Eine Krankenpflegerin arbeitet in Schutzkleidung in einem Krankenzimmer auf der Intensivstation. © picture alliance/dpa Foto: Marcel Kusch

Kommentar: "Wir dürfen uns nicht an das Sterben gewöhnen"

Stand: 16.12.2020 16:42 Uhr

Fast 28.000 Menschen haben sich hierzulande binnen 24 Stunden neu angesteckt, 952 sind an oder mit einer Corona-Infektion gestorben - ein trauriger Rekord. Nehmen zu viele die Pandemie nicht ernst genug?

Ein Kommentar von Petra Lehnert

Ist es schon ein Ritual? Täglich vermeldet das Robert Koch-Institut die Zahl der Corona-Infizierten und der an und mit Corona Verstorbenen. Am Mittwoch waren es über 900, ein trauriger Tagesrekord. Der eine oder andere mag einwenden, die Zahl sei zu hoch, sie verzerre das Bild, denn es hat Nachmeldungen gegeben. Aber spielt das eine Rolle? Das Geschehen darf uns nicht gleichgültig sein, egal ob 300 oder 900 Menschen täglich der Pandemie zum Opfer fallen.

Menschen reagieren erschreckt und erschüttert, wenn Ereignisse plötzlich eintreten, wenn es Bilder davon gibt. Viele erinnern sich beispielsweise heute noch an das Zugunglück bei Eschede, als vor über 20 Jahren 100 Reisende umkamen. Die Anteilnahme war groß. Im Vergleich dazu sterben die Corona-Opfer eher still und zurückgezogen. Die Familien, die Freunde trauern, nicht die Öffentlichkeit.

Nicht die vergessen, für die es um Leben oder Tod geht

NDR Info Redakteurin Petra Lehnert. © NDR
Das Leid der Corona-Opfer bleibe im Verborgenen, meint Petra Lehnert.

Aufmerksamkeit bekommen derzeit andere Gesichter der Pandemie. Warum wird in Großbritannien schon geimpft und in Deutschland noch nicht? Sind die Schulen gut auf den digitalen Unterricht vorbereitet oder nicht? Wie können wir Weihnachten feiern? Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Das sind alles wichtige Fragen, um die man sich kümmern soll. Aber lasst uns vor allem nicht die Menschen vergessen, für die es um Leben oder Tod geht.

Lockdown ist ein richtiger Schritt

Dieser Appell hat Konsequenzen, wenn man ihn ernst nimmt. Denn er fordert von uns, alles zu unterlassen, was die Infektionszahlen weiter in die Höhe treiben könnte. Der Lockdown, der am Mittwoch begonnen hat, ist ein richtiger Schritt. Die Politik hat ihn verordnet. Ob er Menschenleben retten wird, hängt von jedem Einzelnen ab.

Zynisches Spiel mit hochbetagten Opfern

Man kann den Lockdown und die Art, wie er durchgeführt wird, kritisieren. Aber es ist unerträglich, wenn das Argument fällt, man solle doch nicht die Wirtschaft schädigen, denn es würden schließlich vor allem Hochbetagte an Corona sterben. Man hört solche Ansichten mehr oder weniger verklausuliert immer wieder. Sie sind an Zynismus kaum zu überbieten. Denn sie sprechen in letzter Konsequenz den Menschen, die nicht mehr produktiv sind, also nicht mehr zum Wohlstand beitragen, das Lebensrecht ab. Nie wieder sollte in Deutschland auch nur in gedanklichen Ansätzen zwischen wertem und unwertem Leben unterschieden werden.

Eine Gesellschaft, die den Schutz der Schwachen und Kranken vernachlässigt, verliert ihre moralische Basis. Corona ist ein Prüfstein. Es geht nicht nur darum, das Virus zu bekämpfen. Wir müssen zeigen, dass wir bereit sind, ethisch zu handeln. Das heißt auch, Einschränkungen in Kauf zu nehmen, damit nicht die täglichen Todesmeldungen zur Routine werden. Jeder einzelne Verstorbene ist einer zu viel.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | Kommentar | 16.12.2020 | 17:08 Uhr

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