Christian Drosten © picture alliance Foto: Christophe Gatea

Drosten über Viruslast-Studie: Altersgruppen etwa gleich ansteckend

Stand: 25.05.2021 17:52 Uhr

Im NDR Info Podcast Coronavirus-Update spricht der Virologe Christian Drosten über neue Daten, die zeigen, warum Covid-19 schwer zu kontrollieren ist. Das Maximum der Virusausscheidung liegt ein bis drei Tage vor Symptombeginn.

von Ines Bellinger

Die Studie aus der Berliner Charité ist am Dienstag im Fachmagazin "Science" erschienen. Sie führt eine Auswertung von Labordaten aus dem vergangenen Frühjahr fort, die für Aufsehen gesorgt hatte. Mittlerweile hat ein Team unter Drostens Leitung für mehr als 25.000 Corona-Infizierte die Viruslast analysiert, also die Anzahl der Erbgutkopien von Sars-CoV-2 in PCR-Proben. Um noch bessere Voraussagen über die Infektiosität treffen zu können, untersuchten die Forschenden zudem, ab welcher Viruslast eine Anzucht im Labor gelingt, ab wann also vermehrungsfähiges Virenerbgut nachweisbar ist.

Das Coronavirus © CDC on Unsplash Foto: CDC on Unsplash
AUDIO: Die neue Podcast-Folge: Das Virus auf der Standspur (68 Min)

Viruslast: Keine nennenswerten Unterschiede in Altersgruppen

"Die Ursprungsinterpretation zur Verteilung der Viruslast in den Altersgruppen hat sich gar nicht geändert", sagt Drosten in der neuen Podcast-Folge. Bei Infizierten zwischen 20 und 65 Jahren zeigten sich auch in der begutachteten Studie keine nennenswerten Unterschiede in der Viruslast. Die Infektiosität aller Altersgruppen ist demnach etwa gleich groß.

Lediglich bei den kleinsten Kindern bis fünf Jahre fand sich ein Unterschied zu den Älteren, die der Virologe als klinisch relevant bewerten würde. Laut Drosten muss aber eine geringere Tupfergröße bei Kindern ebenso korrigierend einbezogen werden wie die Art des Abstrichs, denn bei Jüngeren wird auf die unangenehmen tiefen Nasen-Rachen-Abstriche oft verzichtet. "Die Rate von nicht optimalen Abstrichen ist größer, je kleiner die Kinder werden", sagt Drosten.

Maximale Virusausscheidung ein bis drei Tage vor Symptombeginn

Eine Stärke der Berliner Studie liegt darin, dass von mehr als 4.000 Personen jeweils mehr als drei Proben vorlagen, betont der Virologe, sodass der Verlauf der Viruslast bewertet werden kann. Zwei Aussagen, die die Forschenden daraus ableiten: Bei Menschen, die schwer erkranken und ins Krankenhaus müssen, ist die Viruslast schon zu Beginn der Infektion regelmäßig sehr hoch, während bei anderen die Höhe des sogenannten Viruslastgipfels stark unterschiedlich sein kann. Zudem zeigten nun auch die datenbasierten Verlaufsmodelle: Das Maximum der Virusausscheidung liegt ein bis drei Tage vor dem Symptombeginn. "Darum ist diese Erkrankung so schwer zu kontrollieren", sagt Drosten.

Besonders infektiöse Covid-Patienten mit extrem hohen Viruslasten kommen den Erkenntnissen zufolge in allen Altersgruppen vor, und zwar sowohl mit als auch ohne Symptome.

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Zehnmal höhere Coronaviruslast bei britischer Variante

Eine weitere Erkenntnis des Forscherteams von der Charité: Die britische Virusvariante B.1.1.7 ist tatsächlich infektiöser als andere Viren, weil die Viruslast höher ist. Die Studie zeigte bei B.1.1.7-Infizierten eine zehnmal größere Menge an Erbgutkopien.

Die kürzlich von der Weltgesundheitsorganisation WHO als "besorgniserregend" eingestufte indische Variante des Coronavirus war nicht Gegenstand der Studie. Zu B.1.617.2 gibt es jedoch zwei aktuelle Untersuchungen aus Großbritannien, wo die Nachweishäufigkeit dieser Variante mittlerweile bei über 50 Prozent liegt (RKI-Angabe für Deutschland: 2 Prozent). Die Forschenden gehen davon aus, dass sich diese Variante trotz deutlich gesunkener Inzidenzwerte in Großbritannien 50 Prozent schneller verbreiten könnte als die vorherrschende Variante B.1.1.7.

Indische Corona-Variante: Wirkung der Erstimpfung herabgesetzt

Einen Nachweis, dass die indische Variante kränker macht, gebe es bisher nicht, sagt Drosten. Daten der Gesundheitsbehörde Public Health England zur Impfwirkung mit Biontech und AstraZeneca zeigen jedoch, dass die Schutzwirkung der Erstdosis gegen die indische Variante mit nur 31 Prozent herabgesetzt ist (B.1.1.7-Variante: 51 Prozent). Nach der zweiten Dosis ist der Immunschutz hingegen offenbar nicht beeinträchtigt.

B.1.617 für Deutschland derzeit nicht bedeutsam

Daraus könne man relativ triviale Schlüsse ziehen, sagt Drosten: "So schnell wie möglich durchimpfen." In Großbritannien haben derzeit etwa 40 Prozent der Bevölkerung den vollen Impfschutz, eine Quote, die Deutschland bei den Erstimpfungen erreicht hat. Für die Bewertung der Situation hier sei der indischen Variante derzeit keine allzu große Bedeutung beizumessen, sagt Drosten. Die Einstufung Großbritanniens als sogenanntes Virusvariantengebiet sieht er als "Vorsichtsüberlegung".

Die Temperatur erledigt nicht alles

Den Impffortschritt in Deutschland bewertet der Virologe weiter positiv. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) werden rechnerisch jede Sekunde acht Menschen geimpft. Vorsicht sei dennoch weiterhin geboten. Drosten warnt davor, den Temperatureffekt auf Erkältungs-Coronaviren im Sommer zu überschätzen. Bisherigen Forschungserkenntnissen zufolge macht er geschätzte 20 Prozent aus. Es gebe gute Gründe anzunehmen, dass das auch auf Sars-CoV-2 zutrifft, sagt Drosten. Aber: "Man kann nicht davon ausgehen, dass die Temperatur alles erledigt."

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