Stand: 24.04.2020 06:00 Uhr

Maskenpflicht ist für Gehörlose großes Problem

von Charlotte Horn

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Normale Masken machen das Lippenlesen für Gehörlose wie Sabine Baumgardt unmöglich.

Die Maskenpflicht im Nahverkehr und beim Einkaufen tritt ab dem 25. beziehungsweise 27. April auch in Norddeutschland in Kraft. Sie soll das Risiko einer gegenseitigen Infektion mit dem neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 verringern. Das klingt erst einmal gut, aber was passiert, wenn man zur Verständigung auf die Mimik im Gesicht des Gegenübers - auf das Lippenlesen - angewiesen ist?

"Von jeglicher Kommunikation abgeschnitten"

Etwa 80.000 gehörlose Menschen in Deutschland stehen vor diesem Problem. Eine von ihnen ist Sabine Baumgardt. Sie ist seit ihrer Geburt gehörlos, verständigt sich über Gebärden. Seit dem 20. April herrscht in ihrer niedersächsischen Heimatstadt Wolfsburg schon eine Maskenpflicht. Gleich am ersten Tag ist die 44-Jährige einkaufen gegangen und dabei in allen Geschäften Menschen mit Mundschutz vor dem Gesicht begegnet: "Mit den Masken bin ich von jeglicher Kommunikation abgeschnitten. Aufschreiben nimmt zu viel Zeit in Anspruch, das macht keiner. Das ist für mich wirklich eine große Herausforderung im alltäglichen Leben."

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Masken machen Lippenlesen unmöglich

Die gelernte Erzieherin arbeitet unter anderem im Behindertenbeirat Wolfsburg. Viele gehörlose Menschen verstünden wie sie viel über die Mimik und das Lippenlesen, erklärt Baumgardt. Wenn sie das Gesicht ihres Gegenübers wegen einer Maske nicht sehen könne, funktioniere die Kommunikation nicht mehr. Eine schwierige Situation mit einem Verkäufer mit Mundschutz hat sie zum Beispiel in einem Sportgeschäft erlebt: "Der Verkäufer hat schon versucht, sich mit Händen und Füßen zu verständigen. Aber trotzdem reiche es nicht aus: Ich kann das nicht verstehen. Schließlich musste er es aufschreiben, aber dann kommen wir uns ja schon zu nah."

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Hamburger Gehörlosenverband fordert Masken mit Sichtfeld

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Ralph Raule hat sein Gehör als Kind verloren.

Auch den Vorsitzenden des Gehörlosenverbands Hamburg, Ralph Raule, erreichen zurzeit ähnliche Sorgen wegen der Maskenpflicht: "Für uns ist die Kommunikation wegen der Masken enorm eingeschränkt. Unsere Lebensqualität ist sowieso eingeschränkt und wir akzeptieren auch, dass sie im Kontext zu Corona noch eingeschränkter ist. Ganz viele Betroffene gehen nicht mehr raus. Sie haben Schwierigkeiten, das Haus zu verlassen."

Am 23. April hat der Verband eine Stellungnahme veröffentlicht: Die Maskenpflicht sei grundsätzlich richtig. Aber die Mundschutzpflicht gelte auch für Dolmetscher für Gehörlose: "Und den Dolmetscher kann ich dann auch nicht mehr verstehen. Wir brauchen da eine Lösung und das ist ganz klar: Mundschutzmasken mit Sichtfeld", so Raule. Der Verband hofft auf die Unterstützung der Stadt Hamburg, solche transparenten Masken anzuschaffen und Menschen in systemrelevanten Berufen wie Ärzte, Pflegepersonal, Polizei oder eben Gebärdensprachdolmetscher damit auszustatten. Bis jetzt weiß Raule nur von einzelnen Betrieben, die Masken mit einem Sichtfenster anfertigen, aber nicht in großer Stückzahl.

Schneiderin in Hameln näht jetzt Masken

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Die Maßschneiderin Yesim Tuncer hat eine Maske mit Sichtfeld entwickelt.

Maßschneiderin Yesim Tuncer aus dem niedersächsischen Hameln hat das Problem für die Gehörlosen erkannt. Eine ihrer Töchter arbeitet als Ärztin und hatte ihr von den Problemen erzählt: "Sie sagte, es ist sehr schwierig, die Gehörlosen zu behandeln." Sie ließen die Ärzte mit Maske nicht ran, hätten Angst, weil sie den Mund nicht sehen. Danach habe Tuncer hin und her überlegt und dann bei Facebook recherchiert. So sei sie auf die Idee einer Maske mit transparenter Folie gekommen.

Nach vier Versuchen hatte sie einen solchen Mundschutz, dessen Folie beim Sprechen nicht beschlägt und vor dem Waschen herausnehmbar ist. Inzwischen erreichen die 50-Jährige Anfragen aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz. Für soziale Einrichtungen spendet Tuncer die Masken, normale Stoffmasken verkauft sie für fünf Euro. Eigentlich hatte sie für ihre Mitarbeiter Kurzarbeit angemeldet, jetzt nähen sie freiwillig bis zu 400 Masken pro Tag. Demnächst will Tuncer eine Anleitung veröffentlichen.

Noch besser: Visier statt Maske

Auch eine Maske mit Sichtfenster hält die gehörlose Wolfsburgerin Sabine Baumgardt noch nicht für ausreichend. Sie ist für eine Visiermaske aus Folie vor dem Gesicht: "Um andere Menschen zu lesen und zu wissen, ob sie mir eine Frage stellen oder nicht, hilft es mir auch, deren Mimik zu lesen. Das ist mit dem Mundschutz, selbst wenn es ein transparentes Fenster gäbe, schwieriger, als wenn man diese Art Visier hätte."

Freude über Dolmetscher für Gehörlose

Ralph Raule vom Gehörlosenverband Hamburg begrüßt, dass es inzwischen üblich sei, dass bei Pressekonferenzen wie vom Robert Koch-Institut auch Gebärdensprach-Dolmetscher prominent zu sehen seien. In Ländern wie den USA ist das schon seit Jahren der Fall: "Vor ein, zwei Jahren habe ich schon darauf hingewiesen, dass bei einem möglichen Krisenfall Dolmetscher dargestellt werden sollen. Jetzt werden endlich Dolmetscher eingesetzt und sind grundsätzlich mit dabei."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 23.04.2020 | 08:50 Uhr