Stand: 23.04.2020 06:00 Uhr

Wie Muslime Ramadan in Corona-Zeiten begehen

Wenn jetzt der islamische Fastenmonat Ramadan beginnt, bedeutet das für Gläubige einen Monat lang Verzicht auf Essen und Trinken zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang. Abends kommen Familie und Freunde zusammen - und es wird üppig gegessen. Doch dieses Jahr werden auch diese religiösen Festlichkeiten dem Coronavirus zum Opfer fallen.

von Noura Mahdhaoui

Ein Imam steht am Tag der offenen Moschee in der Ayasofya-Moschee in Hannover. © dpa Foto: Peter Steffen
Die Moscheen im Norden - wie hier die Ayasofya-Moschee in Hannover - werden auch im Fastenmonat Ramadan leer bleiben.

Im Ramadan wird groß aufgetischt. Tuncay Korkmazyigit hilft jedes Jahr ehrenamtlich dabei, das Essen für das öffentliche Iftar - wie das abendliche Fastenbrechen genannt wird - in seiner Gemeinde der Aksa Moschee in Stadthagen vorzubereiten. Mit seiner Frau, einer gelernten Köchin, und anderen Helferinnen kocht er seit zehn Jahren für alle, die abends zum Beten und Essen in die Moschee kommen. "Dann wissen wir genau, was wir kochen, und dann wird natürlich frisch eingekauft", sagt Korkmazyigit. "Und dann bereiten wir alles vor, meistens mit der Frauen-Abteilung. In den vergangenen Jahren haben wir für 300 Menschen gekocht."

Eine sehr gesellige Zeit - eigentlich

Der Fastenmonat ist eine gesellige Zeit. Nach einem ganzen Tag des Verzichts werden Moscheen abends zu sozialen Anziehungspunkten. Nachbarn kommen zusammen, Freunde und Familien zum Beten, Essen, Reden. Es gibt Tee und Gebäck - bis zum späten Abend. "Natürlich ist man dann glücklich am Ende des Abends, und das merkt man auch an den Gesichtern der Leute", sagt Korkmazyigit mit Blick auf die zurückliegenden Jahre. Doch die Corona-Krise macht auch diesen Festlichkeiten einen Strich durch die Rechnung.

Im kleinsten Familienkreis

Emine Oguz, Geschäftsführerin Türkisch-Islamische Union (Ditib) Landesverband Niedersachsen und Bremen, mit gelbem Schal. © dpa-Bildfunk
"Wir raten den Gläubigen, im kleinsten Familienkreis zu feiern", sagt Emine Oguz vom DITIB Niedersachsen.

Emine Oguz ist Geschäftsführerin der DITIB in Niedersachsen, des Verbandes der türkisch-islamischen Gemeinden. Dazu gehört auch die Gemeinde von Korkmazyigit in Stadthagen. Oguz muss sich mit den aktuell geltenden Kontakt-Beschränkungen befassen: "Wir raten den Menschen jetzt, dass sie ihre Häuser zu Moscheen machen - im kleinsten Familienkreis natürlich - und zu Hause bleiben. Aber es ist natürlich kein Ersatz", sagt Oguz.

"Für Geflüchtete ist es ein Riesenproblem"

Überall in Niedersachsen halten sich Gemeinden an die Corona-Auflagen. Nurdan Kudun vom unabhängigen Islamverband sorgt sich vor allem um die, die kein familiäres Netz haben, das sie jetzt auffangen kann. "Für Geflüchtete ist das ein Riesenproblem", sagt Kudun. "Denn sie haben bei uns Halt gefunden, wir waren für sie wie eine Ersatz-Familie. Sie haben von uns zum Beispiel Korane und Gebetsteppiche bekommen. Wir haben ihnen Essen ausgegeben, und das wird ja leider dieses Jahr zu Ramadan nicht stattfinden."

