Kommentar: Bildung wird zum Glücksspiel

Stand: 06.01.2021 19:01 Uhr

Die Grundschüler müssen ab Montag zuhause bleiben. Eine Woche später starten sie dann in den Wechsel-Unterricht. Da werden viele abgehängt. Ein Kommentar von Torben Hildebrandt.

Machen wir uns nichts vor: Was da ab nächster Woche auf die Grundschüler und ihre Eltern zukommt, hat mit guter Bildung nicht mehr viel zu tun. Ob die Kinder etwas lernen, das dürfte an vielen Schulen reine Glückssache sein. Und zwar aus verschiedenen Gründen: Es wird Lehrerinnen und Lehrer geben, die sich nicht so reinhängen wie andere - oder denen nach Monaten im Ausnahmezustand schlicht die Energie fehlt. Da werden wir dann wieder die schlecht kopierten Arbeitsblätter erleben, die sich Kinder aus der Schule abholen können. Das hat den Namen Homeschooling nicht verdient.

Klassiker der Corona-Krise

Redakteur Torben Hildebrandt steht in einem Studio von NDR 1 Niedersachsen. © NDR Foto: Hendrik Millauer
Torben Hildebrandt sieht gerade im Bereich der Technik große Versäumnisse in den vergangenen Jahren.

Ein Glücksspiel wird es auch deshalb, weil wiederum Lehrer Eltern nicht erreichen werden. Das Problem sind Familien, die nicht auf Mails oder Anrufe reagieren. Familien, die genügend andere Sorgen haben. Nächster Punkt: Väter und Mütter, die keine Lust oder keine Zeit oder keine Kraft haben, den Ersatzlehrer zu spielen. Dazu kommen die Klassiker in der Corona-Krise: Geschwisterkinder, die sich das Zimmer teilen und keine Ruhe zum Lernen haben. Fehlende Laptops für bedürftige Kinder. Die Computer werden zwar groß angekündigt, kommen aber längst nicht überall an. Und so weiter und so fort.

Tonne arbeitet rund um die Uhr

Der Kultusminister ist derweil damit beschäftigt, Szenarien, Handreichungen und Stufenpläne zu entwickeln, die alle paar Wochen über den Haufen geworfen werden. Grant Hendrik Tonne aber Versagen vorzuwerfen, wäre unfair. Auch er arbeitet gerade rund um die Uhr. Nur: Hat er ein Feuer ausgetreten, lodern die Flammen an einer anderen Stelle. Und wenn Schulen beim Distanzlernen dann doch mal weit vorne sind, dann liegt das nicht an der Hilfe aus Hannover, sondern daran, dass Schulleiter und Schulleiterinnen oder Elternvereine die Probleme selbst angehen. Die kaufen sich die Ausstattung lieber bei Amazon, als auf die Politik zu warten.

Versäumnisse der vergangenen Jahre

Gerade bei der Technik sind die Versäumnisse der vergangenen Jahre groß. Jede Wette: Corona wird irgendwann vorbei sein, Lehrer werden dann immer noch keine Dienst-Tablets haben. Aber das Klagen bringt jetzt keinen weiter. Die nächste Zeit wird hart. Die Politik wird Eltern, Schulen und Kitas bei ihren Alltagssorgen wenig helfen. Alle Betroffenen müssen sich im Klaren sein: Die Probleme sind so groß und so vielfältig - ein Grant Hendrik Tonne wird sie nicht lösen, schon gar nicht in wenigen Wochen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 06.01.2021 | 16:00 Uhr

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