Die Baustelle des Holzhochhauses "Roots" in der Hamburger Hafencity  Foto: Klaas-Wilhelm Brandenburg

Klimaschutz bei Neubauten: Sind Holzhäuser die Lösung?

Stand: 04.12.2021 06:00 Uhr

Der Gebäude-Sektor ist in Deutschland für etwa 30 Prozent der gesamten Treibhausgas-Emissionen verantwortlich. Wie geht klimaschonendes Bauen? Eine mögliche Lösung sind Gebäude aus Holz. In der Hamburger Hafencity entsteht gerade das höchste Holzhaus Deutschlands.

von Marc-Oliver Rehrmann und Klaas-Wilhelm Brandenburg

So wie in dieser Visualisierung soll das Holzhaus "Roots" in der Hamburger Hafencity aussehen. © Garbe Immobilien-Projekte, Störmer Murphy and Partners / altshift
So soll das Hochhaus "Roots" in der Hamburger Hafencity am Ende aussehen.

65 Meter hoch soll das Holzhaus mit dem englischen Namen "Roots" (deutsch: Wurzeln) sein, mit 19 Stockwerken. Aber noch ist auf der Baustelle nahe den Hamburger Elbbrücken kein Holz auszumachen. Kein Wunder, denn zunächst laufen die Arbeiten am Untergeschoss. Die Grundsteinlegung war erst im September 2021. "Alle Holzgebäude, die heutzutage gebaut werden, fangen im Untergeschoss mit Beton an", erklärt Benedict Pielmeier. Der 33-Jährige ist der Projektleiter beim Bau des Holzhochhauses. "Der Beton hat einfach praktische Gründe: Holz und Wasser vertragen sich nicht gut, zumindest im Grenzbereich zwischen Luft und Wasser. Auch wenn man früher Holzgebäude auf Pfählen gegründet hat, macht man das heutzutage nicht mehr." Letztlich gehe es darum, sicherzustellen, dass Holz nicht feucht wird. "Das haben wir für das Holzhaus in der Hafencity gut gelöst" sagt Pielmeier. "Und deswegen steht einem 100-jährigen Bestehen überhaupt nichts entgegen."

Bis ins zweite Stockwerk wird das Hochhaus in der Hafencity mit Beton gebaut, auch die Treppenhaus-Kerne kommen nicht ohne Beton aus. Erst im Sommer 2022 kommt das Holz zum Einsatz, wenn es an das dritte Obergeschoss und die weiteren Stockwerke geht.

NDR-Reporter Klaas-Wilhelm Brandenburg steht vor einer Baustelle in der Hamburger Hafencity.  Foto: Klaas-Wilhelm Brandenburg
AUDIO: Podcast "Mission Klima - Lösungen für die Krise": Wie man nachhaltig baut (32 Min)

"Das Holz wächst in nur 25 Minuten nach"

Für das Hochhaus sind insgesamt 5.500 Kubikmeter Holz eingeplant - so viel wie noch für kein anderes Gebäude in Deutschland. Wie nachhaltig ist es, solch eine riesige Menge Holz zu verbauen? Sehr nachhaltig, lautet die Antwort von Fabian von Köppen. Er ist Chef der Firma Garbe, die das Hochhaus baut. "Die 5.500 Kubikmeter Holz, die wir brauchen, wachsen in knapp 25 Minuten in deutschen Wäldern nach." So verdeutlicht Fabian von Köppen, dass Holz ein regenerativer Baustoff ist.

"Uns ist nachhaltig gewachsenes Holz wichtig"

Projektleiter Benedict Pielmeier (rechts) und Fabian von Köppen von der Firma Garbe stehen auf der Baustelle des Holzhochhauses "Roots" in der Hamburger Hafencity.  Foto: Klaas-Wilhelm Brandenburg
Sie sind die Experten des Holzhochhauses: Projektleiter Benedict Pielmeier (rechts) und Fabian von Köppen von der Immobilienfirma Garbe.

Das Holz kommt überwiegend aus Österreich. "Das gesamte Holz kommt aus Europa, was uns mit Blick auf die Nachhaltigkeit besonders wichtig ist", sagt Projektleiter Pielmeier. Nachhaltigkeits-Zertifikate für Holz außerhalb Europas seien nicht unbedingt vertrauenswürdig". "Wir wollten einfach sichergehen, dass das Holz, das bei uns landet, nachhaltig gewachsen ist und nicht über lange Transportwege durch die Welt geschippert werden muss."

