Stand: 17.04.2018 17:13 Uhr

Fall "Chico": Was tun bei Hass im Netz?

von Lina Bande

Zwei Wochen nach der tödlichen Beißattacke auf seine Halter ist der Staffordshire-Mischling "Chico" am Montag eingeschläfert worden. Der Tierschutzverein Hannover erlebte nach dieser Nachricht einen sogenannten Shitstorm auf seiner Facebook-Seite - also unzählige Kommentare, in denen Nutzer des sozialen Netzwerkes den Verein und dessen Mitarbeiter massiv angreifen. Unter anderem wurden die Vereinsvertreter als "Heuchler", "Lügner" und "Mörder" bezeichnet. "Ihr seid eine Schande für den Tierschutz", schrieb eine Nutzerin. "'Chico' musste sterben, weil Menschen versagt haben! Und ihr gehört dazu!", hieß es in einem anderen Kommentar. Ähnlich ist auch der Tenor der unzähligen Anrufe und Mails, die über Nacht im Tierheim angekommen sind. Noch am Abend deaktivierte der Verein die Seite. Die Kommentare seien nicht mehr zu ertragen gewesen, so Tierheim-Geschäftsführer Heiko Schwarzfeld. Rechtliche Schritte habe man aber noch nicht in Erwägung gezogen.

Tiere sind immer ein emotionales Thema

Aber warum wurden so viele Nutzer so emotional? Christian Scherg ist Krisenmanager für genau solche Situationen - und er hat eine einfache Erklärung dafür: "Grundsätzlich gehen Tierthemen in Deutschland in sozialen Netzwerken extrem viral. Über Tierquälerei, Tierhaltung oder Tierversuche echauffieren sich die Leute deutlich stärker als über jedes andere Thema. Das sind immer Aufregerthemen. Wenn Sie einen Shitstorm entfachen wollen, dann muss nur irgendwas mit Tieren passieren", sagt er. Es sei also schon zu erwarten gewesen, dass eine Nachricht wie die Einschläferung des Hundes eine Flut von Kommentaren auslöst.

Wie reagiere ich dann richtig?

Viel machen könne man in so einer Situation nicht, meint Scherg: "Man kann dem nicht Herr werden. Die Leute machen ihrer Wut Luft und nutzen Facebook-Seiten als Ventil. So eine Menge an Leuten lässt sich nicht durch klare, kurze Statements oder Kommentare beruhigen. Das muss ich dann über mich ergehen lassen, ich muss das Unwetter überstehen. Argumentativ ist da nichts zu machen." Man müsse die Kommentare erst einmal durchlaufen lassen und nicht dazwischen grätschen. "Hinterher sollte der Betreiber dann die schlimmsten Kommentare löschen", empfiehlt der Experte.

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Kommentare können gefährlich sein

Dabei sei es besonders wichtig, zwischen den Kommentaren zu unterscheiden: "Auch, wenn manche Sachen wahnsinnig schlimm sind, unangenehm und bedrückend, sind die nicht so gefährlich. Viel gefährlicher sind solche Kommentare, die nicht so emotional sind, sondern sehr viel überlegter", sagt Scherg. Ein Beispiel sei, dass ein Nutzer die genaue Uhrzeit weiß, wann jemand Feierabend macht und dann auch noch den Weg kennt, die diese Person nehmen wird. "Solche Kommentare enthalten potenzielle Gewalt, die auch in der realen Welt ausgeführt werden kann. Da könnte die Aggression zur Handlung werden, das ist gefährlich."

Wann sollte ich die Polizei einschalten?

"Die heftigsten Kommentare, die auch Gewaltpotenzial enthalten, sollte man speichern, archivieren und bei der Polizei melden", empfiehlt der Experte. Das könne man grundsätzlich auch bei Verleumdung, Beleidigung oder Bedrohung machen. "Aber bei Hunderten Kommentaren ist das sehr aufwendig und bringt nicht so viel", meint Scherg.

Und wenn sich die Aufregung gelegt hat?

"Nach dem Shitstorm sollte man im Grunde mit dem groben Besen auskehren. Das heißt: Aufräumarbeiten und rigoroses Löschen von Hasskommentaren", so Scherg. Zudem sollte man die Richtlinien, wie man auf der Seite miteinander umgehen will, anpassen und auch danach handeln. "Und vor allem: Beim nächsten Mal sollte man sich besser vorbereiten. Das ist ein wahnsinnig emotionales Thema, was man auch im Vorfeld schon weiß. Dann sollte man direkt einen oder mehrere Mitarbeiter haben, die sich darum kümmern - oder die Seite schon vorher deaktivieren", meint der Krisenmanager.

Auch bei Mails und Anrufen durchgreifen

Häufig beschränkt sich ein Shitstorm aber nicht nur auf Facebook oder andere Netzwerke, sondern wird - wie beim Tierheim - über Mail und Telefon fortgeführt. Dazu rät Scherg: "Weg damit! Nicht alles durchlesen, nicht emotionalisieren lassen. Das wollen die Verfasser ja erreichen. Wenn sich da nun auch jemand gemeldet hat, der ein Tier aufnehmen will - der wird sich auch wieder melden."

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