Stand: 28.05.2020 16:07 Uhr

Nach Corona: Was bleibt vom Homeoffice?

von Merlin van Rissenbeck

In Deutschland haben vor der Corona-Pandemie deutlich weniger Menschen im Homeoffice gearbeitet als in anderen europäischen Ländern. Gerade machen viele Führungskräfte und Mitarbeitende Erfahrungen damit, von zu Hause zu arbeiten. Auch Dienstreisen fallen weg und werden durch Videokonferenzen ersetzt. Könnten diese Erfahrungen die Arbeitskultur auch nach Corona verändern?

Eva Kruse arbeitet für eine Werbeagentur - und seit zwei Monaten, wie viele andere, nur von zu Hause aus. Nebenbei betreuen sie und ihr Mann Zwillinge im Alter von vier Jahren. Vor Corona hat Eva Kruse einen Tag in der Woche im Homeoffice gearbeitet. In Zukunft will sie noch einen zweiten Tag dazunehmen. "Der Tag startet entspannter", erklärt sie. Wenn Eva Kruse von zu Hause aus arbeitet, müsse sie sich und den Kindern morgens weniger Druck machen.

Selbstbestimmter Tagesablauf im Homeoffice

Arbeitnehmende würden sich vom Homeoffice vor allem versprechen, dass sie ihren Tagesablauf selbst gestalten können, sagt Soziologin Stefanie Kley. Sie forscht an der Universität Hamburg unter anderem zu Arbeit und Mobilität. Mitarbeitende und Führungskräfte müssten aber darauf achten, dass die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit zu Hause nicht völlig verwischen. "Wichtig sind hier Wahlmöglichkeiten, dass man nicht gezwungen ist und möglichst die Homeoffice-Tage auch selbst festlegen kann und dass es verbindliche Erreichbarkeitsregeln gibt." Denn sonst führt Studien zufolge das Arbeiten im Homeoffice zu deutlich mehr Überstunden - oder wird von Unternehmen nur genutzt, um zu sparen.

Videokonferenz mit Kunden statt Dienstreise

Bild vergrößern
Muss man für einen kurzen Termin nach München fliegen? Das fragt sich Christopher Rohs, Geschäftsführer einer Werbeagentur.

In der Werbeagentur, für die Eva Kruse arbeitet, können die Mitarbeitenden selbst bestimmen, wie viel Homeoffice sie machen wollen. Nach den Corona-Zeiten wollen die meisten wieder regelmäßig vor Ort arbeiten, um direkten Austausch in ihren Teams zu haben. Zusätzliches Arbeiten im Homeoffice ist aber beliebt.

Viele Unternehmen waren bislang nicht so flexibel. Doch es verändert sich etwas und das merkt der Mitgeschäftsführer der Agentur elbdudler, Christopher Rohs, an den Auftraggebern. Zum Beispiel würden diese feststellen, man könne etwas auch per Videocall klären. Es funktioniere auch, mit einer Agentur nicht immer im persönlichen Austausch zu sein. "Und das geht ja noch viel weiter: Dass man nicht immer für einen kurzen Termin nach München fliegen muss", meint Christopher Rohs.

Weniger Dienstreisen, weniger Pendeln und flexiblere Arbeitszeiten - das könnte CO2 und Stress sparen. Aber es betrifft vor allem Schreibtischjobs und ist auch dort nicht überall umsetzbar.

Sorgen neue Freiräume für kulturelle Revolution?

Bild vergrößern
Einige Kunden von Management-Coach Brigitta Wurnig machen im Homeoffice neue Erfahrungen.

Brigitta Wurnig coacht Führungskräfte, im Moment ausschließlich per Videokonferenz. Gerade ihre männlichen Klienten machen derzeit viele neue Erfahrungen. Etwa dass sie um 17 Uhr mit ihrem Kind in den Park gehen könnten - das ist etwas, dass sie nicht wieder aufgeben wollen. "Sie werden nicht zurück ins Hamsterrad gehen", meint Brigitta Wurnig. "Davon bin ich überzeugt. Und das merken die Unternehmen und deswegen ist diese kulturelle Revolution, die sich aus Corona ableiten wird, für mich die wichtigste."

Eine kulturelle Revolution der Arbeitswelt hin zu mehr Selbstbestimmung? Klar ist, viele Firmen haben sich in den letzten Wochen digital neu aufgestellt. Mit Homeoffice allein sind Themen wie Vereinbarkeit von Familie und Beruf aber noch nicht geklärt. Trotzdem wollen viele Mitarbeitende, wie Eva Kruse, ihre Arbeitszeit auch nach der Corona-Pandemie weiter mitgestalten, zum Beispiel per Homeoffice.

Weitere Informationen

Corona und Innovation: Was bleibt?

Videokonferenzen, Homeoffice und Homeschooling gehören für viele Menschen in Deutschland seit Wochen zum Alltag. Was könnte von den Innovationen der Corona-Zeit bleiben? mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 28.05.2020 | 09:38 Uhr

NDR Fernsehen

Arbeiten nach Corona: Ist Homeoffice die Zukunft?

11.04.2020 00:30 Uhr
NDR Fernsehen

Homeoffice statt Präsenzpflicht, Zeit sparen statt pendeln. Für die Personalökonomin Susanne Steffes ist klar: Die Corona-Krise verändert die Arbeitswelt nicht nur kurzfristig. mehr