Sprachwissenschaftler Peter Schlobinski sitzt an einem Tisch. © Gesellschaft für deutsche Sprache e. V.

Sprachforscher: Begriffe nicht Corona-Skeptikern überlassen

Stand: 17.01.2022 06:33 Uhr

Der Sprachwissenschaftler Peter Schlobinski warnt davor, umgedeutete Begriffe von Corona-Skeptikern wie "Spaziergang" oder "Querdenken" unreflektiert zu übernehmen.

Zwar nutzten viele öffentliche Stimmen bereits Anführungszeichen oder relativierende Formulierungen, um sich zu distanzieren, wenn Kritiker staatlicher Corona-Schutzmaßnahmen diese Worte mit neuen Bedeutungen besetzten. "Dennoch könnte und sollte meiner Ansicht nach im öffentlichen und medialen Diskurs sensibler und kritischer über den Sprachgebrauch kleiner, aber umso lauter auftretender Minderheiten reflektiert werden", sagte Schlobinski dem Evangelischen Pressedienst (epd). Der Professor lehrt Germanistische Linguistik an der Universität Hannover und ist Vorsitzender der Gesellschaft für deutsche Sprache, die seit 1977 das "Wort des Jahres" auswählt.

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"Wer ideologisch verblendet ist, ist kein Querdenker"

Beispielsweise sei es ein Erfolg der selbsternannten "Querdenker", dass diese heterogene Gruppe auch von anderen so bezeichnet werde, sagte Schlobinski. Er selbst verwende den Begriff für die Protestbewegung nicht: "Denn wer schräg denkt, wer auch aus begründeten Ängsten heraus rationalen Gründen nicht zugänglich ist, wer ideologisch verblendet ist oder gar eine rechtsradikale Gesinnung hat, der ist kein Querdenker." Gleichwohl gehöre das "Kapern" von positiv besetzten Begriffen im Kampf um Deutungshoheiten zum Alltag im politischen Diskurs und sei auch bei Begriffen wie "Respektrente" zu beobachten.

Ursprüngliche Bedeutungen bleiben bestehen

Nach Ansicht des Sprachwissenschaftlers werden die ursprünglichen Bedeutungen von Begriffen wie "spazieren gehen" auch als Hauptbedeutungen der umgedeuteten Begriffe bestehen bleiben. "Die Nebenbedeutungen werden, wenn sie überleben, marginal sein." Auch im Corona-Kontext neu entstandene Wörter und Redewendungen werden Schlobinski zufolge weitestgehend wieder aus dem Wortschatz verschwinden, wenn die Pandemie im Alltag und in den Medien an Bedeutung verliert. Denn der Corona-Wortschatz "reflektiert die Relevanz der Pandemie für die Gesellschaft".

Die Pandemie erweitert den Wortschatz

Aus dem Bedarf nach neuen Bezeichnungen für neue Sachverhalte seien auch Wörter wie "Corona-Ampel" und "Covidioten" sowie Redewendungen wie die Verabschiedungsfloskel "Bleiben Sie gesund!" entstanden. Die Gesellschaft für deutsche Sprache hatte solche neuen Corona-Begriffe zu Wörtern des Jahres gekürt: Im Jahr 2020 war es „Corona-Pandemie“, im vergangenen Jahr "Wellenbrecher". In der Erweiterung des Wortschatzes bestehe die größte sprachliche Veränderung durch die Pandemie, sagte der Sprachwissenschaftler.

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