Stand: 09.02.2018 18:15 Uhr

Gabriel: Von "Siggi Pop" zum Außenminister

An Sigmar Gabriel scheiden sich die Geister. Kritiker, auch in der eigenen Partei, werfen ihm häufig vor, egoistisch, unzuverlässig und wankelmütig zu sein. Seine Fürsprecher dagegen loben seinen Ehrgeiz und Fleiß. Mit seinen strategischen Fähigkeiten macht er sich einen Namen. Dass der SPD-Chef sich mit seinem Auftreten nicht nur Freunde macht, weiß er selbst. "Wenn man zehn Leute fragt, dann sagen fünf Leute, boah, super Typ - und fünf Leute sagen: ein Riesenarschloch. Ich scheine zu polarisieren."

Verspottet und beachtet

Wichtigste Stationen Gabriels

1977: Eintritt in die SPD
1982-1987: Lehramtsstudium für Deutsch, Politik und Soziologie
1990-2005: Mitglied des Niedersächsischen Landtags
1994-1997: Innenpolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion
1998-1999: Vorsitzender der SPD-Landtagsfraktion
1999-2003: Ministerpräsident in Niedersachsen
2003-2005: Vorsitzender der SPD-Landtagsfraktion
seit 2005: Mitglied des Bundestags
2005-2009: Bundesumweltminister
2009-2017: Bundesvorsitzender der SPD
2013-2017: Bundesminister für Wirtschaft und Energie
seit 2017: Bundesaußenminister

Gabriels Karriere in der Partei gleicht einer Achterbahnfahrt: Er wird 1999 in Niedersachsen mit 40 Jahren als jüngster Ministerpräsident Deutschlands gefeiert, als er den Posten vom frischgewählten Bundeskanzler Gerhard Schröder übernimmt. 2003 will Gabriel bei der Landtagswahl erstmals von den Niedersachsen ins Amt gewählt werden - und scheitert an seinem CDU-Kontrahenten Christian Wulff. Gabriel übernimmt das Amt des "Beauftragten für Popkultur und Popdiskurs" der SPD und wird als "Siggi Pop" verspottet. Von 2005 bis 2009 erwirbt sich Gabriel großes Ansehen als Bundesumweltminister und wird zu einem politischen Schwergewicht - im besten Sinne. Aber auch hier gibt es Rückschläge - etwa, als er wegen angeblich überzogener Nutzung der Flugbereitschaft der Bundeswehr in die Schlagzeilen gerät. Nach dem Wahldebakel der SPD 2009 ist Gabriel einer der wenigen Gewinner seiner Partei. Grund: sein Einsatz gegen die von Union und FDP angekündigte Atom-Laufzeitverlängerung. Im Anschluss schafft er es als Vorsitzender, die zerrütteten Sozialdemokraten zu einen. Unter anderem stärkt er die innerparteiliche Mitbestimmung.

Von Goslar nach Berlin: Sigmar Gabriel

Erfolge als "Superminister"

Als kleinen Triumph für Gabriel werten Medien im März 2012 die Wahl des DDR-Bürgerrechtlers Joachim Gauck - gegen den Wunsch Merkels - zum neuen Bundespräsidenten. Gabriel hatte Gauck bereits bei der vorhergehenden Wahl im Juni 2010 als Kandidaten von SPD und Grünen präsentiert. Allerdings macht damals der unionsgestützte Christian Wulff das Rennen. Ende 2013 geht die SPD eine weitere Große Koalition mit CDU und CSU ein. Sigmar Gabriel wird Vizekanzler und "Superminister" für Wirtschaft und Energie. Dem in seiner Partei umstrittenen SPD-Chef - 2015 wird er mit nur 74,3 Prozent der Stimmen im Amt bestätigt - gelingen Erfolge. Er setzt das europäisch-kanadische Freihandelsabkommen CETA und seinen Genossen Frank-Walter Steinmeier als Kandidaten für das Bundespräsidentenamt durch, rettet Tausende Jobs beim Einzelhandelsunternehmen Kaiser's Tengelmann. Trotzdem liegen seine persönlichen Beliebtheitswerte in Umfragen weit hinter denen von Kanzlerin Angela Merkel (CDU).

Verzicht auf Kanzlerkandidatur

Am 24. Januar 2017 folgt die nächste überraschende Wendung im ereignisreichen politischen Leben des Sigmar Gabriel - er verzichtet auf die Kanzlerkandidatur und kündigt stattdessen an, als Nachfolger für den designierten Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier ins Auswärtige Amt zu wechseln. Vielen mutet das zunächst als Job auf Zeit an - schließlich stehen im September die Bundestagswahlen an. Doch es kommt anders: Gabriel zeigt sich als gewandter Diplomat, und erarbeiten sich im Auswärtigen Amt allerhöchsten Respekt. Er trifft den richtigen Ton gegenüber Trump und Putin, spricht Klartext gegenüber schwierigen Partnern wie Benjamin Netanyahu und Recep Tayyip Erdogan.

