Stand: 25.07.2020 11:19 Uhr

Corona-Anstieg: Virologe Kekulé warnt vor Sorglosigkeit

Alexander Kekulé | Bild: NDR/Wolfgang Borrs © NDR/Wolfgang Borrs Foto: Wolfgang Borrs
Alexander Kekulé ist dafür, dass sich Rückkehrer aus Corona-Risikoländern auf das Virus testen lassen müssen.

Das Coronavirus breitet sich auch in Deutschland wieder stärker aus. Aktuell meldet das Robert Koch-Institut (RKI) 781 neue Fälle deutschlandweit. Das sind die höchsten Werte seit Mitte Mai - vom Ausbruch beim Fleischkonzern Tönnies in NRW vor einigen Wochen mal abgesehen. Das RKI nennt die Fallzahlen sehr beunruhigend. Was sind die Gründe für den neuerlichen Anstieg und was ist jetzt zu tun? Welche Maßnahmen müssen oder müssten ergriffen werden? Diese und weitere Fragen hat Alexander Kekulé, Virologe an der Uni in Halle/Saale, in einem NDR Info Interview beantwortet.

Herr Kekulé, für wie besorgniserregend, für wie kritisch halten Sie die neuen Zahlen?

Alexander Kekulé: Man weiß natürlich nicht, wie es die nächsten Tage weitergeht. Aber es scheint schon ein Trend zu sein. Wir haben jetzt einen leichten Anstieg über vier, fünf Tage gesehen. Und in den letzten ein, zwei Tagen ging es mit den Neuerkrankungen deutlich hoch. Das Besondere dabei ist, dass wir keinen einzelnen Ausbruch haben, sondern es ist so, dass hauptsächlich zwei Bundesländer auffällig sind: Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg. Wie das Robert Koch-Institut sagt, haben die Neuinfektionen viel mit privaten Familienfeiern oder Freizeitverhalten zu tun. Das ist natürlich schwerer in den Griff zu bekommen, als wenn es Infektionen an einem Ort wie etwa in einem Krankenhaus gibt.

Was sind aus Ihrer Sicht die Hauptgründe für diesen Anstieg der Zahlen? Haben Sie eine Vermutung?

Kekulé: Es ist leider so, dass wir die Zahlen von außen noch weniger verfolgen können als das RKI. Die Meldungen der Bundesländer an das Robert Koch-Institut sind ganz unterschiedlich. Beispielsweise ist es bei solchen Ausbrüchen in der Regel so, dass sie in bestimmten Bevölkerungsgruppen besonders häufig sind. Wir kennen das von Masern, bei denen es in bestimmten Kreisen in Nordrhein-Westfalen zum Beispiel lange Zeit Ausbrüche gab. Manche Bundesländer übermitteln diese Daten aber nicht im Detail, sodass man aus RKI-Sicht häufig nur weiß, wie viele Personen das waren - und den genauen Zusammenhang nicht kennt. Ich gehe davon aus, dass sich hier ein relativ kleiner Teil der Bevölkerung aus verschiedenen Gründen nicht so richtig mit den Corona-Regeln abfinden kann - und dass aus diesem Bereich letztlich die neuen Infektionsherde kommen.

Würden Sie sagen, es macht sich in der Bevölkerung so etwas wie Sorglosigkeit breit? Überall hören wir: 'Wir haben das gut unter Kontrolle.' Und da sind plötzlich Abstand, Hygiene und Mundschutz auf einmal nicht mehr ganz so wichtig?

Kekulé: Ich bin natürlich Epidemiologe und Virologe, und dies ist im Grunde eine psychologische Frage. Wir kennen aus der Epidemiologie das Phänomen, dass immer dann, wenn etwas gut funktioniert, die Menschen sorglos werden. Wir nennen das "Vorsorge-Paradox". Das ist jetzt auch zu beobachten - und deshalb ist die Kommunikation so wichtig. Wir haben in Deutschland etwas, für das wir weltweit beneidet werden, nämlich dass der allergrößte Teil der Bevölkerung das Problem erkennt und wirklich sehr, sehr vernünftig damit umgeht. Solange das nur kleinere Gruppen sind, die ausscheren - wie etwa junge Leute, die einfach nicht verstehen, worum es geht -, dann können wir das als Mehrheit kompensieren. Aber in dem Moment, indem das Ausscheren zu einer Bewegung wird und zusätzlich noch Reise-Rückkehrer dazukommen, kann ganz schnell ein Punkt überschritten werden, an dem die Situation kippt. In diesem Fall können die Behörden die neuen Fälle nicht mehr einfangen und identifizieren. Dann laufen wir wirklich Gefahr, ähnliche Situationen zu erleben, wie wir sie im Süden der USA oder in Israel gesehen haben.

