber und Farben asbesthaltig sein können. All das greift die Asbestrichtlinie aber nicht auf. Der Gesamtverband Schadstoffsanierung und auch viele unabhängige Sachverständige fordert darum eine Anpassung der Richtlinie. Die Kritiker finden es nicht sinnvoll, dass schwacher und festgebundener Asbest anhand der sogenannten Rohdichte unterschieden wird. Die Rohdichte wird in Kilogramm pro Kubikmeter gemessen. Hat ein Asbestprodukt eine Rohdichte von unter 1.000 Kilogramm pro Kubikmeter gilt dieses als schwach gebunden. Hat es mehr als 14.000 Kilogramm pro Kubikmeter, so gilt es als festgebunden. Kritiker fordern als Unterscheidungsmerkmal nicht die Rohdichte, sondern das Faserfreisetzungsverhalten zu verwenden.

Gibt es Pläne, die Richtlinie zu ändern?

Im Moment nicht. Die Asbestrichtlinie ist Ländersache. Alle Länder haben eine bundesweite Vorlage genutzt und nur Kleinigkeiten abgeändert. Als oberste Baubehörde ist das zuständiges Ministerium das Innenministerium. Dort sieht man nach eigenen Angaben allerdings keinen Anlass, die Richtlinie zu ändern oder anzupassen.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 08.02.2019 | 17:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Schleswig-Holstein

02:30
Schleswig-Holstein Magazin
03:14
Schleswig-Holstein Magazin