Sendedatum: 23.07.2020 06:50 Uhr

Trotz Regen: Norddeutschlands Böden leiden unter Dürre

Forschern zufolge befinden wir uns in einer Phase außergewöhnlicher Trockenheit.

Bis in größere Tiefen sind die Böden in Norddeutschland derzeit völlig ausgedörrt. Das Problem: "Es braucht einfach mehrere Monate mit überdurchschnittlichem Niederschlag, um die Wasserspeicher wieder aufzufüllen", sagt Dr. Andreas Marx vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ). Das könnte in den kommenden Monaten schwierig werden, gibt es zu dieser Jahreszeit im Vergleich zum Winter doch typischerweise weniger Wasser im Boden. Im Sommer ist die Verdunstung zudem hoch, mehr Wasser geht an die Atmosphäre verloren.

Aktuelle Trockenheit ist außergewöhnlich

Die Wasserreserven sind knapp, die Böden ausgedörrt. Seit 2015 ist es in Deutschland relativ trocken. Die beiden vergangenen Jahre übertrafen sogar die bisherige Rekorddürre von 1976. "Um 1976 herum war es fünf Jahre lang außergewöhnlich trocken - eine solche Phase haben wir gerade wieder, nur wesentlich stärker ausgeprägt", sagt Klimaforscher Marx. Mit dem "Dürremonitor" versuchen die Forscher den Zustand der Böden in Deutschland zu analysieren.

Die Daten des Dürremonitors in der folgenden Animation beziehen sich auf den Zustand des Gesamtbodens, gemessen in ca. 1,80 Meter Tiefe.

Animation: Norddeutsche Dürreperioden seit 1952

Die Animation zeigt die jährlichen Werte des UFZ-Dürremonitors seit 1952. Helle Werte bedeuten eine überdurchschnittliche Dürre.

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Seit Beginn der Messung in den frühen 50er-Jahren war der Oberboden noch nie so trocken wie 2018. Die Dürre setzte sich 2019 fort, bis ins Jahr 2020 hinein. Mehrere Jahre in Folge ist ganz Deutschland nun extrem von Dürre betroffen. Wissenschaftler Marx, der sich seit über 20 Jahren mit Klima und Wasserhaushalt beschäftigt, ist von dieser Situation überrascht:

"Die derzeitige Situation ist wirklich außergewöhnlich. Ich hätte nicht gedacht, dass dies so früh passiert. Wenn ich 2017 gefragt worden wäre, ob ich so etwas für möglich halte, hätte ich wahrscheinlich die Jahre rund um 2040, 2045 prognostiziert – aber nicht jetzt." Klimaforscher Andreas Marx

Norddeutschland ist stark betroffen

Die großflächige Dürre von 2018 war ein Extremereignis: Im August und September war der Boden in weiten Teilen des Landes extrem trocken. Die Situation verschärfte sich im Oktober noch, immer mehr Regionen verzeichneten eine außergewöhnliche Dürre. Im November war Deutschland dann weitläufig außergewöhnlich stark von Trockenheit betroffen.

Die Wintermonate sorgten nur vereinzelt für Besserung, vor allem in Norddeutschland hielt die Dürre weiterhin an. Während des Frühlings entspannte sich die Situation dann in mehreren Regionen der Südwesthälfte Deutschlands. Anders sah es im Norden aus. Besonders im Juli, August und September 2019 verschärfte sich das Problem, die Böden waren in weiten Teilen Norddeutschlands außergewöhnlich trocken.

Folgt das dritte Dürrejahr?

Vielerorts könnte es in Norddeutschland das dritte Jahr in Folge zu trocken werden. Das hat Auswirkungen auf Mensch, Tier und Natur. Landwirte zeigen sich besorgt. Nico Nommsen auf Pellworm in Schleswig-Holstein gehören Milchkühe und Mastbullen. Er baut auch Futtergetreide an, ist Landwirt in fünfter Generation. Das Gras auf der Weide sei in diesem Jahr nicht hoch genug gewachsen - zu wenig Wasser im Boden. "Die Weide reicht nicht, dass die Tiere sich satt fressen können. Wir müssen komplett zufüttern. Wir kommen ja erst noch in diese trockene, harte Zeit, im Juli und August, da mag ich gar nicht dran denken."

Nach zwei, drei Wochen starken Regens könne sich die Situation in der Landwirtschaft erheblich entspannen, sagt Klimawissenschaftler Marx. Doch "dort, wo die Winterkulturen nicht gut aus dem Frühjahr gekommen und die Sommerkulturen nicht aufgegangen sind, sind auch in diesem Jahr wieder großflächig Ertragsrückgänge zu erwarten". Das betreffe vor allem die Nordhälfte Deutschlands.

Auch 2020 drohen Ernteeinbußen im Norden

Saatgut vertrocknet wieder, ganze Felder verdorren. Das Brisante: Der Norden ist genau der Bereich, der 2018 und 2019 schon betroffen war - keine gute Ausgangslage für kleinere Betriebe mit nur geringen finanziellen Rücklagen. Im Agrarsektor sei die Südwesthälfte Deutschlands 2019 nur in wenigen Fällen stark betroffen gewesen. Es habe sogar leicht überdurchschnittliche Erträge gegeben, sagt Marx. "Im Nordosten waren die Erträge hingegen bei einigen Kulturen sogar noch schlechter als 2018 - mit Ausnahme von Schleswig-Holstein."

In Wäldern spitzt sich die Lage zu

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Die Dürre 2018 und 2019 verstärkte die Waldbrandgefahr - wie bei dem Großbrand in Lübtheen in Mecklenburg-Vorpommern

Nicht nur auf Feldern sieht es dramatisch aus, sondern auch in Norddeutschlands Wäldern. "Ich habe es in meinen 27 Dienstjahren als Bezirksförster noch nicht erlebt, dass ich eine Kultur wässere", sagt Christian Oehlschläger, Förster im Bezirk Burgwedel in Niedersachsen. Ständig müssen tote Bäume gefällt werden. Schädlinge wie der Borkenkäfer setzen Wäldern zusätzlich zur Trockenheit stark zu.

Dürren wird es zukünftig häufiger geben

Dass Rekorddürren aufeinander folgen, ist ungewöhnlich. "Es gibt einen Zusammenhang zwischen Klima, Hitzewellen, Dürreperioden und den Auswirkungen auf verschiedene Sektoren", sagt Umweltforscher Marx. Trotzdem sei es nicht so, dass nun in jedem Jahr mit einer extremen Dürre gerechnet werden müsse. "Wir werden auch wieder verregnete Sommer haben, die zu kühl sind. Klimawandel bedeutet nicht, dass jedes Jahr alles extremer wird." Es heißt aber, dass großflächige Dürren - auch über die gesamte Bodentiefe - in Zukunft häufiger auftreten und sich vermutlich noch stärker ausprägen werden.

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Dieses Thema im Programm:

Aktuell | 23.07.2020 | 06:50 Uhr

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