Viele Eigentumswohnungen sind schon verkauft

In dem Holzhochhaus in der Hamburger Hafencity entstehen neben Büroräumen und Gastronomie-Flächen 128 Eigentumswohnungen. Die kleinsten Wohnungen haben 53 Quadratmeter, die größten 127 Quadratmeter. 80 Prozent der Wohnungen im "Roots" sind laut Bauherrn bereits verkauft. Sie kosten zwischen 530.000 und knapp 1,8 Millionen Euro. Die zentrale Lage in der Hafencity macht das Wohnen dort attraktiv. Aber noch ein anderer Punkt wirkt sich auf den Verkaufspreis aus: Die Firma Garbe hatte nach eigenen Angaben für das Holzhaus Ausgaben für die Forschung in Höhe von knapp sechs Millionen Euro. Insgesamt kostet das Projekt 140 Millionen Euro.

"Die Leute wollen nicht in einer Skihütte wohnen"

Die Wildspitze in Hamburgs Hafencity soll Deutschlands höchstes Holzhaus werden. © Störmer Murphy and Partners Foto: Störmer Murphy and Partners
In den unteren Etagen kommt die Deutsche Wildtier Stiftung unter, die dort eine große Ausstellung plant.

Das Etikett "Holzhaus" bedeutet nicht, dass die Wohnungen ein rustikales Ambiente haben. "Wir wollen ganz normale Wohnungen schaffen", sagt Firmenchef von Köppen. "Wir haben festgestellt, dass viele Kunden sagen, sie möchten zwar Holz mal an Teilen sehen, aber sie möchten nicht wie in einer Skihütte wohnen, wo die Decke, die Wände und der Boden aus Holz sind." Deshalb würden sich die Wohnungen im Holzhochhaus "Roots" nicht von Wohnungen in normalen Häusern unterscheiden.

Vorgesehen sind auch 53 öffentlich geförderte Mietwohnungen, die sich aber in einem sechsgeschossigen Nebengebäude auf dem Grundstück befinden. Auch dieses niedrigere Wohnhaus wird im Wesentlichen aus Holz sein. Im Hochhaus hat sich zudem die Deutsche Wildtier Stiftung vier Etagen gesichert. Sie plant dort unter anderem eine Ausstellung über heimische Wildtiere. Zudem wird es "Deutschlands erstes Naturfilmkino" und eine Lernwerkstatt für Schulklassen geben.

Nicht das Holz macht den Holzbau teuer

Bei dem Gebäude-Ensemble auf Holz zu setzen, macht das Projekt teurer. Der Holzbau wird etwa zwölf Prozent teurer als ein vergleichbares Gebäude aus Beton. Das liegt aber nicht - wie man vielleicht denken könnte - an den Kosten für das Baumaterial Holz. Vielmehr sind es zusätzliche Vorschriften, die den Investoren zu schaffen machen. "Es gibt noch sehr wenig Erfahrung mit dem Holzbau in Deutschland", sagt Fabian von Köppen. "Seitens der Berufsfeuerwehren und der Behörden gibt es deshalb zusätzliche Forderungen, die wir erfüllen müssen." Um mangels Erfahrungen auf Nummer sicher zu gehen. So müssen beispielsweise beim "Roots" statt einer - wie es üblich ist - gleich zwei Sprinkler-Anlagen eingebaut werden. Das treibt die Kosten die Höhe.

Was ist, wenn es in einem Holzhaus brennt?

Dabei ist die Brandgefahr in einem Holzhaus geringer als in einem Stahlbeton-Haus. So sagen es Experten. "Bei einem Brand wird der Stahlbalken immer als Erstes versagen, weil das Holz sich durch eine Pyrolyse-Schicht selbst schützt und somit langsamer abbrennt", erklärt Projektleiter Pielmeier. Pyrolyse-Schicht - so heißt das verkohlte Holz an der Oberfläche. "Grundsätzlich hätte ich bei einem Brand persönlich deutlich weniger Sorgen in einem Holzgebäude als in einem Stahl- oder Stahlbeton-Gebäude."

"Wir haben Holz lange Zeit zu sehr vernachlässigt"

Der Vorteil von Holzbauten aus Klimaschutz-Sicht: Holz wächst nach und speichert Kohlendioxid. Jede Tonne Holz spart zwei Tonnen CO2-Emissionen ein - im Vergleich zu mineralischen Baustoffen wie zum Beispiel Beton. Eine Studie der US-Universität Yale hat ergeben: Wenn der Stahl und der Beton, der für Neubauten verwendet wird, durch nachhaltig bewirtschaftetes Holz ersetzt wird, könnten die Kohlenstoff-Emissionen weltweit um bis zu 31 Prozent gesenkt werden.