"Sehr große Ehre"

Das wirkt sich auch auf seine Beliebtheitswerte aus, die so hoch wie nie zuvor steigen. Gabriel geht in seinem neuen Amt auf, eine Fortsetzung scheint durch das schlechte Wahlergebnis der SPD und den folgenden Jamaika-Verhandlungen ausgeschlossen. Als diese scheitern, wittert der Instinktpolitiker wieder eine Chance - und lässt dies auch durchblicken. "In solchen international verwirrenden Zeiten seinem Land als Außenminister dienen zu können, ist natürlich ungeheuer spannend und auch eine sehr große Ehre", sagt Gabriel auf dem Rückflug von Tel Aviv nach Berlin einem "Spiegel"-Reporter, während der laufenden Koalitionsverhandlungen zwischen SPD und CDU. Dann folgt der nächste Nackenschlag, als Noch-SPD-Chef Martin Schulz am 7. Februar verkündet, dass er Außenminister werden will. Gabriel steht vor der politischen Bedeutungslosigkeit - und geht in die Offensive. Zwei Tage später folgt der Rückzug von Martin Schulz - und Sigmar Gabriel steht womöglich vor dem nächsten Comeback.

Weitere Informationen

Genosse Gabriel

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Vater ein überzeugter Nazi

Der am 12. September 1959 in Goslar geborene Gabriel verbringt seine Kindheit zunächst bei seinem herrischen Vater. Die Eltern hatten sich getrennt, als Gabriel drei Jahre alt war. Als er einmal mit einer schlechten Schulnote nach Hause kommt, sammelt der Vater das Spielzeug ein und schenkt es einem Kindergarten. Erst nach langem Tauziehen darf Gabriel von 1969 an bei seiner Mutter leben. Dass sein Vater auch nach dem Krieg ein überzeugter Nazi geblieben war, erfährt er erst im Alter von 18 Jahren. "Unbändigen Zorn" habe er empfunden, erklärt er. Erst nach dem Tod des Vaters 2012 spricht er über das Thema in der Öffentlichkeit. "Mein Vater hielt Auschwitz für eine Erfindung der Amerikaner. Und mich für ein Produkt der amerikanischen Umerziehung", sagt er in der ARD-Talkshow "Anne Will". Die offene Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit bringt ihm viele Sympathiepunkte ein.

Schon früh Engagement gezeigt

1977 tritt er in die SPD ein. "Wir sahen damals die SPD durchaus kritisch, aber es war die einzige Partei, die sich überhaupt mit uns auseinandersetzte", sagt Gabriel, der sich als Jugendlicher für das Goslarer Jugendzentrum engagiert und an Protestkundgebungen gegen den Militärputsch in Chile teilnimmt. Nach zweijährigem Bundeswehrdienst absolviert er ein Lehramtstudium für die Fächer Deutsch, Politik und Soziologie an der Universität Göttingen. Im Anschluss an seine Referendarzeit ist er von 1989 bis 1990 beim Bildungswerk der Niedersächsischen Volkshochschule in Goslar als Lehrer für Deutsch und Gemeinschaftskunde beschäftigt.

Rhetorisch gewandt und volksnah

Studium und Lehrtätigkeit haben Gabriel sicherlich geholfen, seine rhetorischen Fähigkeiten gekonnt zum Einsatz zu bringen. Denn was der Sozialdemokrat wirklich gut kann, ist: schwierigen Themen das Schwierige nehmen. So versucht er, Volksnähe zu schaffen. "Otto Normalbürger" soll die SPD-Botschaften verstehen. Politische Kommentatoren verweisen gern auf sein beachtliches rhetorisches Geschick sowie ein imponierendes Selbstbewusstsein und bescheinigen ihm Tatkraft, Pragmatismus, scharfen Verstand und Witz.

Privatleben: 2012 zweites Mal geheiratet

2012 heiratet Gabriel die Zahnärztin Anke Stadler. Das Paar hat eine gemeinsame Tochter, die im selben Jahr geboren wird. Im März 2017 kommt ihre zweite Tochter zur Welt. In erster Ehe war Gabriel mit der Türkin Munise Demirel verheiratet. Aus einer früheren Beziehung stammt Tochter Saskia. Wenn Gabriel Zeit für seine Hobbys findet, fährt er Fahrrad, segelt und reist.

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 24.01.2017 | 19:30 Uhr

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