Stand: 27.04.2020 08:08 Uhr

"Man wird behandelt, als ob man die Pest hat"

von Marie Löwenstein

Eigentlich hatte sich Claudia Baumann (Name von der Redaktion geändert) auf diesen Tag sehr gefreut: Die Covid-19- Erkrankung war überstanden - und damit auch die vom Gesundheitsamt angeordnete Quarantäne beendet. Endlich wieder das Haus verlassen. Endlich wieder ein bisschen Normalität genießen, sofern das in Zeiten der Coronavirus-Krise möglich ist. "Ich habe meinen Hund genommen und bin raus in die Nachbarschaft", berichtet die 45-Jährige. Aber die Nachbarn wechselten die Straßenseite oder schauten ihr nicht mehr in die Augen. "Es fing gleich das Getuschel an. Kein 'Hallo' oder 'Guten Tag'." Auch ein "Hier ist Corona-freie Zone" musste sich die Altenpflegerin anhören.

"Ich habe geweint und die Welt nicht mehr verstanden"

Die Coronavirus-Krise fördert viel Solidarität und Wertschätzung zu Tage. Es gibt allerdings auch die Kehrseite der Pandemie: Menschen werden gemieden oder beschimpft, weil sie infiziert waren oder mit Erkrankten arbeiten. Geschichten wie die von Claudia Baumann, die in einem "systemrelevanten", beklatschten Beruf arbeitet, zeugen davon.

Hintergrund
Eine Laborantin sitzt an einem Mikroskop in einem abgedunkelten Labor © Colourbox

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Selbst die Arztpraxis, in die sie für eine Nachuntersuchung überwiesen worden war, habe sie abgewiesen, erzählt die 45-Jährige. Der Arzt verlangte einen negativen Corona-Test, obwohl das Gesundheitsamt solche nach überstandener Quarantäne nicht standardmäßig ausführe: "Es war voll beim Arzt, jeder hat mich angeguckt. Ich weiß nicht, ob es bemitleidende Blicke waren oder alle dachten: 'Hoffentlich hat die mich jetzt nicht angesteckt'", berichtet die Altenpflegerin. "Man wird wirklich behandelt, als ob man die Pest hat."

Wo sie sich mit dem Coronavirus angesteckt hat, weiß die 45-Jährige nicht genau. Sie weiß nur, dass sie die Reaktionen aus ihrem Umfeld tief getroffen haben: "Ich habe geweint und die Welt nicht mehr verstanden, dass man so mit Betroffenen umgeht."

Angst: Geschäfte verweigern Pflegekräften Zutritt

Erfahrungen, mit denen Claudia Baumann nicht alleine ist. So berichteten Mitarbeiter eines ambulanten Pflegedienstes in Wolfsburg, dass ihnen der Zutritt zu Geschäften verwehrt wurde. Durch ihre Dienstkleidung waren sie als medizinisches Personal erkennbar gewesen. Auch Menschen mit asiatischem Aussehen klagen darüber, dass sie zunehmend rassistischen Angriffen ausgesetzt seien, weil das Coronavirus als erstes in China auftrat.

Sozialpsychologe warnt vor psychischen Erkrankungen

Solches Verhalten folge altbekannten kulturellen Mustern, sagt der Sozialpsychologe Ulrich Wagner von der Universität Marburg. Schon im Mittelalter habe man Menschen, die mit Krankheiten assoziiert wurden, ausgegrenzt: "Bei Situationen, die uns überfordern oder Angst auslösen, versuchen wir, bestimmte Gruppen ausfindig zu machen, die dafür verantwortlich sein könnten."

Auch wenn so ein Verhalten meist aus dem Affekt heraus geschehe, zu entschuldigen sei dies nicht, so Wagner. Denn bei den Betroffenen könnten dadurch tiefe Verletzungen bis hin zu psychischen Erkrankungen entstehen.

Offene Kommunikation und Solidarität wichtig

Der Sozialpsychologe sieht aber gute Möglichkeiten, Situationen der Verunsicherung zu umgehen. "In der unmittelbaren Nachbarschaft, wo die meisten Menschen ohnehin wissen, dass es hier eine Quarantäne-Situation gibt, würde ich damit offen umgehen und vor allen Dingen auch klarmachen, wann die Quarantäne überstanden ist", empfiehlt Wagner. Die Bringschuld dürfe aber keinesfalls allein bei den Betroffenen liegen. Niemand sei verpflichtet, eine Erkrankung vor sich herzutragen, zumal die Symptome und die Quarantäne schon belastend genug seien, so der Sozialpsychologe. Vielmehr sollten die Nachbarn sich solidarisch zeigen und offen kommunizieren. "Indem man zum Beispiel Nachrichten im Briefkasten hinterlässt oder mal telefoniert. Es ist eine andere Form der Kommunikation als die von Angesicht zu Angesicht - und dennoch sehr hilfreich."

Auch Claudia Baumann hätte sich von ihren Nachbarn gewünscht, einfach angesprochen zu werden. Mit einigen von ihnen habe sie mittlerweile geredet, sagt sie. Mit anderen sei das Verhältnis aber wohl auf Dauer zerrüttet.

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NDR Info | Aktuell | 27.04.2020 | 06:50 Uhr

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