Ein VW parkt vor der Stadthalle in Braunschweig. © dpa-Bildfunk Foto: Julian Stratenschulte

VW-Strafprozess: Ein Schritt in Richtung Gerechtigkeit?

Stand: 16.09.2021 06:30 Uhr

Vor dem Landgericht Braunschweig startet heute ein weiterer Prozess im Zusammenhang mit der VW-Dieselaffäre. Allerdings ohne den ehemaligen Konzernchef Martin Winterkorn.

von Annette Deutskens

Wieder ein VW-Prozess im Zusammenhang mit dem Dieselskandal. Aber dieses Mal ist es nicht einfach irgendein weiterer Prozess. Es ist das Strafverfahren, auf das viele lange gewartet haben. Es geht um nichts weniger als um die strafrechtliche Aufarbeitung eines der größten Industrieskandale und die Verantwortung in den Chefetagen von Volkswagen.

Winterkorn wegen Hüft-OP nicht dabei

Endlich sollte auch der ehemalige VW-Chef Martin Winterkorn selbst auf der Anklagebank sitzen. Es sollte um seine Rolle in der Dieselaffäre gehen. Aber Martin Winterkorn wird nicht dabei sein. Gesundheitliche Probleme, eine Operation vor wenigen Tagen, offenbar plagt Winterkorn ein altes Hüftleiden.

Vier Manager auf der Anklagebank

Der Prozess startet trotzdem, auch ohne seinen prominentesten Angeklagten. Vier damalige VW-Manager müssen sich vor Gericht verantworten. Der Hauptvorwurf: Gewerbs- und bandenmäßiger Betrug. Wer sind diese vier Männer, die sich jetzt, sechs Jahre nach dem Auffliegen des Dieselskandals, einem Strafprozess stellen müssen?  Und was soll dieser Prozess ans Tageslicht bringen, was auch nach sechs Jahren noch im Dunkeln liegt?

Was wussten die Angeklagten?

Es geht, vereinfacht gesagt, um persönliche Verantwortung. Darum, was Manager in der Motorenentwicklung eines Weltkonzerns tatsächlich wussten und nicht verhinderten. Mit welchen Tricks und Kniffen sie möglicherweise eine Software so manipulierten, dass sie dreckige Dieselmotoren sauberer erscheinen ließ, als sie es tatsächlich waren. Wie sie Millionen VW-Kunden getäuscht haben.

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Winterkorn erst in einigen Jahren vor Gericht?

Die Anwälte der vier Ex-VW-Manager äußern sich zu den Vorwürfen im Vorfeld des Prozesses nicht.  Winterkorn hatte bisher stets bestritten, von der Betrugs-Software frühzeitig gewusst, aber nichts unternommen zu haben. Wann das Verfahren gegen ihn beginnt, ist noch völlig offen, es könnten weitere Jahre vergehen. Jetzt müssen sich erst einmal vier seiner ehemaligen Mitarbeiter vor Gericht den Vorwürfen stellen. 

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Vorstandsmitglied als eine der Schlüsselfiguren

Von ihnen trug die meiste Verantwortung im Konzern Heinz-Jakob Neußer. Als Vorstandsmitglied der Marke VW war er für die Motorenentwicklung zuständig. Im Abgasskandal gilt er als eine der Schlüsselfiguren, weil er schon früh von der Betrugs-Software gewusst haben soll. 

Opfer des Systems oder gewissenlose Manager?

Und die anderen drei, Jens H., Hanno J. und Thorsten D.? Opfer eines knallharten Systems, in dem es nur darum ging, das vorgegebene Ziel - in dem Fall einen sauberen Dieselmotor - zu erreichen, egal, wie? Oder doch gewissenlose Manager, die sich ihren Bonus nicht durch verfehlte Ziele ruinieren lassen wollten? 133 Verhandlungstage hat das Gericht bis 2023 angesetzt, um Antworten auf diese und viele weitere Fragen zu finden.

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Image leidet unter negativen Schlagzeilen

Was all das für den Konzern und für die Kunden bedeutet? Im Gegensatz zu vorangegangenen Prozessen kann Volkswagen den Strafprozess relativ gelassen verfolgen. Der Konzern selbst hat seine Strafen in den USA und Deutschland schon bezahlt, das aktuelle Verfahren richtet sich nicht gegen VW, sondern gegen die einzelnen damaligen Führungskräfte. Gleichwohl ist es für das Image des Autobauers schlecht, abermals mit dem Dieselskandal in den Schlagzeilen zu sein.

Kosten von mehr als 30 Milliarden Euro

Mehr als 30 Milliarden Euro hat der Abgasskandal den Konzern bisher gekostet. Aber weil die Kunden die Autos trotz allem weiterhin gekauft haben und nach wie vor kaufen, konnte VW sich das leisten, ohne in die Knie zu gehen. Und mit der großen Mehrheit der betroffenen Diesel-Kunden hat sich Volkswagen auch längst geeinigt. Mit den allermeisten von ihnen im Zuge der Musterfeststellungsklage der Verbraucherzentralen.  Die große Sammelklage endete nach wenigen Monaten mit einem Vergleich, rund 250.000 VW-Dieselfahrer wurden von Volkswagen entschädigt. Verbraucherschützer sprachen danach von einem Stück Gerechtigkeit, das wiederhergestellt worden sei.

Sitzt irgendwann auch ein Spitzenmanager auf der Anklagebank?

Klar ist: Der Strafprozess gegen die Ex-Manager wird deutlich länger dauern.  Ob auch dieses Verfahren dazu beiträgt, ein Stück Gerechtigkeit wiederherzustellen? Die Antwort darauf werden viele Menschen vor allem von einer Frage abhängig machen: Gelingt es dem Gericht, irgendwann tatsächlich den ehemaligen obersten VW-Boss auf die Anklagebank zu bringen - oder wird der Prozess gegen Winterkorn immer weiter verschoben? Dass sich auch ein ehemaliger Spitzenmanager eines Weltkonzerns im Zweifelsfall der Justiz stellen muss, wäre ein wichtiges Signal. Selbst wenn sich am Ende rausstellt, dass Winterkorn keine Verantwortung für den Dieselskandal nachgewiesen werden kann.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Braunschweig | 15.09.2021 | 15:00 Uhr

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