Stand: 08.05.2020 20:45 Uhr  - Schleswig-Holstein Magazin

"Krieg ist die letzte Scheiße, die der Mensch machen kann"

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Lisa Schomburg und Manfred Hüllen sind Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs. Sie erzählen Schülern ihre Geschichte.

Dieser Satz stammt von Manfred Hüllen: "Krieg ist die letzte Scheiße, die der Mensch machen kann." Er ist ein 81-jähriger, groß gewachsener, gestandener Mann mit weißen Haaren. Seine Stimme stockt, er schluchzt, Tränen rollen seine Wange hinab. Er erzählt Rea Steen und Robin Kirchentum von der Albinus-Gemeinschaftsschule in Lauenburg (Kreis Herzogtum Lauenburg) seine Lebensgeschichte. Er spricht darüber, wie seine Mutter vor seinen Augen vergewaltigt wurde, wie sich ein Freund seines Vaters aus Verzweiflung erhängt hat, wie sein Vater wieder nach Hause gekommen ist. Das Erlebte wühlt ihn auch nach so vielen Jahren immer noch auf. Aber Hüllen meint: "Ich will etwas bewirken. Und wenn ich mit jungen Menschen darüber spreche, gibt es mir Kraft."

Die Schüler hören zu - und brauchen Pausen

Gemeinsam mit der 89-jährigen Lisa Schomburg hat Manfred Hüllen die Schüler am 75. Jahrestag des Kriegsendes zu einem Gespräch eingeladen. Wegen der Corona-Schutzmaßnahmen können nicht mehr Jugendliche zuhören. Deshalb zeichnen zwei Kameras alles auf, was Hüllen und Schomburg erzählen. Das Video soll dann auf der Homepage der Schule für alle frei zugänglich sein und im Unterricht eingesetzt werden. Die Zwölftklässler Rea und Robin brauchen zwischendurch auch kleine Pausen. "Man hat wirklich diese greifbaren Ereignisse gehört, mit so einer emotionalen Ladung, dass man wirklich verstehen kann, wie die Menschen damals gelebt und gelitten haben", sagt Robin.

Lauenburg: Zeitzeugen berichten Schülern vom Kriegsende

Schleswig-Holstein Magazin -

Lisa Schomburg und Manfred Hüllen gehören zu den wenigen noch lebenden Zeitzeugen, die das Ende des Zweiten Weltkriegs im Mai 1945 erlebt haben. In Lauenburg erzählten sie Schülern davon.

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Meldung über Hitlers Tod: "Wir waren so froh"

Es seien Dinge, die über Zahlen und Fakten hinausgehen und so nicht in Geschichtsbüchern stehen. Dazu gehört auch, wie Lisa Schomburg den letzten Kriegstag erlebt hat. Die damals 14-Jährige erinnert sich, wie im Volksempfänger Hitlers Tod gemeldet wurde. "Wie mein Vater das hörte, da sagte er nur: 'Hitler ist tot.' Und wir waren so froh." Kurze Zeit später haben sie Engländer mit Schokolade und Bananen beschenkt. Da sei ihr klar gewesen, "das sind nicht unsere Feinde", sagt Schomburg.

Letzte Kriegswochen: Russen missbrauchen Hüllens Mutter

Manfred Hüllen lebte damals mit seiner Mutter in Thüringen. Er wirft ein: "Unter allen Menschen gibt es solche und solche. Das gilt für Deutsche, Engländer und Russen." In den letzten Kriegswochen kamen nach den Amerikanern russische Truppen in seinen Ort, in sein Haus. "Meine Mutter war eine bildhübsche Frau. Die Russen haben das auch gesehen und sie dann sexuell missbraucht." Er wollte seine Mutter beschützen, konnte es aber nicht. "Einer von den vier Russen hatte seine Hände um meinen Hals gehalten und meiner Mutter klar gemacht: 'Du machst jetzt mit, sonst knipsen wir ihm das Leben aus.'"

Vergewaltigung rettet dem Jungen wohl das Leben

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Rea Steen und Robin Kirchentum befragen die Zeitzeugen und halten das Gespräch mit der Kamera fest.

Jahre später am Sterbebett sprach Hüllens Mutter ihn darauf an. Für sie sei es das Größte gewesen, ihm damals so das Leben gerettet zu haben. Hüllens Stimme bricht weg. Er greift zu einem Taschentuch. Rea und Robin kämpfen mit den Tränen. Der 81-Jährige richtet sich eindringlich an die beiden Schüler. "Ich werde - so lange ich denken und leben kann - gegen Rechtspopulismus, Fanatismus, Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit kämpfen. So lange ich kann."

Knapp zwei Stunden unterhalten sich die Jungen und die Alten miteinander. Rea Steen empfindet diese Begegnung als sehr lehrreich. "Die Person schaut einem in die Augen, während sie einem die traurigsten Geschichten in ihrem Leben erzählt. Und man selber kann dagegen nichts tun, weil es Vergangenheit ist." Aber sie könne ihre Fragen stellen. "Und das bringt mich auch auf der persönlichen Basis viel weiter."

Lehrerin: Manche Schüler sprechen es gar nicht mehr an

Das Gespräch der beiden sehr unterschiedlichen Generationen hat auch Geschichtslehrerin Desiree Oltmann beobachtet. Sie weiß um die Wirkung der persönlichen Begegnung mit Zeitzeugen. Und ihr ist auch bewusst, dass es immer weniger von ihnen gibt. "Im Unterricht ist es immer sehr schwierig, etwas nachzuvollziehen", sagt Oltmann. "Manche Dinge sprechen Schüler gar nicht mehr an, weil sie nicht verstehen, was in der Zeit los war, was die Menschen da bewegt hat, warum das noch wichtig für sie ist." Genau dafür sind ihrer Meinung nach Zeitzeugen sehr wichtig. Denn bei der Vermittlung helfen Gefühle sehr.

Schomburg: "Ich habe auch alles aufgeschrieben"

"Aber Gefühle sind auch immer etwas sehr Subjektives. Da jeder Mensch etwas anders wahrnimmt", sagt Oltmann. Deshalb sei zusätzlich die Einordnung mit Fakten wichtig, um ein vollständiges Bild zu erhalten. Lisa Schomburg und Manfred Hüllen wollen auch weiter über ihre Kriegserlebnisse sprechen. Sie machen es gerne, sagt Schomburg: "Auch weil das Interesse der Schüler da ist. Ich habe auch alles aufgeschrieben. Meine Kinder und Enkel haben mich noch nicht danach gefragt." Die beide Zeitzeugen verstehen ihren Einsatz als Mahnung, dass so etwas nie wieder passiert.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 08.05.2020 | 19:30 Uhr

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