Stand: 06.02.2019 20:14 Uhr

Absauganlage in Kiel: Ganz viel kalte Luft

von Maja Bahtijarević

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Der "Stadtluftreiniger" steht in der Nähe der Messstation (vorne).

Im Stop-and-go schieben sich Lkw und Pendlerautos über den Theodor-Heuss-Ring in Kiel, vorbei an der Spurverengungsanzeige, vorbei an einer Menschentraube in Arbeitskleidung. Die Techniker schrauben gerade noch letzte Teile der Außenverkleidung an den großen weißen Container - den "Stadtluftreiniger", wie ihn sein Hersteller Purevento aus Trittau (Kreis Stormarn) nennt. Absauganlage oder Luftfilter sind auch gängige Begriffe für das Gerät, das etwa eine Woche lang hier stehen und auf Handhabung geprüft werden soll. In diesem knapp 200 Meter langen, besonders betroffenen Abschnitt wohnen etwa ebenso viele Kieler in Häusern direkt an der Straße. Vor allem für sie will die Stadt die schmutzige Luft sauberer machen. Wie gut die Anlage die Schadstoffe herausfiltern kann - um das zu überprüfen, steht der Prototyp überhaupt hier - wird in diesen Tagen allerdings noch nicht getestet.

Umweltamt: Keine Messgeräte auf dem Markt

Es wirkt seltsam: Da wird eine Fahrspur der hoch frequentierten Verkehrsader abgesperrt, um den Container heranzukarren, aber über die Filterfunktion werden keine Erkenntnisse gewonnen. Jetzt geht es nach Angaben des Unternehmens erst mal um Lärm, Optik, Verkehrssicherheit und Akzeptanz bei den Anwohnern. Hintergrund: Nach Angaben des Umweltschutzamtes Kiel sind noch gar keine Messgeräte auf dem Markt, die die Sauberkeit der Luft rund um die Filteranlage verlässlich bestimmen können. Das stationäre Messgerät, das am Theodor-Heuss-Ring installiert ist, beziehe beispielsweise keine Wettereinflüsse wie Wind mit ein. "Da arbeiten die Techniker parallel dran, das ist ein Prozess", sagt Amtsleiter Andreas von der Heydt.

Hersteller: "Druck im politischen Kessel in Kiel"

Der Geschäftsführer des hinter dem "Stadtluftreiniger" stehenden Unternehmens, Robert Krüger, spricht selbst davon, dass man die Anlage "vielleicht etwas kurzfristig" an der Stelle platziert habe. Der Termin Anfang Februar sei von der Stadt aber schon angekündigt worden. "Wir haben festgestellt, dass der Druck im politischen Kessel hier in Kiel relativ hoch ist", sagt Krüger. "Und deswegen haben wir gesagt: Dann ziehen wir das hier vor, testen dann, was noch getestet werden muss, und kommen in vier bis sechs Wochen wieder." In der Hoffnung, dass die eigenen Techniker in Sachen Messgeräte dann weitergekommen sind.

Anwohnerin: "Was soll das denn bringen?"

Eine Anwohnerin blickt sehr ungläubig auf den weißen Container, der fast vor ihrer Haustür steht. "Was soll das denn bringen?", fragt sie rhetorisch und fügt schnell hinzu, dass es ihr aber sowieso egal sei. Sie zuckt mit den Schultern. "Ich ziehe hier weg, gerade wegen des Verkehrs. Das ist nicht zu ertragen." Einen jungen Mann stört die Herangehensweise an das Schadstoffproblem. "Es passiert irgendwie gar nichts", sagt er und klingt enttäuscht. "Jetzt haben wir hier eine Anlage stehen, die eine Woche getestet wird - und nichts bringt. Es werden keine effektiven Maßnahmen ergriffen. Und ich habe das Gefühl, die Stadt wartet einfach auf das Urteil des Oberverwaltungsgerichts Schleswig, um dann wieder zu Maßnahmen gezwungen zu werden." Die Deutsche Umwelthilfe hat wegen der schlechten Luftwerte in Kiel Klage gegen das Land Schleswig-Holstein eingereicht.

Fahrradweg? Da steht jetzt der Container drauf

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Die Absauganlage versperrt die Fahrradspur.

Eine Radfahrerin bemängelt den Standort des Filters. "Man kann doch so ein Gerät nicht auf den Radweg stellen", sagt sie aufgeregt, das sei der einzige Platz für umweltfreundliche Verkehrsmittel. Und tatsächlich: Der Container schließt mit dem Bordstein an der Straße fast bündig ab, blockiert die Fahrradspur auf kompletter Breite und nimmt noch einen Teil des Fußwegs in Beschlag. So bleibt zwischen Hauswand und Container etwa 1,50 Meter Platz übrig. Kommen tatsächlich irgendwann sechs "Stadtluftreiniger" zum Einsatz - so viele hält Purevento für nötig, um den 200 Meter langen Straßenabschnitt von zehn Prozent der Schadstoffe zu befreien - gilt das entsprechend für sechs Stellen entlang des Rings. Kiel bezeichnet sich übrigens selbst als "Fahrradstadt".

Der verbliebene Teil des Fußwegs "wird zur Mischnutzung für Fußgänger und Fahrräder", sagt Arne Gloy, stellvertretender Pressesprecher der Stadt. Dass es deswegen Kritik geben wird, ist ihm bewusst. "Aber was hätten wir denn machen sollen? Wenn wir den Container auf den Fußweg stellen, gäbe es auch Ärger", sagt er und zuckt die Achseln, "und schauen Sie doch mal, wie wenige Fahrräder hier langkommen."

Kiels Oberbürgermeister spricht von Improvisation

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"Wir Kommunen müssen letztendlich improvisieren", sagt Ulf Kämpfer.

Wer am Mittwochvormittag vorbeikommt, ist Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD). Die Anlage sei Improvisation, sagt er mit einem Blick auf den weißen Container. Das sei ihm klar, denn die Schadstoffe dürften gar nicht erst in die Umwelt gelangen. "Aber solange die Bundesregierung noch im Diesel-Dornröschenschlaf verharrt und weder bei den Hardware-Nachrüstungen noch bei sonstigen Möglichkeiten effektiv handelt, müssen wir Kommunen letztendlich improvisieren, um drohende Fahrverbote abzuwenden und die Gesundheit der Anwohner zu schützen."

Wichtig ist Kämpfer, bei seinem Ortstermin herauszustellen, dass die Absauganlage kein Teil des Maßnahmen-Pakets ist, das die Stadt dem Umweltministerium für den sogenannten Luftreinhalteplan vorgelegt hat. "Wir schaffen das auch ohne, das haben wir nachgewiesen", meint Kämpfer. "Aber: Wir wissen noch nicht, was das Umweltministerium mit unseren Vorschlägen macht."

Bleibt die Frage, wie schnell "Stadtluftreiniger" in Kiel Realität werden könnten. Anfang Januar hatte Kämpfer erklärt, er rechne damit, dass eine Genehmigung für den Dauerbetrieb einer Absauganlage Jahre in Anspruch nehmen könnte.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 06.02.2019 | 20:00 Uhr

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