Stand: 04.03.2018 16:03 Uhr

"Wollen wir wirklich so viele Schweine schießen?"

Die Angst vor der Afrikanischen Schweinepest ist groß. Landwirte - insbesondere im niedersächsischen Westen, wo es große Mast- und Zuchtbetriebe gibt - sorgen sich um ihre Hausschweine. Behörden und Jäger sind seit Wochen damit beschäftigt, sich für den Krisenfall vorzubereiten. Denn aufgrund der strengen Regeln für Tierseuchen wäre ein einziges infiziertes Tier schon eines zu viel, die wirtschaftlichen Folgen verheerend. Um zu verhindern, dass sich die Seuche ausbreitet, hat die Bundesregierung sogar die Schonzeit für erwachsene Wildschweine aufgehoben und zum massiven Abschuss aufgerufen. Die Jagd auf die Tiere war bislang nur von Mitte Juni bis Ende Januar erlaubt.

NABU: "Nicht sinnlos Wildtiere abschießen"

Doch kann die Seuche durch mehr Abschüsse aufgehalten werden? Nein, sagt Thomas Mitschke, Vorsitzender des Naturschutzbundes (NABU) in Lüneburg: "Wir müssten uns auf ganz andere Maßnahmen konzentrieren und nicht sinnlos Wildtiere abschießen." Für Mitschke ist dieses Vorgehen ein weiterer Hinweis darauf, "wie unsere Gesellschaft sich immer weiter von der Natur entfremdet und verabschiedet hat."

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Landesjägerschaft: "Purer Aktionismus"

Helmut Dammann-Tamke, der Präsident der Landesjägerschaft, spricht von "purem Aktionismus" und bekräftigt: "Die Hauptgefahr geht nicht von den Wildschweinen aus." Überträger des Virus seien Reisende oder Berufskraftfahrer, die Lebensmittel aus infizierten Regionen mitbringen. "Helfen würde es, Mülleimer an Rastplätzen regelmäßig zu leeren oder Rastplätze so einzuzäunen, dass Wildschweine dort nicht hinkommen", so Dammann-Tamke.

Lüneburger Jäger: Muttertiere in Gefahr

Die Landesjägerschaft informiert auf ihrer Website: "Die Reduktion der nach wie vor sehr hohen Schwarzwildbestände ist eine wichtige Aufgabe der Jäger Niedersachsens. Sie dürfen in Ihrem Bemühen nicht nachlassen, die Population auf ein angepasstes Maß abzusenken."

Und doch kritisiert etwa der Vorsitzende der Lüneburger Jägerschaft, Christian Voigt, die aktuell politisch gewollte Aufhebung der Schonzeit. Sein Argument: Der Tierschutz verbiete es zwar weiterhin, Bachen mit Jungen zu schießen, aber selbst für Jäger sei oft kaum zu erkennen, welche Bache Frischlinge habe und welche nicht. Viele Jungtiere lägen derzeit noch im Kessel und würden noch nicht mit ihren Müttern mitlaufen, sagt Voigt. Die Gefahr, dass ein Muttertier vor die Büchse gerate, sei besonders groß: "Wenn wir ein Mutterschwein schießen, dann müssen die kleinen Frischlinge jämmerlich verenden."

Bauernverband: Pest aufhalten - mit allen Mitteln

Adolf Tebel vom Bauernverband Nord-Ost Niedersachsen findet es dagegen richtig, dass die Schonzeit für Wildschweine aufgehoben wurde. Jede Chance müsse ergriffen werden, die Afrikanische Schweinepest aufzuhalten, sagt Tebel - denn die sei für Schweinezüchter und Mastbetriebe existenzbedrohend.

Experte: Mehr Schweine durch bessere Ernährung

Ein wichtiger Faktor in der aktuellen Diskussion: die Zahl der Wildschweine. Sie ist in den letzten Jahrzehnten stark gestiegen, das zeigen die Landesjagdberichte - denn aus den registrierten Abschüssen wird nachträglich die Gesamtzahl der Tiere errechnet. Und die erreicht deutschlandweit im Sommer inzwischen bald die Millionengrenze. Wie kommt das? "Frischlinge sind oft schon mit einem halben Jahr geschlechtsreif", erklärt Oliver Keuling, Schwarzwild-Experte von der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo), im Gespräch mit NDR.de. Je besser die Ernährung sei, desto intensiver auch die Fortpflanzung. Dabei spielten die immer zahlreicheren Mais- und Rapsfelder eine Rolle: "Sie dienen den Wildschweinen als Rückzugsorte. Dort finden sie hochwertiges Futter und Schutz", sagt Keuling, der sich seit 19 Jahren mit der Erforschung von Schwarzwild befasst. So seien diese nicht auf die Versorgung durch Eicheln und andere Waldfrüchte angewiesen: "Sie fressen Weizen, Raps, dazu im Herbst auch die Maiskolben. Und kommen fett aus den Feldern zurück in den Wald."

