Stand: 15.02.2018 17:35 Uhr

Kommentar: Niedersachsen verharmlost Keimgefahr

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Das niedersächsische Gesundheitsministerium verharmlost die Funde von resistenten Keimen, meint Christian Baars.

Der NDR hat in Stichproben in Niedersachsen gefährliche, multiresistente Erreger in verschiedenen Gewässern gefunden. Das Robert-Koch-Institut zeigt sich alarmiert, die beteiligten Wissenschaftler sind besorgt, und die Bundesumweltministerin spricht sich für eine Ausweitung der Gewässer-Kontrollen aus - und wie reagiert Niedersachsens Gesundheitsministerium? Verharmlosend und mit wissenschaftlich unhaltbaren Aussagen.

Keine Riesengefahr - so das Ministerium

Alles sei "völlig normal", man sei überhaupt nicht überrascht, und es sei "nicht gleich eine Riesengefahr für die Menschheit" - so die Aussagen von Vertretern des Gesundheitsministeriums und des Landesgesundheitsamts in Niedersachsen auf einer Pressekonferenz nach der Veröffentlichung der NDR Recherchen. Sie erklären, das Vorkommen von Resistenzgenen in der Umwelt sei erst einmal "etwas absolut Natürliches". Die Ergebnisse der NDR Recherchen würden nur das bestätigen, was die Wissenschaft seit zehn Jahren publiziere. Eine bizarre Darstellung, wenn gleichzeitig die führenden Forscher in Deutschland - unter anderem vom Robert-Koch-Institut (RKI) und dem Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) - sagen, solche Daten habe es bislang nicht gegeben, die Ergebnisse hätten sie so nicht erwartet, und sie würden ihnen Sorgen bereiten.

Resistenz-Gene im Permafrost als vermeintlicher Beleg

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Als vermeintlichen Beleg führt das niedersächsische Landesgesundheitsamt eine Studie an, die 2011 im Magazin "Nature" erschienen ist. Darin ging es um Resistenzgene, die Wissenschaftler im Permafrost-Boden entdeckt haben. Daraus schlussfolgert Niedersachsens Vertreter: "Dass die Gene in der Natur vorhanden sind, ist völlig normal." Nur leider sind es vollkommen andere Gene im Permafrost als die, die Forscher nun in den Proben aus niedersächsischen Gewässern nachgewiesen haben. Es sind Resistenzen, die eindeutig menschengemacht sind, so die Wissenschaftler. In den Untersuchungen hatten sie nach solchen Bakterien gesucht, die nicht nur gegen einzelne Antibiotika resistent sind, sondern gleich gegen mehrere Medikamenten-Klassen. Diese Art von Erregern und Genen breiten sich weltweit erst seit Kurzem aus - und zwar offenbar leider rasant. Es besteht ein klarer Zusammenhang zwischen dem massiven Einsatz von Antibiotika und der Entstehung und Ausbreitung dieser Erreger.

Und alle, die sich mit diesem Problem befassen - die Weltgesundheitsorganisation WHO, führende Wissenschaftler und auch die deutsche Bundesregierung - warnen davor, diese Gefahr zu unterschätzen. Sie sprechen von einer schleichenden Epidemie, einer globalen Gefahr mit weltweit Hunderttausenden Toten jedes Jahr.

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Risiken müssen besser verstanden werden

Die EU-Kommission schreibt in ihrem aktuellen Aktionsplan zur Bekämpfung von Resistenzen, es werde "immer stärker anerkannt, dass die Umwelt zur Entwicklung und Verbreitung antimikrobieller Resistenzen bei Mensch und Tier beiträgt". Und die Umweltorganisation der Vereinten Nationen (UNEP) warnt eindrücklich davor, diese Bedrohung zu ignorieren. Man wisse bereits, dass gefährliche, resistente Krankheitserreger in der Umwelt seien und sie über die Lebensmittelkette oder den direkten Kontakt übertragen werden könnten, schreiben die UNEP-Autoren in einem aktuellen Bericht. Es sei dringend erforderlich, die Risiken, die von den Antibiotika-Resistenzen in der Umwelt ausgingen, besser zu verstehen und Technologien zur Eindämmung zu entwickeln.

Wir müssen also schnell mehr darüber erfahren, wo solche Keime auftauchen, wie gefährlich sie sind, auf welchen Wegen sie sich verbreiten und was man dagegen tun kann. Das niedersächsische Landesgesundheitsministerium und das Landesgesundheitsamt allerdings halten zusätzliche Kontrollen der Badeseen erst mal für sinnlos, verharmlosen das Problem mit kruden Vergleichen und schieben die Verantwortung in andere Bereiche ab. Das ist keine vorsorgende Gesundheitspolitik.

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