Stand: 18.11.2019 19:15 Uhr

Der Herbst: Totensonntag der Jahreszeiten?

Auf dem T-Shirt prangt ein Neon-Jesus mit Dornenkrone, dazu ein rotes Bandana und eine Radlerhose. Das war die Arbeitskleidung von Sänger Axl Rose Anfang der 1990er-Jahre. Im Jahr 1992 veröffentlichten Guns N' Roses, Axls Band, einen ihrer größten Hits. "November Rain" heißt das Stück und es ist vor allem eins: sehr, sehr lang - also wie gemacht für endlose Herbstnachmittage auf dem Sofa, wenn die Tage draußen kürzer, dunkler und immer kälter werden. Der Herbst scheidet die Geister mehr als alle anderen Jahreszeiten. Es gibt Enthusiasten, die sich über mystische Nebelschwaden wie an der Marienburg bei Hannover richtig freuen können. Aber eben auch echte Herbst-Hasser.

Rilke und die "schwere Erde"

Diesem Menschenschlag fehlt vor allem Helligkeit und Wärme, kurz: die Sonne. Und an einem Sonntag mit nasskaltem Sprühregen irgendwo in der niedersächsischen Tiefebene, bei dem gefühlt um 11.30 Uhr das Tageslicht ausgeknipst wird, ist das ja irgendwie auch nachvollziehbar. Die Feiertage im Herbst tragen Namen wie Allerseelen oder, noch schöner, Totensonntag. Die Heizung wird zum besten Freund. Selbst der bunte Hundertwasser-Bahnhof in Uelzen erinnert im Grau in Grau plötzlich irgendwie an das Ihme-Zentrum in Hannover. Blätter fallen von den Bäumen "mit verneinender Gebärde", dichtet Rilke. Und weiter: "Und in den Nächten fällt die schwere Erde / aus allen Sternen in die Einsamkeit". Da können selbst hartgesottene Optimisten schon mal schwermütig werden.

Mit Tee und Decke aufs Sofa

Doch es geht auch anders. Altweibersommer heißt der letzte Rettungsanker. Hier winken zumindest noch einige milde Stunden, die dem Grau von Oktober bis Dezember ein paar Farbkleckse verleihen können. "Auch der Herbst hat seine schönen Tage / Goldene Tagen voller Sonnenschein" sang Willy Schneider 1957. Das Problem: Der Altweibersommer ist spätestens im Oktober vorbei. Danach ist wieder viel Geduld gefragt. Also vielleicht doch noch mal das Guns N' Roses-Album aus dem CD-Regal fischen, Lied 10 anwählen und mit einer dicken Decke und einer Kanne Tee auf dem Sofa einmümmeln. Knapp neun Minuten sind dann schon mal überbrückt. Immerhin. Dann bitte "Repeat" drücken.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Hannover | 18.11.2019 | 17:00 Uhr

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