"Holz als Baustoff haben wir viele Jahrzehnte zu sehr vernachlässigt", sagt Christine Lemaitre im Podcast "Mission Klima - Lösungen für die Krise". Sie ist die Geschäftsführerin der deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen. Das ist ein Zusammenschluss von Organisationen aus der Bau- und Immobilien-Wirtschaft, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, das Bauwesen nachhaltiger zu machen. "Gut ist, dass gerade eine Wiederentdeckung von Holzbauten stattfindet."

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Beton-Herstellung ist ein Treiber des Klimawandels

"Wenn wir mit Holz bauen, können wir den Rucksack der Treibhausgas-Emissionen um die Hälfte reduzieren - mehr aber auch nicht", macht die Expertin für nachhaltiges Bauen deutlich. Denn auch bei größeren Holzbauten werde noch viel Beton und anderes klimaschädliche Material verwendet. Dazu muss man wissen: Beton ist einer der größten Treiber des Klimawandels. Das Problem: Bei der Herstellung von Zement - das ist der "Kleber" im Beton - entstehen große Mengen an CO2: Knapp acht Prozent der weltweiten Treibhausgas-Emissionen werden durch die Zement-Herstellung verursacht, in Deutschland sind es etwa zwei Prozent.

Nachhaltiges Bauen mit Beton als "Luftschokolade"

Die gute Nachricht lautet: Auch in der Beton-Industrie tut sich etwas in Sachen Klimaschutz. "Schon heute ist es möglich, bei der Beton-Herstellung die CO2-Emissionen um 30 Prozent zu senken", weiß Lemaitre. Am besten ist es aber aus ihrer Sicht, Beton in möglichst großem Umfang einzusparen. Indem man zum Beispiel bestehende Gebäude in Innenstädten nicht abreißt und durch Neubauten ersetzt, sondern sie modernisiert und gegebenenfalls aufstockt.

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Aber auch bei Neubauten wird es möglich sein, im großen Stil Beton einzusparen. So entsteht in den kommenden Jahren - in unmittelbarer Nachbarschaft zum Holzhochhaus "Roots" - in der Hamburger Hafencity ein besonders nachhaltiges Wohngebäude: Weltweit zum ersten Mal kommt dort Gradientenbeton zum Einsatz. Die in Stuttgart entwickelte Technologie greift mit der organischen Struktur des Knochenbaus ein Vorbild der Natur auf. "Das ist so eine Art Luftschokolade", sagt der Architekt Max Nalleweg. Ziel ist, den Material-Einsatz bei Beton-Bauteilen deutlich zu senken. Die Fertigstellung ist für das Jahr 2025 geplant.

Schnelle Bauweise mit vorgefertigten Bauteilen

Das Holzhochhaus soll schon 2023 fertig sein. Für Holz spricht nicht nur die günstige Klimabilanz: "Der Vorteil am Holzbau ist auch, dass wir einen extrem hohen Vorfertigungsgrad haben", sagt "Roots"-Projektleiter Pielmeier. "Das heißt: Die Bauteile für Wände und Decken kommen schon fertig auf der Baustelle an, inklusive der Dämmung und der Elektronik. Deswegen geht das alles im relativ kurzen Zeitraum über die Bühne. Und nur deshalb werden wir bis Ende 2023 mit dem Hochhaus in der Hafencity fertig werden."

Für die Immobilien-Firma Garbe, die das neuartige Hochhaus in der Hafencity zusammen mit dem Hamburger Architekturbüro Störmer Murphy and Partners entwickelt hat, soll es nicht das letzte Projekt mit Holz gewesen sein. Im Gegenteil. "Wir planen derzeit ein Holz-Fertighaus mit fünf bis sechs Geschossen", sagt Firmenchef Fabian von Köppen im Gespräch mit NDR Info. "Unser Ziel ist zu zeigen, dass man mit Holz günstiger Wohnungen bauen kann." Schon bald könnte auch diese Idee verwirklicht werden: Gerade läuft die Suche nach mehreren Grundstücken in Hamburg.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Mission Klima – Lösungen für die Krise | 06.12.2021 | 07:08 Uhr

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