Türkische Süßigkeiten auf einem Blech. © NDR Foto: Nina Rodenberg

AUDIO: Ramadan im Zeichen von Corona (5 Min)

Kranke sollten nicht fasten

Mit Online-Angeboten und kostenlosen Essenslieferungen nach Hause wollen die Gemeinden ihre Mitglieder dieses Jahr während der Fastenzeit unterstützen. Auch für besondere Gesundheitsrisiken, die der Nahrungsverzicht in Zeiten von Corona mit sich bringen kann, möchten die Verbände sensibilisieren. Oguz ruft ins Gedächtnis, dass der Islam neben den Schwangeren und Älteren auch Kranke von der Fastenpflicht befreit. Aber sie weiß aus Erfahrung, dass viele dennoch am Fasten festhalten wollen, einfach weil das Fasten im Monat Ramadan eine der fünf Säulen im Islam ist. "Da sagen wir dann: Denkt darüber nach! Ihr kennt euren Körper am besten - und man begeht nicht Sünde, wenn man jetzt nicht fastet, wenn man krank ist", sagt Oguz.

"Das habe ich noch nie erlebt"

Der ehrenamtliche Ramadan-Caterer Korkmazyigit und seine Familie werden fasten. Der Gedanke an Iftar im kleinsten Kreis zu Hause bleibt gewöhnungsbedürftig: "So eine Situation, wie wir sie erleben, habe ich in meinen 52 Jahren noch nicht erlebt." Aber das Miteinander sei trotzdem spürbar. "Die Solidarität ist auf jeden Fall gegeben - auch gegenüber anderen Religionen. Das spüre ich. Die sind auch genauso getroffen. Und deshalb finde ich diese Solidarität, die es zurzeit gibt, sehr toll", sagt Korkmazyigit.

Fünf Fragen und Antworten zum Ramadan

1. Was bedeutet Ramadan?
Ramadan leitet sich ab von dem arabischen Wort ramad, was so viel wie "Hitze" und "Trockenheit" des Bodens bedeutet. Neben der Erklärung, der Ramadan verbrenne die Sünden wie die Hitze den Boden, verweist das Wort auch auf das Gefühl von Durst während des Fastens. Zwischen dem Beginn der Morgendämmerung und dem Sonnenuntergang sollen Muslime nicht essen, trinken, rauchen oder Sex haben. Mit einem Abendessen wird das Fasten täglich im Familien- oder Freundeskreis gebrochen (auf Arabisch: Iftar). In Deutschland ist der Ramadan auch ein Monat der interreligiösen Begegnungen beim Iftar.
2. Warum wird gefastet?
Das Fasten geht auf ein koranisches Gebot zurück und gehört zu den sogenannten fünf Säulen des Islam, also zu den zentralen gottesdienstlichen Handlungen im Leben einer Muslimin oder eines Muslims. Es soll die Menschen gottesfürchtig machen, die Seele des Fastenden erfährt dadurch eine Reinigung und Läuterung.
3. Wer muss fasten?
Alle geistig gesunden Muslime, die die Pubertät erreicht haben und damit als mündig gelten. Es sei denn, sie gehen damit gesundheitliche Risiken ein. Reisende zum Beispiel oder Schwangere können die versäumten Fastentage später nachholen.
4. Können Nichtmuslime ihre fastenden Arbeitskollegen unterstützen?
An erster Stelle sollten Nichtmuslime respektieren, wie wichtig diese Zeit für gläubige Muslime ist. Sie können auch fastende Arbeitskollegen unterstützen, indem sie versuchen, sie körperlich weniger zu fordern oder ihnen beispielweise ermöglichen, ihre Arbeitszeiten während des Fastens flexibel zu gestalten.
5. Wie wird am Ende des Ramadan gefeiert?
Ramadan endet traditionell mit einem dreitägigen Fest. Auf Arabisch heißt es Id al-Fitr (Fest des Fastenbrechens), auf Türkisch Seker Bayrami (Zuckerfest). Muslime beginnen das Fest mit einem besonderen Gebet nach Sonnenaufgang. Danach feiern sie gemeinsam in der Familie und mit Freunden.

Rezepte
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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 23.04.2020 | 10:19 Uhr

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