Christian Drosten © picture alliance Foto: Christophe Gatea

Drosten: Dritte Welle ohne Impfung nicht beherrschbar

Stand: 16.03.2021 17:14 Uhr

In der neuen Folge des NDR Info Podcasts Coronavirus-Update befürwortet der Virologe Christian Drosten die Untersuchung der Thrombose-Fälle nach AstraZeneca-Impfung, betont aber die Wichtigkeit dieses Vakzins.

von Sonja Puhl

Deutschland hat die Corona-Schutzimpfungen mit dem Präparat von AstraZeneca vorerst ausgesetzt. Nach sieben Meldungen zu Thrombosen der Hirnvenen im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung in Deutschland hält das Paul-Ehrlich-Institut weitere Untersuchungen für notwendig. Solche Untersuchungen hält auch der Virologe Drosten für wichtig. Sinusvenenthrombosen treten zwar auch in der Normalbevölkerung auf, mit einer vergleichbaren, etwas geringeren Rate, die allerdings statistisch auf ein ganzes Jahr bezogen ist. "Aber jetzt ist das innerhalb von nur ein paar Wochen aufgetreten, während AstraZeneca verimpft wurde. Darum muss man das ernst nehmen und anschauen." Dazu gehöre auch, nach eventuellen genetischen oder hormonellen Ursachen bei den betroffenen Patientinnen und Patienten zu suchen.

Statistisch gesehen neigen Frauen, vor allem jüngeren oder mittleren Alters, auch unabhängig von Impfungen eher zu Thrombosen - teils auch bedingt dadurch, dass sie eine Antibabypille nehmen, die das Risiko erhöht. Der Impfstoff des britisch-schwedischen Herstellers AstraZeneca hatte in Deutschland zunächst nur eine Freigabe für unter 65-Jährige und wurde hier - anders als in Großbritannien - also vor allem an Jüngere verimpft, etwa an Personal aus der Pflege oder dem Medizinbereich. Für die statistische Vergleichbarkeit sei es deshalb nun wichtig zu wissen, ob die Betroffenen in Deutschland zum Beispiel einer ohnehin stärker thrombosegefährdeten Bevölkerungsgruppe angehörten oder nicht, erklärt Drosten.

Das Coronavirus © CDC on Unsplash Foto: CDC on Unsplash
AUDIO: (80) Dritte Welle ohne Impfung nicht beherrschbar (101 Min)

Drosten: "Wir brauchen diese Impfung"

Blutgerinnungsstörungen sind eine bekannte Komplikation auch bei einer Covid-19-Erkrankung. Der Virologe spricht sich darum dafür aus, in der Pandemie-Situation ein mögliches Risiko in Zusammenhang mit der Impfung auch immer im Verhältnis zum Risiko im Erkrankungsfall zu betrachten: "Wir brauchen diese Impfung."

RKI-Prognose bestätigt die Befürchtung von Wissenschaftlern

Das Robert Koch-Institut (RKI) hat jüngst prognostiziert, dass die Inzidenz in Deutschland nach Ostern bei 300 liegen könnte. Das zeige, sagt Drosten, "dass diese Sichtweise keine Fantasie von einzelnen Professorinnen und Professoren ist, sondern dass das die amtliche Auffassung ist von dem, was uns in den nächsten Wochen bevorsteht." Es gebe viele 60- bis 70-Jährige in Deutschland, und die seien meist noch nicht geimpft. "Gerade in diesen Jahrgängen wird es um und nach Ostern brenzlig werden." Die aus seiner Sicht wichtige Einbeziehung der Hausarztpraxen bei den Corona-Impfungen stehe und falle mit der Verfügbarkeit des AstraZeneca-Impfstoffs. Dieses Vakzin muss nicht bei extremen Minusgraden gekühlt, sondern kann bei normalen Kühlschranktemperaturen transportiert und aufbewahrt werden.

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Die Gefährlichkeit der ansteckenderen Variante B1.1.7

Die Coronavirus-Variante B1.1.7 ist mittlerweile auch in Deutschland vorherrschend. Christian Drosten rechnet damit, dass noch in dieser Woche drei Viertel der erfassten Neuinfektionen auf die Mutante zurückzuführen sein werden. Mittlerweile erhärtet sich auch der Verdacht, dass die Variante B1.1.7 nicht nur ansteckender, sondern auch gefährlicher ist. Drei Studien aus England untersuchen das relative Risiko, bei einer Infektion mit der Variante zu sterben, im Vergleich mit dem bisherigen Virus. 28 Tage nach einer positiven PCR-Diagnose war dieses Risiko demnach um mehr als 60 Prozent erhöht. Ähnliche Zahlen zeigt eine dänische Studie für das Risiko einer Krankenhausaufnahme in einem bestimmten Zeitfenster nach PCR-Diagnose. Auf dieser Grundlage geht Drosten davon aus, dass die Risiken für einen schweren Verlauf bei einer Infektion mit der Variante tatsächlich deutlich höher sind als mit dem Ursprungsvirus.

Hoffnung: Impfstoffe müssen nicht stets aufgefrischt werden

Zwei Studien aus Kalifornien und New York, die sich mit Teilen des menschlichen Immunsystems im Zusammenhang mit dem Coronavirus und seinen Varianten beschäftigen, liefern nach Einschätzung von Drosten ermutigende Erkenntnisse: Das Sars-CoV-2-Virus scheine weltweit unabhängig meist die gleiche Gruppe von Mutanten herauszubilden. Und auch wegen der guten Wirksamkeit der jetzigen Corona-Impfstoffe hofft Drosten, dass man nicht auf Dauer immer wieder aufgefrischte Impfstoffe brauchen werde: "Ich denke, nach einem ersten Update könnte es dazu kommen, dass die dann verfügbaren Impfstoffe für lange Zeit so bleiben können." Womöglich brauche nicht einmal jeder dann eine jährliche Auffrischung, sondern nur bestimmte Bevölkerungsgruppen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 16.03.2021 | 17:00 Uhr

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