Eine Frau wehrt Coronaviren ab. © photocase panthermedia Foto: sandrobrezger, kostsov

Immungedächtnis: Helfen auskurierte Erkältungen gegen Corona?

Stand: 30.09.2020 10:10 Uhr

Können überstandene Erkältungs-Infektionen uns vor Covid-19 schützen? Dazu gibt es eine Studie, an der Kieler Wissenschaftler mitgearbeitet haben. Die Ergebnisse sind ernüchternd.

von Lena Gürtler

Coronaviren sind für viele menschliche Körper nichts Neues. Stichwort Erkältung und Schnupfen - die Coronavirus-Familie ist für einen Teil dieser Erkrankungen verantwortlich. Und genau daraus speist sich eine Hoffnung: "Da gab's die Idee, dass Schnupfenviren-Erkrankungen eine schützende Immunität generieren, die vielleicht auch gegen das Coronavirus helfen könnte", sagt Alexander Scheffold, Direktor des Instituts für Immunologie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, mit Blick auf Abwehrzellen im Körper. Sein Team habe das Phänomen näher untersucht und entsprechende Zellen gefunden.

Gedächtnis-T-Zellen bei Corona-Infektion wohl nicht hilfreich

Gedächtnis-T-Zellen heißen diese Abwehrmaschinen des Körpers, die dafür sorgen, dass er im Krankheitsfall Antikörper produziert. Und ja, diese Zellen können, weil sie andere Coronaviren schon kennen, auch Sars-CoV-2 erkennen, obwohl das menschliche Immunsystem das Virus bisher nicht kannte. Doch an dieser Stelle bremst Scheffold die Hoffnung, dass dies auch für mehr Schutz vor einer Covid-19-Erkrankung sorgen könnte: "Wir haben uns dazu die Qualität der Zellen angeguckt und gesehen, dass sie nicht besonders gut das Sars-CoV-2-Virus erkennen. Und konnten eigentlich ausschließen, dass sie in einer Infektion hilfreich sein können.

Bei einer Frau wird ein Abstrich mit einem langen Wattestäbchen in der Nase gemacht. © pathermedia Foto: ryanking999
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Drosten: Effekt für Kreuzimmunität nicht stark genug

Der Virologe Christian Drosten beschreibt in der aktuellen Folge des "Coronavirus-Update"-Podcasts von NDR Info, wie anders die Gedächtnis-T-Zellen reagieren bei Menschen ohne und mit durchgemachter Sars-CoV-2-Infektion: "Die Reaktion ist unsauber und zerstreut." Bei Menschen, die eine Corona-Infektion hinter sich haben, sei sie hingegen sehr gezielt auf die großen Bauproteine des Virus ausgerichtet. Mit anderen Worten: Nach einer Infektion kann das Immunsystem das Virus deutlich wirksamer bekämpfen.

Die Hoffnung, dass unsere Körper ohne überstandene Covid-19-Erkrankung, also allein durch viele Erkältungen wissen, wie sie sich gegen das neuartige Coronavirus schützen - in der Fachwelt "Kreuzimmunität" genannt - wird damit also geringer, sagt auch Drosten: "Die Zellen geben zwar ein Signal, aber das ist sicherlich nicht stark und aktiv genug, um wirklich eine Infektion wegzuhalten aus dem Körper."

Scheffold: "Dieses Argument muss jetzt einfach beendet werden"

Die Autoren der Studie wie Alexander Scheffold werden, was die Aussagekraft ihrer Forschung angeht, noch deutlicher. Besonders mit Blick auf Kritiker der Corona-Maßnahmen, die immer wieder auf eine angebliche Hintergrundimmunität verweisen, die dafür sorgen würde, dass das Virus für viele Menschen gar nicht so gefährlich sei: "Dieses Argument muss jetzt einfach beendet werden. Das ist einfach Quatsch." Auch entsprechende Studien seien - teilweise gezielt - falsch interpretiert worden.

Ein klares Ergebnis der Studie, an der sein Team mitgewirkt habe, sei, dass das Thema Herdenimmunität aufgrund von präexistierendem T-Zell-Gedächtnis "ad acta" gelegt werden könne. Charité-Virologe Drosten formuliert dies im aktuellen NDR Info-Podcast etwas vorsichtiger: Dies sei zunächst eine Studie, aber die Hoffnung auf einen bevölkerungsweiten Effekt gegen Corona, den unser Immungedächtnis hervorruft, schwinde mit ihr.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 30.09.2020 | 06:54 Uhr

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