Stand: 03.08.2020 05:00 Uhr

Serie "Die Blendung": Der Präsident hat immer Recht

Donald Trump kämpft nicht mit dem Florett, sondern mit der Keule. "Lügenpresse"-Vorwürfe, bizarre Theorien um Corona, Beschimpfungen: Im Wahlkampf ist für ihn alles erlaubt. Und ausgerechnet seine Tweets hat Twitter mit einem Faktencheck ergänzt. Und stört es irgendwen im Wahlkampf? Hat Trump vielleicht überdreht? Oder wird ihn genau das zum Sieg führen? Ein Stillleben aus dem amerikanischen Wahlkampf im Rahmen der NDR Info Serie "Die Blendung: Wie Lügen die Debatte bestimmen".

von Sebastian Hesse, ARD-Studio Washington

US-Präsident Bill Clinton unterschreibt am 1.7.2000 in Washington ein Gesetz, das die Flut von geheimen Wahlkampfspenden eindämmen soll. © dpa - Bildarchiv
Auch Bill Clinton hat während seiner Amtszeit gelogen. Doch Donald Trump stellt dabei neue Maßstäbe auf.

Zugegeben, die Lüge als strategisches Instrument hat nicht erst mit Donald Trump Einzug gehalten in die amerikanische Politik: "I did not have sexual relations with that woman" ("Ich hatte keine sexuelle Beziehung mit dieser Frau") log Bill Clinton einst über sein Verhältnis zur Praktikantin Monica Lewinsky.

Keiner lügt so dreist wie Trump

Clinton log, Bush log und, ja, auch Obama log. Aber keiner von Trumps Amtsvorgängern hat sich je derart dreist die Realität zurechtgebogen. Schon Trumps allererste Gehversuche auf dem politischen Parkett fußten auf einer unwahren Behauptung - der sogenannten Birther-Kampagne.

2011, fünf Jahre vor seinem spektakulären Wahlsieg, schwang sich Trump zur Galionsfigur derjenigen auf, die behaupteten, Barack Obama sei gar kein Amerikaner, sondern in Kenia geboren und hätte daher nie Präsident werden dürfen. Hatte hohen Unterhaltungswert, war aber völlig an den Haaren herbeigezogen.

Computertastatur mit der Aufschrift "Fake" (Symbolfoto) © imago images / Christian Ohde
AUDIO: Lügen in der Politik: "Trump eine Nummer für sich" (4 Min)

Erste Lüge schon nach der Amtseinführung

2017 lieferte dann Trumps Amtsantritt einen unmittelbaren Vorgeschmack darauf, was da an Wahrheitsverdrehung kommen sollte: Der frisch eingeschworene Präsident ließ verkünden, dass nie zuvor in der Geschichte so viele Teilnehmer einer Amtseinführung beigewohnt hätten wie bei ihm. Was sich anhand von Luftbildern sehr schnell widerlegen ließ. Kritik an Trumps Einschätzung wurde als "alternative facts" abgetan.

Alternative Fakten - das war die erste Wortschöpfung einer Präsidentschaft, die sich ihre eigene Realität schuf. Kritik wurde von Anfang an als "Fake News" zurückgewiesen. Und die eigene Lesart, und mochte sie noch so abenteuerlich sein, wurde gnadenlos herausgehämmert - vor allem in den berüchtigten Tweets von Trump.

"Washington Post" zählt mehr als 20.000 Trump-Lügen

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US-Präsident Trump bei einer Keep America Great-Rede. © dpa picture alliance Foto: Lev Radin
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Serie "Die Blendung", Teil 2: Der Präsident hat immer Recht

Donald Trump lügt seit Beginn seiner Amtszeit - bisher schon über 20.000 Mal. USA-Korrespondent Sebastian Hesse blickt auf den US-Präsidenten und sein komplexes Verhältnis zur Wahrheit. 4 Min

Er sei der transparenteste Präsident aller Zeiten, prahlte der Stakkato-Tweeter Trump. Die "Fake News Media" - im Trump-Jargon das Gegenstück zur deutschen "Lügenpresse" -, erhoben daraufhin den Faktencheck zur aussagekräftigsten Kolumne, allen voran die "Washington Post".

Seither dokumentiert die Zeitung sorgfältig alle falschen und irreführenden Behauptungen des Präsidenten. Eine Mammutaufgabe: Mitte Juli dieses Jahres waren es über 20.000 Unwahrheiten, die das Blatt nachweisen konnte.

Trump will stets in gutem Licht dastehen

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Sich die Realität so hinbiegen, dass sie ihn in möglichst gutem Licht dastehen lässt: "Das hat bei Donald Trump schon lange Methode!“ Das sagt einer, der es wissen muss: Tony Schwartz, Trumps Ghostwriter bei dessen Bestseller "The Art of the Deal": "Er verfügt über eine perverse Genialität, jede Situation so zu verbiegen, dass sie seine Brillanz bezeugt", sagt Schwartz, "auch wenn das absolut nicht wahr ist." Schon im ersten Amtsjahr inspirierte das Barbra Streisand zu einem Trump-kritischen Song: "Don’t lie to me", "Lüg mich nicht an".

Doch wie schafft es Donald Trump, dass seine Verehrer und Unterstützer ihm sein nachweislich gespaltenes Verhältnis zur Wahrheit durchgehen lassen? Vor allem, indem er - wie alle Populisten - den Spieß einfach umdreht und anderen vorauseilend zur Last legt, was ihm vorgeworfen zu werden droht: Die von Obama eingeführte Krankenversicherung etwa sei eine große Lüge, sagte Trump.

Kampf um die Deutungshoheit

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Und den alten Eliten, denen er den Kampf angesagt hat, sei jedes Mittel recht, ihn zu diskreditieren. Gemeint sind die Medien, die Opposition, liberale Richter, Kritiker aus den eigenen Reihen: allesamt Teil des Washingtoner Sumpfes, den auszutrocknen er von seinen Fans beauftragt wurde. "Die muss man mit ihren eigenen Waffen schlagen", ist Trump überzeugt. Wer ihn angreift, so die Logik, der attackiert sein politisches Projekt. Und damit seine Auftraggeber: die Trump-Wähler. Die wollen die Deutungshoheit in Amerika zurückerobern. Solange er im Mittelpunkt stehen kann, nimmt Trump ihnen das gerne ab.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 04.08.2020 | 08:08 Uhr

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