Was meinen Sie: Was kommt da mit den Urlaubs-Heimkehrern noch auf uns zu?

Kekulé: Es kommt auf zwei Faktoren an. Der eine ist: Wie verhalten sich die Urlauber im Ausland? Wenn diese dort noch unvorsichtiger sind als zu Hause, dann werden sie sich auch nicht freiwillig testen lassen. Dazu kommt: Sollte der Test bei ihnen positiv sein, müssen sie zwei Wochen in Isolation verbringen. Der zweite Faktor ist, dass manche Menschen aus den sogenannten Risikoländern zurückkommen, in denen das Virus so verbreitet ist, dass man eine sehr, sehr hohe Chance hat, sich anzustecken. Diese Menschen sollten sich meiner Meinung nach verpflichtend testen lassen.

Sie sagen: verpflichtend. Wie sinnvoll sind da freiwillige Corona-Tests an Flughäfen, wie sie jetzt beschlossen worden sind?

Kekulé: Freiwillige Tests sind auf jeden Fall sinnvoll, weil es Menschen gibt, die das Thema sehr ernst nehmen und sagen: Ja, ich lasse mich testen. Ich glaube, die Menschen haben verstanden, dass das keine Garantie gibt. Man muss damit rechnen, dass der Test trotzdem noch negativ ausfallen kann, wenn man in den vergangenen fünf Tagen infiziert wurde. Ich glaube, das ist mittlerweile allgemein bekannt. Pandemien entstehen ja auch durch Fehlverhalten der Menschen. Es gibt einfach einen Teil der Urlauber, die zurückkommen und sich im Ausland nicht vernünftig verhalten haben. Vielleicht haben sie ihre Familien in einem kulturellen Umfeld besucht, wo die Aufmerksamkeit für das Thema Corona nicht so groß ist. Nach ihrer Rückkehr aus Risikogebieten sollen sie zwei Wochen in Quarantäne gehen, aber das wird nicht überprüft. Am nächsten Tag fängt die Arbeit dann wieder an, schließlich muss man ja Geld verdienen - oder die Kinder sollen in die Kita gehen, was im Falle einer Quarantäne nicht möglich wäre. Ob sich ausgerechnet diese Menschen, die die Notwendigkeit der Corona-Maßnahmen nicht einsehen und sich nicht daran halten, freiwillig testen lassen, das halte ich für unwahrscheinlich. Deshalb bin ich da für klare Ansagen.

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Kekulé: Das ist inzwischen hinlänglich bekannt, dass ich dieser App kritisch gegenüberstehe. Nicht deshalb, weil ich nicht glaube, dass wir so etwas brauchen könnten. Epidemiologisch wäre das wunderbar. Aber es ist so, dass wir von Anfang an bei dieser App keine Strategie hatten, wie wir verhindern, dass es massenweise falsch-positive Signale gibt. Die Gesundheitsbehörden müssen ja jeden Fall, den die App meldet, zusätzlich nachvollziehen. Und sie müssen bei jedem positiv Getesteten sämtliche Kontakte nachvollziehen, weil sie ja nicht wissen: Welcher dieser Kontakte hat die App? Und wenn er die App hat, lässt er sich bei einer Warnung testen? Und wird er überhaupt gewarnt, weil das "Alarmsignal" der App nicht zuverlässig ist? Das heißt, die Behörden haben mehr Arbeit als vorher. Und der Flaschenhals bei dem Ganzen ist - neben dem Verhalten der Menschen, neben der Zahl der Tests, die wir zur Verfügung haben müssen - auch die Frage: Wie viele Fälle können die Behörden nachverfolgen? Wenn sie zusätzliche Fälle über die App bekommen - und darunter auch Fälle mit "falschem Alarm" sind, dann ist das - glaube ich - nicht unbedingt hilfreich.

Das Interview führte NDR Info Moderator Carsten Vick.

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NDR Info | Infoprogramm | 25.07.2020 | 08:08 Uhr

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