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"Abschöpfen": 600.000 Tiere jährlich schießen

Die Reproduktionsrate von Wildschweinen beträgt dem Experten zufolge inzwischen konstant mehr als 200 Prozent. Das heißt: Wenn in Deutschland im Spätwinter 300.000 Wildschweine leben, sind es im nächsten Sommer knapp 900.000. Der Zuwachs von 600.000 Tieren wird durch Jagd wieder reduziert, im Fachjargon spricht man von "Abschöpfen".

Keuling: Bauern könnten auch etwas tun

Schießen die Jäger trotz dieser Zahlen nicht genügend Tiere? Das weist Keuling, der selbst Jäger ist, zurück: "Man sollte nicht alles den Jägern anlasten. Auch die Bauern könnten die Mais- und Rapsbestände reduzieren oder die Felder weiter entfernt von der Waldkante anlegen. Dann wäre schon viel gewonnen."

Wildschwein-Fachmann: Bestände nicht zu groß

Ist der Schwarzwild-Bestand dennoch zu stark gestiegen? Nein, meint Schwarzwild-Experte Keuling: "Mit den aktuellen Beständen könnten wir gut leben." Mindestens 90 Prozent der Wildschweine würden in Niedersachsens Osten geschossen, sagt der 45-Jährige, der aktuell beinahe täglich bundes- und europaweit Vorträge zu dem Thema hält: "Aus diesen Regionen höre ich selten Klagen. Auch dass die Jäger mit den Wildschäden nicht umgehen könnten, ist mir nicht bekannt."

Deutscher Bauernverband: 70 Prozent der Tiere töten

Im Januar hatte der Deutsche Bauernverband gefordert den Bestand um 70 Prozent zu reduzieren. Für Schwarzwild-Fachmann Keuling eine missverständliche Zahl: "So viele Tiere werden ja bereits geschossen. Gemeint war vielmehr: Wir möchten den Ausgangsbestand, also die 300.000 Tiere im Sommer, auf 100.000 reduzieren. Wollen wir das wirklich? Dass eine Tierart, die bei uns lebt, so reduziert wird?" In den baltischen Staaten und in Weißrussland, wo die Krankheit ausgebrochen ist, werde das so gehandhabt, sagt Keuling - dort werde aktuell versucht, so viele Tiere zu schießen wie irgend möglich.

Vechta entsorgt kostenlos tote Wildschweine

Für viele niedersächsische Landwirte ist die Afrikanische Schweinepest derart bedrohlich, dass sie solche Zustände wohl in Kauf nehmen würden. Das Auftreten der Krankheit würde große Einschränkungen im Handel bedeuten: "Sobald ein Fall bekannt wird, darf nicht ein Stück Fleisch mehr in die USA exportiert werden", sagt der promovierte Wildbiologe Keuling. "Egal, ob es in Passau und ein Wildschwein war." Für den innereuropäischen und innerdeutschen Handel würde dem Experten zufolge rund um den Fundort ein 15-Kilometer-Radius eingerichtet, aus dem nichts ausgeführt werden darf. Und ein weiterer 15-Kilometer-Radius, aus dem nur eingeschränkt gehandelt werden darf. Kein Wunder, dass der Landkreis Vechta, in dem ganzjährig mehr als eine Million Schweine als Masttiere gehalten werden, vor wenigen Tagen verfügt hat, Überreste von Wildschweinen kostenlos und hygienisch einwandfrei zu entsorgen.


04.03.2018 15:50 Uhr

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, dass die jetzt aufgehobene Schonzeit für alle Wildschweine gilt. Tatsächlich bezog sich die Änderung aber nur auf die bundesweite Schonzeit für erwachsene Tiere. Wir bitten, diese Ungenauigkeit zu entschuldigen.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Oldenburg | 02.03.2018 | 08:30 Uhr

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