Die Schlauchalge Vaucheria velutina im Wattenmeer. © Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung/dpa Foto: Karsten Reise

Eingeschleppte Schlauchalge erobert das Wattenmeer

Stand: 22.12.2020 10:13 Uhr

Eine eingeschleppte Algenart hat sich im norddeutschen Wattenmeer ausgebreitet. Göttinger Wissenschaftler befürchten ernsthafte Auswirkungen auf das Ökosystem.

Wie die Universität Göttingen mitteilte, ist die Schlauchalge "Vaucheria velutina" im vergangenen Sommer erstmals vor Sylt (Schleswig-Holstein) nachgewiesen worden. Sie bedeckt den Angaben zufolge mittlerweile bereits eine Fläche von mehr als 280 Fußballfeldern. Das Problem: Feiner Schlick, der mit der Flut eingeschwemmt wird, bleibt zwischen den dicht an dicht aus dem Boden ragenden Algenfäden hängen. Er lagert sich ab und verstopft die Gänge der Wattwürmer.

Vermutlich durch die Pazifische Auster eingeschleppt

"In meinen fast 50 Jahren als Wattforscher habe ich so eine rasante Ausbreitung einer neuartigen Alge noch nicht erlebt", sagte der emeritierte Professor Karsten Reise vom Alfred-Wegener-Institut (AWI), der die Alge entdeckte. Wie stark ihre Auswirkungen auf das Wattenmeer sein werden, und ob sie sich nach dem Winter weiter ausbreite, sei noch unklar. Laut Reise, der früher die Sylter Wattenmeerstation des AWI geleitet hat, könnte die Algenart durch importierte Pazifische Austern eingeschleppt worden sein. Diese werden im Wattenmeer bei Sylt in Netzbeuteln gehalten.

Alge sorgt für faulig riechendes Schlickpolster

Die Schlauchalge Vaucheria velutina im Wattenmeer. © Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung/dpa Foto: Karsten Reise
Die Schlauchalge bedeckt vor Sylt bereits große Flächen des Wattenmeeres.

Sollte sich die Alge weiter ausbreiten und immer mehr Schlick ansammeln, würden die Wattwürmer und damit das gesamte Leben im Wattboden darunter leiden, heißt es in der Mitteilung der Universität Göttingen. Dies könne sogar Auswirkungen auf die Fähigkeit des Bodens haben, sich dem im Klimawandel steigenden Meeresspiegel anzupassen. "Im Verlauf von nur einem Sommer hat sich ein weiches Schlickpolster aufgeschichtet, das bis zu 20 Zentimeter höher als das umgebende Sandwatt ist", sagte Reise. "Unter der Oberfläche ist der weiche Schlick tiefschwarz und dünstet faulig riechenden Schwefelwasserstoff aus."

Zur "Alge des Jahres" gewählt

Eine Auszeichnung wird der Alge dennoch zuteil: Die Sektion Phykologie der Deutschen Botanischen Gesellschaft wählte die "Vaucheria velutina" zur "Alge des Jahres 2021". Gründe dafür seien ihre plötzliche Dominanz und die unabsehbaren ökologischen Folgen, die ihre Anwesenheit im Watt mit sich bringen könnte, heißt es.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Oldenburg | 22.12.2020 | 17:00 Uhr

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